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Hamburg

09. Dezember 2016 | 08:57 Uhr

Hamburg : Jugendhilfe-Fälle ausgedacht: Beamter soll 500.000 Euro kassiert haben

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Seit 2004 erfand ein 54-Jähriger fiktive Kinder und speiste sie als Jugendhilfefälle ins System ein.

Hamburg | Ein schier ungeheuerlicher Verdacht erschüttert den Hamburger Bezirk Mitte: Ein Regionalleiter (54) des Allgemeinen Sozialen Dienstes (ASD) der Jugendämter soll über Jahre hinweg für erfundene Kinder und Jugendliche Geld kassiert haben. Nach Angaben von Bezirksamtsleiter Falko Droßmann (SPD) könnte sich der Schaden auf bis zu einer halben Million Euro belaufen. Droßmann machte den Fall gestern öffentlich und räumte ein: „Wir müssen uns selbstkritisch fragen: Was können wir besser machen?“

Nicht nur die dreiste Masche des mutmaßlichen Betruges, sondern auch die Dauer sind schwer zu fassen. Nach den Angaben könnten die Tricksereien zu Lasten der Stadtkasse schon 2004 begonnen haben. Die Staatsanwaltschaft und das Dezernat für Interne Ermittlungen sind eingeschaltet. Ein Komplize des 54-Jährigen habe inzwischen seine Beteiligung gestanden, hieß es. Der Hauptverdächtige ist offenkundig abgetaucht.

Nach den bisherigen Erkenntnissen hat sich der Betrug wie folgt abgespielt: Der erfahrene ASD-Regionalleiter für Billstedt/Horn/Mümmelmannsberg, Matthias M., soll reihenweise hilfsbedürftige Jugendliche erfunden haben. Droßmann: „Diese Namen hat er ins Jugendhilfesystem eingespeist.“ Wie üblich übertrug M. einem ebenfalls Jugendhilfeträger außerhalb der Verwaltung die Betreuung der Fälle. Doch dieser Träger existierte eben so wenig wie die Kinder und Jugendlichen. Geld für Betreuungsleistungen floss dennoch.

Allem Anschein nach hatte sich der geständige Komplize als sozialer Träger ausgegeben. An ihn überwies die Stadt nichtsahnend Beträge für nie erbrachte Leistungen. Ihre „Beute“ sollen die Männer untereinander aufgeteilt haben. Am Montag durchsuchten Ermittler M.'s Behördenbüro am Klosterwall und beschlagnahmten Beweismaterial.

Wie der Schmu überhaupt möglich war, und warum über den langen Zeitraum niemand Verdacht schöpfte, ist auch dem Bezirkschef noch ein Rätsel. Gerade vom Bezirkschef erwartet die Opposition nun knallharte Aufklärung. Für den CDU-Familienpolitiker Philipp Heißner handelt es sich um einen „Skandal ersten Ranges“, der sich in die Negativereignisse im Jugendamt Hamburg-Mitte einreihe. In dessen Verantwortung waren in den vergangenen Jahren mehrere Kinder aus problematischen Verhältnissen zu Tode gekommen. Nach Bekanntwerden solcher Fälle waren stets die Strukturen der bezirklichen Jugendhilfe kritisch durchleuchtet worden, zuletzt nach dem Mord an der Dreijährigen Yagmur vor drei Jahren. Heißner: „Es zeigt sich einmal mehr das jahrelange Führungsversagen im Bezirksamt Mitte.“

Der familienpolitische Sprecher der FDP-Bürgerschaftsfraktion, Daniel Oetzel, sprach von einem „ungeheuerlichen Verdacht“ und forderte „schnelle und rückhaltlose“ Aufklärung. Sollte sich der Vorwurf bewahrheiten, so Oetzel, sei außer dem finanziellen Schaden erneut ein immenser Vertrauensverlust in den ASD zu befürchten. „Das interne Controlling hat scheinbar komplett versagt und das, obwohl die Prozesse und Abläufe in den Diensten erst kürzlich umfassend weiterentwickelt worden sind.“
 

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erstellt am 24.Nov.2016 | 10:39 Uhr

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