zur Navigation springen

Hamburg

11. Dezember 2016 | 07:17 Uhr

„Wut“ und „Rage“ im Thalia Theater Hamburg : „Ich, ich, ich, ich.“

vom

Eine Mischung aus Elfriede Jelineks und Simon Stephens Stücken thematisiert eine verrohte Gesellschaft aus Europäern und schließlich auch Muslimen.

Hamburg | Der Schriftzug „Happy“ schwebt an der Decke, später wird es „Happy New Year!“ heißen. Doch der Raum darunter ist düster und leer. Isoliert voneinander aufgestellte Jugendliche saufen darin, übergeben sich, urinieren ausufernd, tanzen zuckend, wollen Sex, aber nicht den Namen des anderen kennen. Schreien „Ich, ich, ich, ich.“ Eine verrohte Gesellschaft aus Europäern und schließlich auch Muslimen, in der die Stimmung ins Extremistische kippt. „Ich schneide dir dein braunes Gesicht aus dem Schädel, ich schwöre es bei Gott“, tönt es dann. Eine Szene aus dem Stück „Rage“ von Simon Stephens, das unter der Regie von Sebastian Nübling verzahnt mit Elfriede Jelineks „Wut“ am Freitagabend im Thalia Theater Hamburg zur Uraufführung gekommen ist.

Das Publikum spendete dem auf zwei Stunden heruntergebrochenen Abend „Wut/Rage“, der gesellschaftliche Stimmungsbilder vermitteln will, in Anwesenheit des Autors viel Beifall. Das Jelinek-Werk, von dem am Thalia ein Brandwächter-Monolog für die grandiose Schauspielerin Karin Neuhäuser in Auge und Ohr sticht, war einzeln bereits im April in den Münchner Kammerspielen uraufgeführt worden. Nun ist es vielfach verbunden mit dem Text des britischen Erfolgsdramatikers Stephens (45, „Pornografie“), dessen globalisierungskritische Opernparaphrase „Carmen Disruption“ sein Weggefährte Nübling vor zwei Jahren am Deutschen Schauspielhaus zur Uraufführung gebracht hat.

Zu ihrem Text hat sich Jelinek von den tödlichen Islamisten-Attentate auf die Redaktion des Satireblatts „Charlie Hebdo“ und einen jüdischen Supermarkt im Paris letzten Jahres anstiften lassen.

Stephens wurde von einem Neujahrsbild des Fotografen Joel Goodman inspiriert, um das es einen Hype im weltweiten Netz gibt. Das Bild Goodmans - er war ebenfalls zur Uraufführung in die Hansestadt gekommen - zeigt in geradezu klassischer Anordnung auf dem Boden liegende Betrunkene, leicht bekleidete, desorientiert wirkende Passanten sowie bemühte Polizisten nach der Feier auf den Straßen von Manchester im Nordwesten Englands. Stephens versteht seinen Text als Antwort auf die „Wut“-Suada der österreichischen Gesellschafts-Provokateurin und Nobelpreisträgerin Jelinek (69).

Unschwer lässt sich die Manchester-Szenerie auf der von Eva-Maria Bauer gestalteten Hamburger Bühne erkennen. In plakativer und grotesker Weise scheint „Rage“ Zustände einer Welt ohne Maß und Sinn zu spiegeln, auch einer Jugend ohne Gott. Sieben Schauspieler - Kristof Van Boven, Marina Galic, Julian Greis, Franziska Hartmann, Marie Löcker, Sven Schelker und Sebastian Zimmler -  geben alles, wenn es gilt, diffuse Verlorenheit und daraus entflammende Aggression herauszulassen. „Wir brauchen keine Lehrer, wir lieben uns selbst und an Gott glauben wir auch nicht“, schreien ihre Figuren, von denen die eine in einem gelben Pokemonkostüm steckt. Die Mädels dieser trostlosen Spaßgesellschaft tragen Aufreizendes (Kostüme: Pascale Wittershagen). Sie alle spielen auch mit wütenden Jelinek-Sentenzen.

Vorurteile aufseiten von Einheimischen und langsam erkennbaren dunkelhaarigen Neuzugängen kulminieren. Der herausgeschleuderte Satz „I hate fucking muslims“ wird zur Konsequenz sozialpolitischer Vernachlässigungen. Hintersinnig wirkt dagegen der Brandwächter, der sich zu Beginn des Abends bemüht hat, nach einem imaginären Schreckensereignis ein Absperrband wieder aufzuwickeln - das allerdings kein Ende zu nehmen scheint. So wickelt und wickelt Neuhäuser 20 Minuten lang in blauer Uniform. Und lässt dabei in ihrer markant schillernden Art Jelinek-Sätze aus dem Mund quellen wie „Wenn wir jemanden umgebracht haben, werden wir unbesiegbar sein“ und „jeder Mensch besiegt jeden Gott, der nicht der seine ist.“ Gegen Schluss der Vorstellung erklingt ihre Einsicht, „das Problem ist, wie üblich, dass uns niemand liebt.“ 

zur Startseite

von
erstellt am 17.Sep.2016 | 11:46 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen