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Hamburg

26. August 2016 | 01:40 Uhr

Von Cobra Bar bis Golden Pudel : Hamburg: Kneipensterben auf dem Kiez

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Drastischer Szenewandel oder sogar Geschäftemacherei? Eine Kultbar nach der anderen macht auf dem Hamburger Kiez dicht. Kulturschaffende kritisieren Investoren.

Das Sterben der Kultkneipen auf dem Kiez und in den anliegenden Vierteln im angesagten Hamburger Westen ist drastisch. Gerade schloss die legendäre Flirt-Bar Mary Lou’s auf dem Hans-Albers-Platz. Auch die Punk-Disco Cobra Bar einige Häuser weiter macht nach 13 Jahren dicht. Dann gab es noch das Drama um den Golden Pudel Club, legendärer Subkultur-Laden, der im Februar ausbrannte, um dessen Zukunft schon zuvor gefeilscht wurde und dessen Weiterexistenz nun am seidenen Faden hängt. Im angrenzenden Ottensen schließt nun Ende März das Blaue Barhaus, auch das Aurel dort, kuschelige Bar und Kult-Treff junger Leute, soll nur noch ein kurzes Leben fristen.

Immer mehr Kneipen auf dem Hamburger Kiez schließen ihre Türen.  Anleger aus dem Ausland wollen in den Immobilien ihr Geld anlegen.

Ist das Kneipensterben nun also ein normaler Vorgang im Wandel der Zeit oder drastischer Szenewandel, vielleicht sogar Geschäftemacherei windiger Investoren? Oder von allem ein bisschen. Frank Spilker kennt sich aus auf dem Kiez. Als Sänger der Band „Die Sterne“ war es hier lange sein Refugium, er jobbte Mitte der Neunziger im Pudel hinter dem Tresen. Mittlerweile ist er Vater zweier erwachsener Kinder und deutet den Trend. „Ich würde nicht sagen, früher war alles besser. Wir hatten unsere subkulturellen Nischen, die jungen Leute von heute graben sich auf dem Gelände vom Gängeviertel ein. Da kostet ein Bier ein Euro. Unkostenbeitrag“, sagt er. Oder sie würden sich andere Nischen als St. Pauli suchen, wie zum Beispiel im billigen Wilhelmsburg oder der linksalternativen Roten Flora in der Schanze.

Spilker hat zu Beginn der 90er als Protagonist hautnah miterlebt, wie der Kiez mit seinen Spelunken heruntergekommen und out war und Kreative aus dem Musik- und Kunstbereich sich die alten Puffs und Kaschemmen aneigneten. Er glaubt aber weiterhin an die Nischenkultur, auch wenn sich vieles wandele. „Jungen Leuten ist es egal, wie ein Laden aussieht, entscheidend ist, wer da noch hingeht und wie man sich abgrenzt. Das ist heute ähnlich wie damals“, beobachtet der 50-Jährige.

Dennoch stellt sich die Frage, ob hinter dem Dichtmachen der Kneipen-Urgesteine nicht auch die Tendenz steckt, dass Investoren Reibach machen wollen. Beim Mary Lou’s wird kommuniziert, es handele sich um einen „normalen Mieterwechsel, da die Gespräche mit dem bisherigen Mieter leider zu keiner Übereinkunft führten“, so ein Sprecher des schwedischen Immobilieninvestors „Akelius“, dem der Altbau mit drei Kneipen und mehreren Wohnungen gehört. Im Klartext wollten die alten Betreiber die drastische Mieterhöhung, die ihnen droht, nicht schlucken.

Ähnlich bei der Blauen Bar in Ottensen: 2010 war der alte Mietvertrag nicht verlängert, die Miete innerhalb weniger Jahre fast verdoppelt worden, nun ist ganz Schluss. „Alteingesessene Kneipen sind kaum mehr da“, beschwert sich Geschäftsführer Markus Kohne. Die Stadtteile würden ihre bunten Punkte verlieren und Mainstream werden. „Der ganze Stadtteil St. Pauli leidet unter internationalen Anlegerbedürfnissen, wie alle innerstädtischen Bereiche in Deutschland“, sagt Spilker. Die beste Geldanlagen seien seit vielen Jahren wegen des Niedrigzinses nun einmal Immobilien. „Die Hamburger SPD schützt ja zumindest noch Bereiche vor dem Zugriff der Märkte“, lobt Spilker allerdings den Senat dafür, dass dieser Projekte wie die Rote Flora und das Gängeviertel ermögliche. Allerdings ist dem ein jahrelanger Kampf der alternativen Kreativszene vorausgegangen.

Dieses Wochenende feiert die Fabrique dort, in bester Innenstadtlage, als Kulturzentrum auf fünf Stockwerken und 1700 Quadratmetern die Wiedereröffnung nach anderthalb Jahren Renovierung als Herzstück des historischen Quartiers. „Die Stadtentwicklung profitiert auch wahnsinnig von Künstlern und dem Kulturgeschehen. Das ist gut für das Image“, sagt Spilker.

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erstellt am 12.Mär.2016 | 15:53 Uhr

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