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Hamburg

27. Juni 2016 | 06:08 Uhr

Hartz-IV-Rebellin : Inge Hannemann: Vom Gerichtssaal in die Hamburger Bürgerschaft

vom

Sie wurde als die „Hartz-IV-Rebellin“ bekannt. Künftig wird sie – ohne Parteibuch – für die Linke im Hamburger Landesparlament sitzen.

Hamburg | Inge Hannemann hat eine spannende und aufreibende Zeit hinter sich. Zunächst legte sie sich mehrere Jahre mit ihrem Arbeitgeber Jobcenter team.arbeit.hamburg an, inklusive Gerichtstermine, nun wird die unermüdliche Kämpferin für eine andere Sozial- und Arbeitsgesetzgebung für die Linken ohne Parteibuch in der Bürgerschaft sitzen.

Ihr Einsatz hat ihr die Titulierung „Hart-IV-Rebellin“ eingebracht. Nun sitzt Hannemann entspannt in einem Café in Altona-Altstadt und berichtet, wie sie, aufgrund ihrer Wahrnehmung von sozialer Gerechtigkeit im Arbeitssystem, politisch aktiv wurde. 2006 war die gebürtige Hamburgerin wieder in ihre alte Heimat zurückgezogen. Zuvor hatte die gelernte Speditionskauffrau und IT-Expertin in der Schweiz gearbeitet und hier bereits einen Betriebsrat gegründet, „weil die Kassiererinnen unter Tarif bezahlt wurden“. In Freiburg fing die 46-Jährige dann 2005 im Jobcenter als Fallmanagerin an.

Schon hier begehrte sie gegen die vom damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder unter dem Namen Agenda 2010 realisierte Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe zu Hartz IV auf. „Die Agenda hat zu einer Spaltung von Erwerbslosen und Erwerbstätigen geführt“, sagt sie. Es gebe seitdem eine Sanktionspraxis bis auf Null, beklagt Hannemann, alles würde in einen Niedriglohnsektor hineingepresst, Hauptsache die Statistik stimme. In Hamburg vermittelte sie dann zunächst Jobs an Schwerbehinderte, auch diesen wäre zum großen Teil jede erdenkliche Tätigkeit zugemutet worden.

Heinemann empörte sich, stellte „zu viele Fragen“ und wurde schließlich ins Jobcenter St. Pauli versetzt, wo sie „Chefköche für 6,50 Euro brutto Stundenlohn“, vermitteln musste, schließlich landete Hannemann im Jobcenter Hamburg-Altona. Wer sich geweigert habe, Arbeit anzunehmen, musste sanktioniert werden. „Die meisten meiner Kollegen haben das, ohne weiter drüber nachzudenken, gemacht, das hat mich geärgert“, sagt sie. „Du bist zu menschlich“, hätten diese geantwortet. „Aber ich stelle den Menschen vor das Gesetz“, lautete ihr Konter.

Hannemann begann 2011 einen Blog, wo sie ihre Erlebnisse im Internet publizierte, wohlwissend, dass diese Form der Öffentlichkeit zwangsläufig zu Ärger mit ihrem Arbeitgeber führen musste. Als sie auch noch ein You-Tube-Video mit einem Vortrag zum Thema von sich ins Netz stellte, eskalierte der Zoff mit der zuständigen Arbeitsbehörde. Es folgten Gerichtstermine, schließlich ließ sich Hannemann im Dezember 2014 auf einen Vergleich ein, arbeitet seitdem im Integrationsamt für schwerbehinderte Menschen. Hannemann empfindet es als Zwangsversetzung, hat sich vorerst aber damit abgefunden. Zumal nun auch ein zweiter Job hinzukommt, der einer Bürgerschaftsabgeordneten.

Hannemann kommt aus einem politischen Haushalt, ihre Eltern waren bei den frühen Grünen engagiert, sie selber bei den Jusos in der SPD. Doch diese sei seit Schröders Agenda-Politik indiskutabel geworden, so Hannemann. Sie wurde auch parlamentarisch aktiv, saß für Partei Die Linke bereits in der Bezirksversammlung Altona und hatte auch einen guten Draht zu Bundespolitikern wie Vorsitzende Katja Kipping und Sahra Wagenknecht. Hannemann ist allerdings kein Parteimitglied. „Man muss von mehreren Seiten Druck aufbauen“, fordert sie. Schließlich ist sie nun auf dem Listenplatz der Linkspartei in die neu gewählte Hamburger Bürgerschaft eingezogen.  

Sie werde nun in den Ausschüssen Arbeitsmarkt und Soziales aktiv werden. Auch wenn Hartz IV der Bundesgesetzgebung unterliege, müsse man Druck aufbauen, damit die Sanktionen entschärft werden. Hannemann „Hartz IV ist ein gesellschaftlicher Skandal und gehört nicht korrigiert, sondern abgeschafft.“

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erstellt am 24.Feb.2015 | 06:41 Uhr

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