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„Ich habe keine Angst, Fehler zu machen“ : „Goldene Kamera“-Moderator Steven Gätjen über den Kick bei Live-Sendungen

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Steven Gätjen moderiert heute Abend zum ersten Mal die Verleihung der „Goldenen Kamera“.

Hamburg | Sie moderieren heute Abend zum ersten Mal die Verleihung der „Goldenen Kamera“ und beerben damit keinen geringeren als Thomas Gottschalk. Fühlen Sie sich geehrt?
Ich freue mich tierisch und fühle mich geehrt, mich in die illustre Reihe von Moderatoren der „Goldenen Kamera“ wie Thomas Gottschalk und Hape Kerkeling einreihen zu dürfen. Ich bin immer ein Fan von der „Goldenen Kamera“ gewesen, weil sie positiv glamourös und international und deutsch ist. Aber ich verspüre keinen Druck und hoffe, dass ich den Job sehr gut mache. Das ist das Wichtigste.

Die Verleihung wird live im ZDF übertragen. Sind Sie aufgeregt?
Ich bin trotz meiner 20-jährigen Karriere immer aufgeregt. Das gehört dazu. Wenn ich nicht mehr aufgeregt wäre, sollte ich darüber nachdenken, den Job zu wechseln. Aber es ist eine freudige Aufregung. Ich habe keine Angst, Fehler zu machen. Kein Mensch ist perfekt, auch ich nicht. Ich möchte natürlich und authentisch wirken und nicht wie ein Roboter. Live-Sendungen haben den besonderen Kick, weil man in vielen Situationen spontan reagieren muss und das dann direkt über den Äther geht. Das ist die Würze des Moments. Ich mag das sehr. 

Auf wen freuen Sie sich am meisten?
Dass Nicole Kidman  als beste Schauspielerin international geehrt wird, freut mich sehr, weil sie eine tolle Frau und eine Wahnsinns-Schauspielerin ist. Sehr gespannt bin ich auch darauf, Jane Fonda persönlich kennenzulernen, die für ihr Lebenswerk International ausgezeichnet wird. Ich habe schon viele ihrer Filme gesehen, weil meine Eltern, die auch beide kino-verrückt sind, große Fans von ihr sind. Aber ich bin ihr noch nie persönlich begegnet.

Eine der wenigen. Sie kennen viele amerikanische Schauspieler persönlich und sind mit einigen auf Du und Du.
Dadurch, dass ich sehr viele Kinosendungen und Filmpremieren gemacht habe und in diesem Jahr zum 16. Mal von der Oscar-Verleihung in Los Angeles berichtet habe, treffe ich Schauspieler einfach sehr häufig. Daraus ist eine berufliche Vertrauensbasis zu Stars und deren Management gewachsen, die den Zugang und den Umgang miteinander einfacher macht. 

 

Sie sind in Amerika geboren, in Hamburg aufgewachsen und haben einige Jahre in Los Angeles (L.A.), Washington und New York gelebt. Heute wohnen Sie  in Hamburg. Wo fühlen Sie sich zuhause?
Meine Heimat ist Hamburg. Ich bin ein Nordlicht, ein Wassermensch. Hier leben meine Eltern, meine Geschwister und alte Schulfreunde.

Sie haben sowohl die deutsche als auch die amerikanische Staatsbürgerschaft ...
... ja! Ich kann sogar amerikanischer Präsident werden.

Vielleicht eine gute Idee ...
... ich bin nicht so gut im Twittern (lacht herzlich).

Im Ernst. Wie denken Sie über die ersten 100 Tage Ihres neuen US-Präsidenten und wie ist die Stimmung im Land?
Viele meiner amerikanischen Freunde sind besorgt. Ein befreundetes Pärchen, das 20 Jahre in Los Angeles gelebt hat, denkt jetzt darüber nach, wieder nach Berlin zurück zu gehen. Genauso wichtig finde ich zu hinterfragen, warum jemand wie Donald Trump die Wahl gewinnen konnte. Das ist kein rein amerikanisches Problem, sondern ein weltweites. Die Deutschen haben ein Problem mit der AfD, die Holländer mit Geert Wilders und die Franzosen mit Marine Le Pen. Die Trump-Wahl sollte ein Weckruf für das politische Establishment sein. Hillary Clinton steht für etwas, was niemand mehr wollte in Amerika. Aber auch in anderen Ländern, auch in Deutschland, fühlen sich viele Menschen mit ihren Problemen von vielen Politikern nicht mehr ernst genommen. Trump ist ein politisch völlig unerfahrener Narzisst, der sich sehr leicht von anderen Menschen beeinflussen lässt, zum Beispiel von seinem Sicherheitsberater Steve Bannon, der im Hintergrund die Strippen zieht und eine viel größere Gefahr darstellt als Trump. Aber ich habe den unerschütterlichen Glauben, dass ein Mann wie Donald Trump am Ende vor die Wand fährt. Und das wünsche ich mir sehr, weil politische Entscheidungen nicht Leuten überlassen sein dürfen, die öffentlich lügen, und die überhaupt keine Ahnung haben, wie man strategisch und zukunftsorientiert vorgeht, sondern das Ganze als ein Spiel, einen Deal betrachten. Das finde ich beängstigend.

