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Hamburg

10. Dezember 2016 | 00:23 Uhr

Hamburg : Kita für Schwerstbehinderte: Wo Inklusion an Grenzen stößt

vom

Eigentlich sollen behinderte und nicht behinderte Kinder miteinander groß werden - doch bei manchen Kindern ist Inklusion schwierig. Die Alternative: Die Kita Sonnengarten in Hamburg.

Hamburg | Es ist ganz still in der Kita Sonnengarten in Hamburg-Osdorf. Der zweieinhalb Jahre alte Jonas schaut vom Schoß seines Vaters Joachim Hassel neugierig die Besucher an. Magdalena (5) steckt in einer Stehhilfe und hat ein Bilderbuch mit Bauernhofmotiven vor sich auf dem Tisch liegen, Asya schläft in den Armen von Anna Gelmudinow. „Sie braucht ganz viel Körperkontakt, um zur Ruhe zu kommen“, sagt die Kinderkrankenschwester über das zweieinhalbjährige Mädchen mit den dunklen Haaren. Keines der insgesamt sieben Kinder ist gesund: Jedes ist mehrfach schwerstbehindert, keines von ihnen kann herumtoben wie ihre Altersgenossen.

Inklusion ist das große Ziel der Bildungspolitik. Behinderte und nicht behinderte Kinder sollen gemeinsam aufwachsen und lernen. Doch bei mehrfach- und schwerstbehinderten Kindern zeigen sich Grenzen des Konzepts.

Herzprobleme, Gehirnschäden, Epilepsien, Gehbehinderungen machen einfachste Dinge schwierig. Jonas habe sich lange Zeit mit dem Essen schwergetan, erzählt Joachim Hassel. Jetzt bekomme er sein Mittagessen schon mit dem Löffel. Damit die Kinder sich wohlfühlen und auf ihre individuellen Bedürfnisse eingegangen werden kann, hat jedes Kind seine eigene Betreuerin. Es ist ein ungewöhnlicher Aufwand, den das Evangelisch-Lutherische Kita-Werk Altona-Blankenese betreiben muss. Die Freude bei den Betreibern ist darum am Donnerstag groß, als Sozialsenatorin Melanie Leonhard (SPD) erklärt, dass die Stadt das in Hamburg einmalige Projekt auf Dauer fördern wird.

Gesetzlich sei das gar nicht vorgesehen. Behinderte Kinder sollen in einen integrativen Kindergarten gehen, zusammen mit nicht behinderten Kindern. Aber Integration habe ihre Grenzen, erklärt die Senatorin, die selbst Mutter ist. „Man kann auch in einem integrativen Kindergarten nicht hinter Kindern hinterherlaufen und sagen: Seid mal besonders leise, hier gibt es einen von euch, der das nicht verträgt!“ Für diese schwerstbehinderten Kinder sei ein geschützter Raum nötig, um Teilhabe zu ermöglichen.

Jonas braucht so einen Raum, er ist sehr geräuschempfindlich, wie sein Vater sagt. „Es ist gut zu wissen, dass er hier seine Ruhephasen bekommt.“ Dafür hat die Kita Sonnenschein einen Ruheraum im Obergeschoss. Er ist mit zwei höhenverstellbaren Kinderbetten ausgestattet. Daneben steht ein Massagestuhl, gegenüber ein großes Wasserbett mit Vorhang. Das Licht kommt aus einer Lampe, in der sprudelndes Wasser zu sehen ist. An der Decke ist ein leuchtender Sternenhimmel angebracht. Warum nicht jedes Kind sein eigenes Bett hat? „Sie können die Kinder nicht einfach ins Bett legen, da muss immer eine Krankenschwester dabei sein“, erläutert Kita-Werk-Geschäftsführerin Karin Müller.

Die Kita Sonnengarten ist in einem eigenen Gebäude untergebracht, aber ganz in der Nähe einer benachbarten integrativen Kindertagesstätte. Gemeinsam haben beide Einrichtungen schon Tagesausflüge an die Elbe oder in einen Tierpark gemacht. „Insgesamt hat das hervorragend geklappt“, sagt Kita-Leiter Matthias Creydt. „Es war für die Kinder ein echtes Erlebnis.“ Wenn man einen Blick dafür habe, könne man sehen, welchen enormen Schritt in Richtung Teilhabe die Kinder und deren Eltern machten, sagt Hassel. „Dass Jonas ein Muttertagsgeschenk gebastelt hat, daran hatte ich vorher überhaupt nicht gedacht.“

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erstellt am 12.Mai.2016 | 18:53 Uhr

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