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Hamburg

24. Juli 2016 | 22:22 Uhr

Olympia-Referendum : In Hamburg sagt man Nein: Generalabsage für große Sport-Spektakel?

vom

Welche Lehren sind aus dem Nein der Hamburger zu Olympia zu ziehen? Die Chancen für künftige Großereignisse stehen jedenfalls nicht besser dadurch.

Hamburg | Nach dem Aus für die Hamburger Olympia-Bewerbung kehren Bund, Stadt und Verbände am Montag die sportpolitischen Scherben zusammen. Das Nein der Bürger zu Sommerspielen 2024 hat bei den Planern Entsetzen und Niedergeschlagenheit hinterlassen. Wenige Stunden nach der Pleite wissen Politik und Sport noch nicht, wie es ohne die hehren Pläne von Olympischen Spielen 2024 weitergehen soll. „Für den deutschen Sport ist das ein Armutszeugnis“, sagte Hockey-Olympiasieger Christian Blunck lapidar. Kritiker freuen sich hingegen über das Veto der Bürger und fordern eine gute Planung für die jetzt eingesparten Kosten.

Bei dem Referendum stimmten am Sonntag 51,6 Prozent der Hamburger dagegen, dass sich die Stadt um die Olympischen Spiele 2024 bewirbt. Nur 48,4 Prozent waren dafür.

BUND: Olympia-Geld in nachhaltige Stadtentwicklung stecken

Die Umweltschutzorganisation BUND hat die Entscheidung gegen eine Olympia-Bewerbung Hamburgs als Chance begrüßt. Jetzt gehe es darum, ernsthaft über eine Neuausrichtung der Stadtentwicklung zu diskutieren und diese voranzubringen, sagte BUND-Landesgeschäftsführer Manfred Braasch am Montag. Geld für gute Projekte sei da. „Aufgrund der Olympia-Bewerbung wissen wir, dass in den nächsten neun Jahren 1,2 Milliarden Euro für die Stadtentwicklung zur Verfügung stehen. Es ist gut, dass nun nicht sämtliche Ressourcen in ein einziges Mega-Sport-Event fließen müssen.“ Als klärungsbedürftig bezeichnete Braasch die Fragen, wieviel Mobilität die Stadt brauche, welche Quartiersentwicklung und welche Freiraumplanung. „So beeinträchtigen Lärm und Luftschadstoffe immer stärker die Lebensqualität vieler Hamburger. Auch die Flächenversiegelung nimmt weiter zu und erste Grünachsen und Feldmarken sollen trotz gegenläufiger Aussagen im Koalitionsvertrag bebaut werden.“ Nachhaltige Stadtentwicklung sei viel mehr als eine Bebauung des Kleinen Grasbrooks, die für den Fall einer erfolgreichen Bewerbung für die Olympischen Spiele 2024 geplant war.

Lorenz Palte, (Bund der Steuerzahler): Milliarden für die Schuldentilgung

„Die Olympia-Befürworter im Rathaus sind vor dem Referendum nicht müde geworden zu betonen, dass Hamburg die insgesamt 1,2 Milliarden Euro für die Austragung Olympischer Spiele schultern könne, ohne an anderer Stelle im Haushalt Kürzungen vornehmen zu müssen. Aus diesem Grund fordern wir, die ab 2018 auf sechs Jahre verteilten 1,2 Milliarden Euro ohne Wenn und Aber in die Schuldentilgung fließen zu lassen“, sagt Lorenz Palte vom Hamburger Bund der Steuerzahler. „Nur so können größere politische Spielräume für die nachfolgenden Generationen geschaffen werden. Es muss unbedingt verhindert werden, dass die ,freigewordenen Mittel' nun einfach in anderen Projekten versickern. Hierüber werden wir als Steuerzahlerbund genauestens wachen.“