Warum, glauben Sie, haben so viele Amerikaner Trump gewählt? Geht es den Menschen in Amerika schlecht?
Die Großstädte, die Deutsche oft bereisen, sind nicht typisch für Amerika. In Mittelamerika, in Texas oder North Carolina sieht man, dass es den Menschen einfach schlecht geht. In den Straßen der Autostadt Detroit, die jahrelang als wirtschaftlicher Leuchtturm Amerikas galt, sieht es heute aus wie in einem Kriegsgebiet mit zerfallenen, kaputten Häusern und vielen Menschen, die auf der Straße leben. Wer in Amerika einmal durch das soziale Netz fällt, hat es sehr schwer. Wenn dann jemand vom politischen Establishment wie Hillary Clinton für 500 000 Euro einen Vortrag vor General Motors hält, versteht der Normalbürger die Welt nicht mehr. Trump hat diesen Menschen mit seinen aggressiven Polemiken das Gefühl gegeben, sie zu verstehen, einer von ihnen zu sein und: Er hat ihnen Arbeit versprochen! Genauso argumentiert auch die AfD in Deutschland. Deshalb muss Trump ein Weckruf für alle großen Parteien sein.

Sie üben für viele Menschen einen Traumberuf aus. War Fernsehmoderator schon immer Ihr Traumberuf?
Ja, obwohl ich ganz ursprünglich nicht Moderator werden wollte, sondern Arzt wie mein Vater. In den Moderatorenberuf bin ich reingerutscht über ein Volontariat beim Radio. Ich liebe meinen Job und mache ihn mit großer Leidenschaft. Es ist ein toller Beruf, weil man viel herumkommt und ständig neue Menschen kennenlernt. Aber, es ist nicht alles gold, was glänzt. Ich habe mir vieles hart erarbeiten müssen und es gab ein paar glückliche Begegnungen, die man in jeder Branche braucht, um weiter zu kommen. Es ist mir längst nicht alles in den Schoß gefallen. Das wird schnell vergessen, wenn Leute vom Traumberuf des Moderators sprechen.

Sie sind heute gefragter denn je. War der Wechsel zum ZDF der Schlüssel zum Erfolg?
Es war auf jeden Fall richtig und wichtig, einen neuen Schritt zu wagen und ich fühle mich wohl beim ZDF. Mein Vater hat immer zu mir gesagt: „Du kannst keine Fehler machen. Du kannst nur aus den Entscheidungen lernen.“ Man muss neue Dinge ausprobieren, um zu wissen, was man hatte und was man hat.

Ist es angenehm, wenn nicht nur die Quote gilt wie bei den Privaten?
Die gilt auch beim ZDF. Am Ende geht es immer darum, ob die Sendung beim Zuschauer ankommt. Vielleicht haben die Öffentlich-Rechtlichen den längeren Atem und geben neuen Formaten etwas mehr Zeit, sich zu etablieren.

Steven Gätjen wurde am 25. September 1972 in Phoenix (Arizona) geboren, da sein deutscher Vater damals dort als Arzt arbeitete. Er hat bis heute sowohl die deutsche als auch die amerikanische Staatsbürgerschaft. Er war ein Jahr alt, als er mit seiner Familie nach Hamburg zurückkehrte. Nach seinem Abitur machte er ein Volontariat beim Ok Radio, außerdem studierte er in Los Angeles und an der Hollywood Filmschool in San Francisco. Seit 1999 ist Gätjen Moderator von Shows und Sendungen. Von 1999 bis 2015 arbeitete er für Pro Sieben, im Juni 2011 übernahm er die Moderation von „Schlag den Raab“. 2016 wechselte Gätjen zum ZDF und moderiert dort mittlerweile Shows wie „Die versteckte Kamera – Prominent reingelegt!“ oder „I can do that!“. Der 44-Jährige berichtet seit vielen Jahren vom Roten Teppich der Oscar-Verleihung und ist ausgewiesener Kinoliebhaber und -experte. Gätjen lebt in Hamburg. Sein Privatleben hält er geheim.

