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Hamburg

28. Februar 2017 | 11:04 Uhr

Alois Hiller : Hitlers heimlicher Bruder in Hamburg

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der Hamburger NS-Forscher Hans-Peter de Lorent hat nun entdeckt: Hitler hatte einen Halbbruder. Der lebte zuletzt in Hamburg und ließ dort seinen Namen ändern.

Hamburg im Oktober 1945: Der Zweite Weltkrieg ist vorbei, die Schreckensherrschaft des Führers ist beendet. Für einen Mann geht sie jedoch weiter. Alois Hitler, ehemaliger Berliner Kaufmann, der seit Kurzem in Hamburg Fuhlsbüttel lebt, ist gezeichnet. Sein Name macht ihn zum Feind. Er wendet sich deshalb mit einem Brief an die Hamburger Polizei: „Ich bin der Stiefbruder von Adolf Hitler“, steht darin, „mit diesem Schreiben bitte ich den Herrn Oberst und Kommandeur der Polizei Hamburg, meinen Familiennamen Hitler in Hiller umändern zu wollen.“

Als Begründung gibt er an, der Name erschwere ihm, seinen Beruf weiter auszuüben und stelle „eine Belastung im Umgang mit dritten Personen dar“. Dem Schreiben legte er eine Bescheinigung der englischen Militärbehörden bei, die ihn während einer vierwöchigen Haft überprüft und keine Verbindungen zu NSDAP oder SS festgestellt hatten. Die Behörden glauben Alois Hitler und bewilligen seinen Antrag – drei Wochen und 50 Reichsmark später wird aus dem kompromittierenden „Hitler“ der Name „Hiller“.

Auf die Geschichte von Alois Hitler stieß der Hamburger NS-Forscher Hans-Peter de Lorent im Staatsarchiv, während er für sein Buch „Täterprofile“ – ein Werk über das Hamburger Bildungswesen im Nationalsozialismus – recherchierte. Bis dahin sei ihm überhaupt nicht bekannt gewesen, dass Hitler einen Halbbruder in Hamburg hatte. Halbbruder ist in diesem Zusammenhang die korrekte Bezeichnung: Laut Biografie hatten Alois und Adolf Hitler denselben Vater, weshalb die Bezeichnung „Stiefbruder“ nicht zutrifft.

Inzwischen hat de Lorent die Geschichte des ungleichen Geschwisterpaares umfassend recherchiert. Dass er zuvor nichts von der Hamburger Verwandtschaft des ehemaligen Diktators wusste, ist nicht überraschend – Adolf Hitler hielt Details über seine Familie stets geheim und ließ vor seinem Tod alle Familiendokumente verbrennen.

Geboren wurde Alois junior 1882 in Wien als uneheliches Kind von Alois Hitler senior und dessen späterer Ehefrau Franziska Matzelsberger. Durch die Heirat seiner Eltern 1883 wurde er legitimiert und zu Alois Hitler. Nachdem seine Mutter an Tuberkulose gestorben war, heiratete sein Vater 1885 Klara Plötzl, die Mutter von Adolf Hitler und seiner Schwester Paula.

Der kleine Alois hatte keine glückliche Kindheit, wie de Lorents Recherchen zeigen. Seine Stiefmutter zog ihre leiblichen Kinder ihm vor, sein jähzorniger Vater verprügelte ihn. Auch mit seinem Bruder Adolf gab es nur Ärger, oft steckte er Prügel für dessen Streiche ein. Bereits mit 14 Jahren zog Alois junior deshalb von zu Hause aus. Doch auch danach lief es für den Jungen nicht unbedingt rund. Er fing eine Kellnerlehre an und wurde zum Kleinkriminellen. Er saß mehrere Haftstrafen ab und wanderte 1905 nach Dublin und Liverpool aus, wo er sich mit Kellnerjobs und Betrügereien über Wasser hielt. Zehn Jahre und eine gescheiterte Ehe später ging er zurück nach Österreich und später nach Hamburg, wo er 1919 mit gefälschten Papieren Hedwig Mickley heiratet. Aus der Ehe geht Sohn Heinrich Hitler hervor. Sein Geld versucht Alois Hitler mit Rasierklingenhandel und Hühnerzucht zu verdienen. 1924 wird bekannt, dass er auch in Irland noch Frau und Kind hat. Er wird wegen Bigamie angeklagt, kommt jedoch mit einer Bewährungsstrafe davon.

Alois Hiller (Hitler) vor seiner Gaststätte „Alois“ in Berlin. Das Restaurant soll ein Szenetreff für SA- und SS-Mitglieder gewesen sein.
Alois Hiller (Hitler) vor seiner Gaststätte „Alois“ in Berlin. Das Restaurant soll ein Szenetreff für SA- und SS-Mitglieder gewesen sein. Foto: Quelle:Täterprofile (2)
 

Als sein Halbbruder Adolf 1933 an die Macht kommt, eröffnen sich für Alois beruflich neue Möglichkeiten. Er geht nach Berlin und eröffnet dort das „Alois“, eine Gaststätte, die er mit Startkapital einiger NSDAP-Größen aufgebaut haben soll. Die Kneipe war ein bekannter Treffpunkt für ranghohe SA- und SS-Leute. Zum Geburtstag des Führers soll er das Schaufenster mit Edelweiß und Hitler-Bildern dekoriert haben. Später, nach dem Krieg, behauptete Alois Hitler bei seinem Antrag auf Namensänderung in Hamburg, er habe die Gaststätte aus eigener Kraft aufgebaut. Auch seine Mitgliedschaft in der NSDAP verschwieg er.

Nachdem das Dritte Reich zusammengebrochen war, floh Alois mit seiner Frau Hedwig in einem SS-Lastwagen nach Hamburg, wo er 1947 den Entnazifizierungsbogen ausfüllte. Er leugnete alle Verbindungen zur NSDAP und wurde als „entlastet“ eingestuft. Zeugen aus seiner Berliner Zeit meldeten sich jedoch beim Ausschuss und berichteten, was es mit der Kneipe „Alois“ in Wahrheit auf sich gehabt hatte. Alois Hiller (Hitler) ging daraufhin in die Offensive und wendete sich mit einer rührigen Geschichte an die Presse. Er habe keinerlei Beziehung zu seinem Halbbruder Adolf gehabt, heißt es darin, und er wolle auch nicht an diese Zeit erinnert werden.Trotzdem stufte ihn der Entnazifizierungsausschuss neu ein: von „entlastet“ in „minderbelastet“.

Es folgten Verhandlungen, in denen Alois Hiller (Hitler) angab, er leide unter Gedächtnisschwund, könne sich deshalb nicht mehr an die Angaben auf dem Fragebogen erinnern und habe ihn unabsichtlich falsch ausgefüllt. 1950 wurde er schließlich wieder als „unbelastet“ eingestuft und soll seitdem in einem Reihenhaus in Hamburg-Fuhlsbüttel gelebt haben. Am 20. Mai 1956 starb Alois Hiller (Hitler) in der Hansestadt.

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erstellt am 22.Okt.2016 | 18:34 Uhr

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