Alfons Hörmann (DOSB) – auf ein Nein nicht vorbereitet

Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) wird sich am Samstag in Hannover bei seiner 12. Mitgliederversammlung mit der Frage beschäftigen: Was nun? Olympia sollte den deutschen Spitzensport beflügeln und aus den Niederungen führen, in die er in den vergangenen Jahren abgerutscht ist. Diese Chance für die kommende Generation sei vergeben, stellte DOSB-Präsident Alfons Hörmann ernüchtert fest. Einen Plan B gibt es derzeit nicht. Hörmann: „Wir waren auf dieses Szenario bis zum heutigen Tag nicht vorbereitet.“ Hamburg sollte ein Fanal des sportlichen Aufbruchs werden. Vorbei. „Es scheint so, dass der olympische Gedanke und Deutschland im Moment nicht zusammenpassen“, konstatierte Hörmann. Erst die Pleite in München mit der abgelehnten Olympia-Bewerbung für Winterspiele 2022, jetzt, nur zwei Jahre später, der Reinfall mit Hamburg.

Michael Vesper (DOSB): Nach Niederlagen wieder aufrappeln

Sportlicher nimmt es Michael Vesper: Nach dem Olympia-Aus für Hamburg muss nach Ansicht des DOSB-Spitzenfunktionär der Blick nach vorn gerichtet und der Spitzensport weiter gefördert werden. „Das Leben geht weiter. Man muss jetzt mit dieser Niederlage zurechtkommen - das werden wir auch tun“, betonte der Vorstandsvorsitzende im ARD-Morgenmagazin. Jeder im Sport wisse, „dass man nicht nur gewinnen kann, sondern dass es auch Niederlagen gibt. Und das Wichtige bei Niederlagen ist, dass man wieder aufsteht, sich aufrappelt“, meinte Vesper. Man müsse jetzt analysieren, „was waren die Gründe für dieses Votum (...), und dann müssen wir auch die Konsequenzen daraus ziehen und müssen den Sport für alle - aber auch den Spitzensport - weiter fördern“, betonte er. Die Hansestadt hatte nach Überzeugung von Vesper „ein sehr gutes Konzept, das auch international außerordentlich gut angekommen ist. Ich glaube, für Hamburg hätte es den Sprung über die Elbe gebracht. Wir hätten mit Olympia einen richtigen Schub bekommen.“ Nun müsse man „ohne diesen Schub weiterarbeiten und trotzdem etwas für den Spitzensport tun“. Allerdings sei heute „natürlich ein ganz falscher Tag, um über eine neue Olympia-Bewerbung nachzudenken“.

Hafenwirtschaft: Auch ohne Olympia zukunftsgerichtete Politik machen

Die Hamburger Hafenwirtschaft will nach der gescheiterten Hamburger Olympia-Bewerbung an den vorhandenen Standorten auf dem Kleinen Grasbrook investieren. „Die Entscheidung der Hamburger und Hamburgerinnen gegen eine Bewerbung um die Olympischen Spiele 2024 ist zu respektieren“, sagte am Montag Gunther Bonz, der Präsident des Unternehmensverbandes Hafen Hamburg. „Die Hamburger Hafenwirtschaft erwartet von der Politik, dass eine in die Zukunft gerichtete Entwicklung des Hamburger Hafens auch ohne Olympia weiter forciert wird und die geplanten Infrastrukturmaßnahmen im Zeitplan umgesetzt werden.“

Für die Olympischen Spiele hätten zahlreiche Betriebe mit rund 2000 Mitarbeitern im Hafen verlagert werden müssen, um Platz für Olympia-Anlagen zu schaffen. Die Unternehmen und der Senat hatten sich erst vor wenigen Tagen auf eine gemeinsame Grundlage für die geplanten Umzüge verständigt, die nunmehr obsolet geworden ist. Der Kleine Grasbrook bleibt Hafengelände.

