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Hamburg

08. Dezember 2016 | 07:00 Uhr

Initiative in Hamburg : Hanseatic Help: Deutschlands größte Kleiderkammer

vom

Eine Initiative für Flüchtlinge wächst mit ihren Aufgaben. Vom ersten Kleidersack zur größten Kleiderkammer Deutschlands.

Hamburg | Die Hamburger Kleiderkammer für Flüchtlinge hat eine erstaunliche Karriere hingelegt: Von der kleinen Stadtteilinitiative zur festen Größe unter den Hilfsorganisationen - und zur größten Kleiderkammer Deutschlands. Auch heute, wo längst nicht mehr so viele Flüchtlinge kommen wie vor gut einem Jahr, hält sich der Verein Hanseatic Help längst nicht für überflüssig. Jetzt wird der Verein - Motto: Einfach machen! - mit dem Marion Dönhoff Förderpreis ausgezeichnet.

An der Großen Elbstraße unweit des Fischmarkts hat die Kleiderkammer seit einigen Monaten ein neues Quartier. Angefangen hatte alles im Sommer 2015 mit einer Bürgerversammlung im Karoviertel, erinnert sich die Fotografin Janina Alff vom Vereinsvorstand. Eine von zehn Arbeitsgruppen, die daraus entstanden, war die Kleiderkammer.

In einer der Messehallen am Karoviertel wurden damals, als in ganz Hamburg quasi Notstand herrschte, mehr als 1000 Schutzsuchende untergebracht. „Erst hatten wir da eine kleine Ecke in der 7500 Quadratmeter großen Halle“, erinnert sich Vereinsvorstand Rene Grassau. „Immer mehr Kleiderspenden kamen. Nachts haben wir manchmal die Absperrgitter etwas weitergeschoben, um mehr Platz zu haben.“ Nach ein paar Monaten waren die Flüchtlinge auf andere Unterkünfte verteilt und die Halle wurde zu einem gigantischen Warenlager, zu einer Landschaft aus Kartons, Säcken und Paletten. Gegen das drohende Chaos hatte Grasser, Inhaber einer IT-Firma, eine Verwaltungssoftware schreiben lassen, mit der bald alle Spenden erfasst wurden.

Jede Art von Kleidung wie „T-Shirt, Damen, Größe S“ hatte ihr Planquadrat in der Halle. Die Helfer, manchmal 1000 an einem Tag, konnten schnell eingearbeitet werden. „Bald kamen Anfragen von anderen Initiativen, ob wir nicht etwas übrig hätten“, sagt Grassau. Die Geburtsstunde der jetzigen Struktur. „Wir nehmen die Sachspenden an, sortieren sie und verteilen sie weiter an andere Hilfsprojekte.“ Inzwischen ist die Kleiderkammer schon mehrmals umgezogen. Keiner weiß mehr so genau, wie viele Millionen Teile bislang angenommen und weiterverteilt wurden. Wahrscheinlich weit über fünf Millionen, sagt Arnd Boekhoff, ebenfalls im Vereinsvorstand und von Anfang an dabei. „Erstes Ziel ist immer, den Bedarf hier in Hamburg zu decken“, sagt Boekhoff. Um Sozialneid zu verhindern, gehen die Kleiderspenden auch an Obdachlose und sozial Bedürftige. „Dann werden Sozialkaufhäuser beliefert. Und der Rest wird entweder gelagert oder dorthin gebracht, wo Not herrscht.“ Grassau ergänzt: „Seitdem haben wir weitere 64 Container losgeschickt, sonst platzen die Lager aus allen Nähten.“ Transporte gingen in den Nordirak, nach Haiti, Sizilien, ins griechische Idomeni.

Die Freiwilligen bei Hanseatic Help sortieren und packen aber nicht nur. Sie haben auf Festivals Schlafsäcke und Zelte gesammelt. Mit der Heilsarmee wurden 14 Container zu dauerhaften Unterkünften für Wohnungslose umgebaut. High Heels und andere Sachen, die zu sexy für Flüchtlinge waren, wurden kurzzeitig in einem Laden im Karoviertel verkauft. In der Lagerhalle gibt es fünf weitere Organisationen, die zum Beispiel Spielzeug („Toyscompany“) oder Bücher („Aktion Buch“) sammeln.

Aus dem Integrationsfonds der Stadt bekommt der Verein jetzt 425.000 Euro. Inzwischen arbeiten sogar fünf junge Leute im Rahmen des Bundesfreiwilligendienstes hier, darunter zwei Syrer. Einer von ihnen ist Hamudi, ein Spitzname, wie der 23-Jährige in fließendem Deutsch erklärt. Seit 15 Monaten ist er in Deutschland. Er stammt aus der umkämpften IS-Hochburg Al-Rakka im Norden Syriens. „Ich würde gerne eine Ausbildung machen.“ Aber erst muss er noch mehr Deutsch büffeln.

Eine der Stärken des Vereins ist nach Einschätzung von Arnd Boekhoff, dass er eine Lücke gefüllt hat. „Wir sind eine Art Schnittstelle für andere Initiativen, Projekte und Organisationen. Wir helfen ihnen, die richtigen Hilfsgüter zu bekommen und sich untereinander zu vernetzen.“ Das Deutsche Rote Kreuz in Hamburg bestätigt, dass es keine Konkurrenzsituation gebe. „Wir haben uns gegenseitig unterstützt und zusammengearbeitet“, sagt DRK-Sprecher Rainer Barthel. Und er fürchtet auch nicht, dass es einen Mangel an Kleiderspenden geben könnte. Nach Schätzungen fallen jedes Jahr rund 16.000 Tonnen Altkleider in Hamburg an, die Hälfte davon sei gut wiederverwendbar, sagt Vorstand Boekhoff. „Damit dürfte auch in fünf Jahren noch der Bedarf für eine sinnvolle Umverteilung bestehen.“

Als zahlreiche Flüchtlinge 2015 nach Deutschland kamen, öffneten die Hamburger ihre Herzen und ihre Kleiderschränke. Viele Spenden kamen in der Hamburger Kleiderkammer des Vereins Hanseatic Help an. Nach Angaben des Vereins wurden seit August 2015 weit über fünf Millionen Sachspenden angenommen. Mehr als 2000 Bestellungen von Hilfsorganisationen aus Hamburg und aller Welt gingen ein. Allein im Winter 2015/16 wurden 100.000 Winterjacken verteilt. 64 Hilfstransporte gingen in Krisenregionen wie Irak, Syrien, Ukraine, Kenia und Haiti. 150 Unterkünfte und Organisationen im Großraum Hamburg werden regelmäßig beliefert. In Zusammenarbeit mit einer Drogerie-Kette wurden 2000 Schultaschen gesammelt. Und für Wohnungslose wurden 14 Container zu Wohnstätten ausgebaut.

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erstellt am 27.Nov.2016 | 09:46 Uhr

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