Was würden Sie beruflich noch gern erreichen?
Ich habe Pläne und Ziele. Doch ich habe gelernt, dass es besser ist, nicht darüber zu sprechen. Um es mit Sylvester Stallone alias Rocky zu sagen: „Ich bin immer noch sehr hungrig.“

Wie wichtig ist gutes Aussehen in Ihrem Beruf?
Gutes Aussehen liegt immer im Auge des Betrachters. Ich persönlich pflege mich, stutze mir den Bart und gehe öfter zur Kosmetikerin, weil meine Haut so oft mit Make-Up zugeklatscht wird, dass sie regelmäßig gepflegt werden sollte. Entscheidend ist aber, dass man sich wohlfühlt und eine gute Ausstrahlung hat. In einem fitten Körper wohnt ein fitter Geist. Das war mir immer schon wichtig.

Was macht denn einen guten Moderator aus?
Man darf sich im Gegensatz zur Schauspielerei nicht verstellen. Beim Moderieren geht es darum, man selbst zu sein und möglichst natürlich rüber zu kommen. Genau so wichtig ist es, an Menschen interessiert und warmherzig zu sein, und sich nie auf ihre Kosten lustig zu machen. Ich möchte, dass Menschen sich bei mir wohlfühlen.

Aber man muss doch auch reden können. Waren Sie als Kind und Jugendlicher schon ein Schnacker?
Schnacker würde ich es nicht nennen wollen. Aber ich war schon immer sehr offen und gesellig und habe beispielsweise den Abiball an unserer Schule moderiert. Ob sich daraus ein besonderes Talent zum Moderieren ableiten lässt, müssen andere sagen. 

Was nervt am Fernsehgeschäft?
Manchmal die Mutlosigkeit und die Quotendiskussion finde ich anstrengend. Und es frustriert mich immer wieder, dass wir in einem Kommunikationszeitalter leben, in dem schnell kritisiert, aber wenig gelobt wird. Das zieht sich durch die gesamte Gesellschaft. Ich würde mir wünschen, dass man auch mal sagt und schreibt, wenn einem etwas gefallen hat. 

Sie versuchen zum Beispiel, auf dem Roten Teppich bei der Oscar-Verleihung Promis private Geheimnisse zu entlocken, auch heute Abend wieder bei der „Goldenen Kamera“. Sie selber halten Ihr Privatleben jedoch strikt aus der Öffentlichkeit heraus. Ist das nicht unfair?
Nö, finde ich gar nicht. Ein gutes Gespräch führt immer dazu, dass man etwas von sich preisgibt. Mich kann jeder nach allem fragen, aber ich habe auch das Recht, nicht darüber sprechen zu wollen. Ich möchte nicht, dass mein Job das Leben der Menschen beeinflusst oder sogar einschränkt, die mir wichtig sind. Ich fühle mich sehr wohl in meinem Privatleben und möchte das schützen.

Wie gehen Sie mit Stress um?
Ich habe eigentlich nie richtig Stress. Ich mag das, was ich tue, so gern, dass es eine große Freude ist. Wenn es mal zu viel wird, ist für mich Sport ein wichtiges Ventil oder auch Gespräche mit Familie und Freunden. Und es beruhigt mich, sich immer wieder klar darüber zu werden, wie gut man es hat. 

Steven Gätjen persönlich...

Glück ist für mich... Zufriedenheit, Liebe, Freunde, Familie.

Hamburg ist... die schönste Stadt der Welt.

Einem ausländischen Gast würde ich in Hamburg oder Schleswig-Holstein zuerst... in Hamburg die Elbphilharmonie zeigen, weil es wirklich ein tolles Gebäude geworden ist. Und vorher noch meinen absoluten Lieblingsplatz: das Falkensteiner Ufer. In Schleswig-Holstein würde ich mit Gästen nach Wedel ins Schulauer Fährhaus fahren, wo ich sehr oft mit meiner Oma war. Das ist so klasse, dass da jemand sitzt, der die Schiffe begrüßt und verabschiedet.

Ich kann lachen über...  ganz viel und vor allem über mich selbst.

Mein Lieblingsschauspieler ist... international Harrison Ford, national am ehesten Til Schweiger, weil ich großartig finde, was er für den deutschen Film geleistet hat.

Mein Lieblingsfilm... oh, das ist stimmungsabhängig. Aber „Almost Famous“, ein Musikfilm über einen jungen Rolling-Stone-Journalisten, gehört auf jeden Fall dazu.

Ich ärgere mich... selten.

Steven Gätjen in drei Worten ist... verrückt, abenteuerlustig und offen.

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erstellt am 04.Mär.2017 | 10:00 Uhr

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