Olympia-Botschafter Otto: Warnung vor Selbstvorwürfen

Hamburgs Olympia-Botschafter Alexander Otto hat davor gewarnt, die Olympia-Pläne der Hansestadt nach dem gescheiterten Referendum schlechtzureden. „Man darf sich selbst keine Vorwürfe machen. Alle haben einen fantastischen Job gemacht, es war ein tolles Konzept, es wurde professionell gearbeitet“, sagte der Unternehmer nach dem Olympia-Aus für 2024.

Die Umfragen hätten sich unter dem Eindruck der Terroranschläge und Skandale in den Sportorganisationen merklich verschlechtert. Aber: „Den Zeitpunkt für ein Referendum kann man sich nicht aussuchen.“ Er selbst werde sich weiter für den Sport in Hamburg engagieren. Otto hatte zusammen mit der Hamburger Wirtschaft drei Millionen Euro für die olympische Werbekampagne zum Volksentscheid aufgebracht. Nach den gesetzlichen Regelungen durften keine Steuermittel verwendet werden. 72 Unternehmen hätten sich an der Spendenaktion beteiligt.

Handball-Chef Andreas Michelmann: Demokratisches Land steht für Olympia nicht bereit

Der Deutsche Handballbund hat mit Ernüchterung auf das Nein der Hamburger Bürger zur Olympia-Bewerbung reagiert. „Das heißt, dass ein demokratisch regiertes Land nicht zur Verfügung steht. Wir ziehen zwar über die Sotschis und Dohas dieser Welt her, sind aber nicht in der Lage, selbst Sportereignisse dieser Dimension auszurichten. Das ist die bittere Erkenntnis“, sagte DHB-Präsident Andreas Michelmann am Montag.

„Es war mutig von Hamburg zu sagen, wir wollen beweisen, dass man auch in demokratischen Ländern Olympische Spiele ausrichten kann“, meinte Michelmann und übte zugleich Kritik: „Offenbar ist die Bevölkerung so verunsichert und denkt so kleinteilig, dass es leichter ist, sie mit Angstsirenen einzuschüchtern als mit Visionen für die Zukunft zu begeistern.“ Der Oberbürgermeister der Stadt Aschersleben sieht durch das Ergebnis im Referendum auch die künftige Stellung des deutschen Sports auf internationaler Ebene beschädigt.

Der DHB hatte erst kürzlich die Finalspiele der Frauen-WM 2017 an die Hansestadt vergeben. „Hamburg hatte nach meiner Meinung mit einem realistischen und zukunftsorientierten Konzept gute Chancen“, erklärte der Verbandschef.

Christoph Holstein (Hamburger Staatsrat): Bewerbungsgesellschaft wird abgewickelt

Die Hamburger Bewerbungsgesellschaft wird nach dem Nein der Hamburger zu Olympischen Spielen 2024 ihre Aktivitäten einstellen. Die Verträge der 25 Mitarbeiter laufen zum Jahresende aus. „Die Gesellschaft werden wir jetzt abwickeln müssen, das ist menschlich schon bitter. Viele haben 14, 15 Stunden am Tag gearbeitet“, sagte der Hamburger Staatsrat Christoph Holstein. Einige Mitarbeiter hätten sichere Arbeitsplätze für die Olympia-Idee aufgegeben, in einem Monat seien sie arbeitslos. Auf der anderen Seite sei es wichtig, die Bedeutung des Sports hochzuhalten. „Sport in Hamburg muss wichtig bleiben, daran müssen wir arbeiten“, sagte Holstein. Der Stellenwert des Sports sei schon durch die Olympia-Pläne ein ganz anderer geworden. Dazu zähle auch der integrative Gedanke. Die Pläne zum barrierefreien Ausbau der Infrastruktur in der Hansestadt hätten durch den Olympia-Stopp einen Rückschlag erlitten.

