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Hamburg

04. Dezember 2016 | 15:19 Uhr

Rat der islamischen Gemeinden in HH : „Ich bin es leid, mich nach Anschlägen immer rechtfertigen zu müssen“

vom
Aus der Onlineredaktion

München, Ansbach und Würzburg: Obwohl unbeteiligt, muss sich der Rat der islamischen Gemeinden (Schura) in Hamburg immer wieder rechtfertigen.

Hamburg | Eigentlich ist Daniel Abdin ein umgänglicher Mensch, freundlich, gewinnend und charmant. Als der Vorsitzende des Rats der islamischen Gemeinden in Hamburg - Schura - sich aber schon wieder zu den jüngsten Anschlägen äußern soll, platzt ihm der Kragen. „Ich bin es leid, mich immer rechtfertigen zu müssen, wenn irgendein Idiot auf der Welt bestialisch Menschen ermordet.“ Das seien Kriminelle, mehr nicht. Natürlich seien die Taten von München, Würzburg und Ansbach eine Katastrophe. Aber dennoch, sagt Abdin in einem Tonfall, als hätte er diesen Satz schon mindestens hundert Mal von sich gegeben: „Die haben mit dem Islam nichts zu tun.“ Rechtspopulisten bezweifeln das.

Durch Anschläge wie die in München, Würzburg oder Ansbach geraten vielfach Muslime unter Geralverdacht. Islamwissenschaftler oder islamische Organisationen mahnen daher zu mehr Sachlichkeit in der Debatte.

Aber auch bei anderen wächst die Verunsicherung, zumal sowohl der Attentäter von Ansbach als auch jener von Würzburg Muslime waren - und obendrein noch Flüchtlinge. Da kann Kanzlerin Angela Merkel (CDU) noch so oft darauf hinweisen, dass Deutschland im Krieg gegen die Terrororganisation Islamischer Staat (IS), keinesfalls jedoch im Kampf gegen den Islam sei. Die Feindlichkeit gegenüber Muslimen und vor allem Asylbewerbern steigt, wie eine Studie der Universität Bielefeldt zeigt - und zwar unabhängig von den jüngsten Anschlägen, da die Daten für die Untersuchung davor erhoben wurden.

<p>Möchte sich nicht immer verteidigen müssen: Daniel Abdin, Mitglied der Hamburger Schura.</p>

Möchte sich nicht immer verteidigen müssen: Daniel Abdin, Mitglied der Hamburger Schura.

Foto: dpa

Ein Parkdeck als Gebetsraum der Al-Nour Moschee

Abdin steht bei seinem Ausbruch in einer heruntergekommenen Tiefgarage unweit des Hauptbahnhofs im Hamburger Stadtteil Sankt Georg. Netze und Drähte versuchen oberhalb der Rampe zu den Parkdecks Tauben den Aufenthalt zu vergällen - vergeblich wie der Dreck zeigt. Und dennoch zieht der unwirtliche Ort, der den ADAC bei seinen Tiefgaragentests mit Sicherheit empört aufschreien ließe, seit mehr als 20 Jahren jeden Tag viele Gläubige an. Schließlich ist eines der beiden Parkdecks Gebetsraum der sunnitisch arabischen Al-Nour Moschee, die der gebürtige Jordanier Abdin ebenfalls leitet.

Aus fast aller Herren Länder stammen sie, die dort beten, Imam Samir El-Rajab zuhören oder schlicht Gleichgesinnte auf ein Gespräch treffen. In mühevoller Kleinarbeit haben Ehrenamtliche über die Jahre versucht, dem Raum Würde abzutrotzen, haben den Betonboden mit Teppichen ausgelegt, die Wände gestrichen, teils holzvertäfelt und Vorhänge aufgehängt - was aber trotz der Mühen nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass der Gebetsraum der auf arabisch „das Licht“ heißenden Moschee ursprünglich für das Abstellen von Autos gedacht war. „Im Sommer ist es wirklich stickig. Trotz der vielen Ventilatoren bekommt man kaum Luft. Und im Winter ist es sehr kalt“, sagt Abdin.

<p>Ein Mann verlässt die Central-Moschee.</p>

Ein Mann verlässt die Central-Moschee.