Dagmar Freitag (SPD): Eine Denkpause verordnen

Die Sportausschussvorsitzende des Deutschen Bundestages erwartet, dass das Thema einer Olympia-Bewerbung auf unabsehbare vom Tisch ist. „Meine große Sorge ist, dass wir in Deutschland über viele Jahre nicht mehr über eine Bewerbung reden werden“, kommentierte Dagmar Freitag die Ablehnung des Sport-Großprojektes. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir es 2028 noch einmal versuchen, sondern halte es auch für geboten, uns eine Denkpause zu verordnen.“

„Es ist ein demokratisch zustande gekommenes Ergebnis, das es zu akzeptieren gilt. Ich bedauere persönlich das Ergebnis, mit dem ich auch so nicht gerechnet hätte“, meinte die SPD-Politikerin. „Ich hatte eher eine knappe Zustimmung erwartet. Es ist eine vertane Chance für den deutschen Sport.“ Als Gründe für das Scheitern nennt sie die „mittlerweile schwierige Situation für den Sport, national wie international“. Affären und Skandale wie im Fußball-Weltverband FIFA, dem Deutschen Fußball-Bund oder der russischen Leichtathletik hätten „ein sehr schwieriges Licht auf den Sport“ geworfen.

„Schade ist, dass Deutschland aus der internationalen Diskussion um die Austragung von Olympischen Spielen vorerst ausgeschlossen ist und wohl kaum noch ständig Kritik an die Vergabe an Länder üben kann, die unseren Standards in mehrfacher Hinsicht nicht standhalten“, sagte Freitag unter anderen mit Blick auf Vergabe der Winterspiele 2022 an Peking. „Wir hätten mit der Olympia-Bewerbung von Hamburg ein nachhaltiges Konzept und damit eine Alternative gehabt.“

Clemens Prokop (DLV): Auf absehbare Zeit erledigt

Als „Riesenenttäuschung für den Sport“ hat Clemens Prokop, Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), das Nein der Hamburger zu Olympia bezeichnet. Olympische Spiele in Deutschland werden nun „für eine Generation lang kein Thema mehr sein“, sagte er dem Bayerischen Rundfunk. „Auf absehbare Zeit ist nach meiner Erwartungshaltung das Thema Olympische Spiele in Deutschland erledigt.“ Das Nein in der Hansestadt habe viele Gründe gehabt: Misstrauen gegen internationale Sportorganisationen durch die Skandale der letzten Zeit, Angst und Misstrauen in Großprojekte generell sowie Sicherheitsfragen nach den Anschlägen in Frankreich. Dem Breitensport werde dies aber nicht schaden, sagte Prokop. „Die Sportbegeisterung in Deutschland ist groß, und der Breitensport wird davon sicher nicht tangiert.“

Die Handball-Ikone Stefan Kretzschmar twitterte verärgert:

Ähnlich äußerte sich Paralympics-Siegerin Kirsten Bruhn. Nun sehe es düster aus für den Leistungssport in Deutschland.

Beim IOC in Lausanne schien das Hamburger Nein kein Erstaunen hervorzurufen. „Wenn man die Diskussionen in Deutschland in den letzten Wochen verfolgt hat, kommt dieses Ergebnis nicht ganz überraschend“, teilte ein IOC-Sprecher mit. Hamburg habe eine große Chance verpasst, weil das IOC der Stadt 1,7 Milliarden US-Dollar (1,6 Milliarden Euro) zum Gelingen der Spiele beigesteuert hätte. „Es ist verständlich, dass die Einwohner Hamburgs in einer Situation, in der Deutschland mit der hohen Anzahl von Flüchtlingen eine historische Herausforderung zu bewältigen hat, auf die nicht geklärte Finanzierung sensibel reagiert haben.“ Das IOC will Deutschland aber nicht ausgrenzen. Es freue sich „auf die weitere Zusammenarbeit mit dem DOSB“. Nicht nur das IOC ist enttäuscht, auch Kiel. Der Segel-Partner Hamburgs sprach sich mit überwältigender Mehrheit von 65,57 für olympische Regatten auf der Förde aus. Doch selbst die 40.792 Kieler Ja-Stimmen hätten Hamburg nicht gerettet.

 

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erstellt am 30.Nov.2015 | 12:57 Uhr

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