Foto: dpa
 

Hunderten Flüchtlingen war das im vergangenen Jahr egal. Sie waren froh, ein Dach über dem Kopf zu haben und etwas zu Essen zu bekommen. Bis zu 400 von der Flucht erschöpfte Frauen, Männer und Kinder nahm die islamische Gemeinde zu Hochzeiten der Flüchtlingsbewegung täglich auf. Die meisten waren nur auf der Durchreise, blieben nur eine Nacht. Sie wollten rasch weiter nach Skandinavien. Allein sie zu betreuen, brachte die Gemeinde finanziell und auch personell an den Rand des Ruins, wie Abdin sagt.

„Beten im Schichtdienst“

Doch damit nicht genug: Seit in Hamburg tausende Flüchtlinge - bis zu 80 Prozent Muslime - teils dauerhaft leben, sei die Zahl der zum Freitagsgebet kommenden Gläubigen von 600 auf 2500 gestiegen, was nur noch durch „Beten im Schichtdienst“ bewältigt werden könne. Gedankt wird die Flüchtlingsbetreuung dennoch kaum. Natürlich zollen Kirchen, Behörden und Institutionen, die sich mit Flüchtlingen beschäftigen, Respekt für das Engagement und helfen auch mal mit Zuschüssen, sagt Abdin. Doch abseits davon erinnern sich im Zusammenhang mit der Al-Nour Moschee etliche eher an den 8. Oktober 2014, als Kurden und mutmaßliche Salafisten unweit der Tiefgarage mit Steinen, Flaschen und sogar Macheten aufeinander losgingen und etwa 30 teils bewaffnete Salafisten in den Gebetsraum eindrangen.

In Hamburg gibt es 50 bis 60 Moscheen, 36 von ihnen sind in der Schura organisiert, rund ein Dutzend in der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion (Ditib). Sieben Gemeinden sind dem Verband der Islamischen Kulturzentren (VIKZ) verbunden. Sie alle haben 2012 mit der Alevitischen Gemeinde und der Hansestadt Hamburg einen Staatsvertrag unterzeichnet, in dem sich alle zu den gemeinsamen Werten der grundgesetzlichen Ordnung der Bundesrepublik Deutschland bekennen. Insbesondere zählt dazu die Unantastbarkeit der Menschenwürde und die Toleranz gegenüber anderen Kulturen, Religionen und Weltanschauungen sowie die freiheitliche, rechtsstaatliche und demokratische Verfassung des Gemeinwesens.

<p>Tausende Flüchtlinge leben in Hamburg - bis zu 80 Prozent Muslime.</p>

Tausende Flüchtlinge leben in Hamburg - bis zu 80 Prozent Muslime.

Foto: dpa
 

Besonders viel zu nützen scheint das Bekenntnis jedoch nicht. „Die Arbeit muslimischer Gemeinden in der Flüchtlingshilfe wird von der Gesellschaft mit äußerstem Misstrauen beobachtet“, sagt der Migrationsforscher Professor Werner Schiffauer von der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder). Stets schwinge die Angst vor Missionierung und Radikalisierung mit. Für Birte Weiß, Vorstand im Antidiskriminierungsverband Deutschland, hängt das nicht nur mit Verunsicherung zusammen. Oft seien es schlicht Ressentiments, etwa „muslimisch, männlich gleich aggressiv“. „Der antimuslimische Rassismus im Alltag wächst“, ist Weiß überzeugt.

So würden etwa Schüler wiederholt aufgefordert, zum IS Stellung zu beziehen, „weil sie sich ja auskennen als Muslime“. Zum gleichen Ergebnis kommt der Konflikt- und Gewaltforscher Professor Andreas Zick von der Universität Bielefeldt in seinen Studien. So befürworteten bei einer Befragung zum Jahreswechsel 2015/2016 inzwischen 33,5 Prozent die These, dass islamische Terroristen bei Muslimen starken Rückhalt fänden.

Der Verfassungsschutz als „Elefant im Porzellanladen“

Doch nicht nur die Bevölkerung, auch staatliche Stellen täten ihr Übriges, um den Islam zu diskreditieren, ist Professor Schiffauer überzeugt. So benehme sich der Verfassungsschutz teils wie der „Elefant im Porzellanladen“, wenn er undifferenziert Gemeinden in seinen Berichten islamistischer Tendenzen beschuldige. Dabei hätten diese großes Interesse daran, einer Radikalisierung in die Gewalttätigkeit entgegenzutreten. Sie seien schließlich doppelt gestraft. „Sie sind als Opfer geschädigt, weil die Attentate unterschiedslos alle treffen, und sie sind allgemein geschädigt, weil ihre Zukunft durch jedes Attentat in Frage gestellt wird.“

Nun hat gerade der Hamburger Verfassungsschutz ein besonderes Verhältnis zum islamistischen Terrorismus. Schließlich hatte er 2001 nicht mitbekommen, dass sich etliche der Attentäter vom 11. September in der Hansestadt auf die Anschläge in den USA mit fast 3000 Toten vorbereitet hatten. Dass er nun deshalb aber wahllos alles beobachte, weist Verfassungsschutzsprecher Marco Haase weit von sich. „Der Islam als Religion interessiert uns als Verfassungsschützer nicht. Uns interessieren allein islamistische, dschihadistische Bestrebungen.“

Und dabei wurde man auch fündig. So stieg die Zahl der Salafisten in Hamburg von 2013 bis jetzt von 240 auf knapp 600. Die Zahl der Unterstützer des Dschihad erhöhte sich von 70 auf 305. Sammelpunkt der Salafisten sei dabei die Taqwa-Moschee in Harburg. Hinzu kämen rund 120 Anhänger der Hizb ut-Tahrir, die gezielt Kontakt zu Flüchtlingen aufnähmen. Unter Beobachtung stehe auch die zur Schura gehörenden schiitische Imam Ali-Moschee an der Außenalster - Hamburgs ältestes und bekanntestes islamisches Gotteshaus. Deren Mitglieder seien zwar nicht gewaltbereit, die Gemeinde sei aber Brückenkopf des iranischen Regimes in Deutschland und Europa, sagt Haase vom Verfassungsschutz.

<p>Ein gläubiger Muslim im islamischen Zentrum Al-Nour beim Gebet.</p>

Ein gläubiger Muslim im islamischen Zentrum Al-Nour beim Gebet.

Foto: dpa

Von der Tiefgarage in die evangelische Kirche

Für Abdin hat Radikalisierung viele Gründe, nur keine theologischen.„Die machen einen Crashkurs bei Pierre Vogel und Co.“ Abdin nennt das einen „religiösen Missbrauch“ durch Leute, die „gestern“ noch Kleinkriminelle gewesen seien. André Taubert von der Beratungsstelle „Legato - Fachstelle für religiös begründete Radikalisierungen“ sieht das nicht ganz so ausschließlich. Es gebe durchaus religiöse Gründe für eine Radikalisierung, allerdings selten. Hauptindiz für das Abgleiten von Jugendlichen in die salafistische Szene sei vor allem ein „sichtbarer Isolationsprozess“ nach persönlichen Krisen.

Mit noch mehr Sicherheitsbehörden könne man dem jedoch nicht begegnen - was auch Haase so sieht: „Je mehr Sozialarbeiter wir haben, desto weniger hat der Verfassungsschutz zu tun.“ Schura-Chef Abdin macht inzwischen fast den Eindruck, als könne er verzweifeln ob der gefühlten Geiselhaft für die hunderte Kilometer entfernt geschehenen Anschläge - zumal ihm auch die Wissenschaft nicht viel Hoffnung auf Besserung macht. Sowohl Martin Kahl vom Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik der Universität Hamburg als auch der Bielefelder Konfliktforscher Andreas Zick sind überzeugt: Durch eine Distanzierung der islamischen Gemeinden von den Gewalttaten wird deren Anerkennung nicht größer. Im Gegenteil: „Beim dritten Mal steigern Sie damit zum Teil erst den Verdacht“, sagt Zick.

Aufgeben ist für Abdin dennoch keine Option - zumal ein anderes, für die Gemeinde ebenfalls wichtiges Problem demnächst endlich gelöst sein dürfte: die Tiefgarage. Bereits 2012 hat die Al Nour-Gemeinde nach jahrelanger Suche in Hamburg-Horn eine seit zehn Jahren leerstehende evangelische Kirche gekauft. Natürlich, auch da gab es kurzzeitig Widerstände aus der Bevölkerung und auch die Umbauphase dauert länger als geplant. Doch das, meint Abdin, ist eine ganz andere Geschichte.

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erstellt am 10.Aug.2016 | 14:21 Uhr

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