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Altonaer Spirituosen Fabrik : Gin Sul – Hier wird Hamburgs einziger Gin destilliert

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Die Zutaten stammen fast alle aus einem kleinen Ort an der Westküste der Algarve. Stephan Garbe hat sie in die Hansestadt gebracht.

Hamburg | Nur 100 Liter fasst die kupferne Brennblase der alten Destillieranlage. Sie glänzt im Schein der kleinen Deckenlampen, deren Scheinwerfer die hellblauen Hebel der Maschine beleuchten. Und das ist kein Zufall: Die Hebel haben exakt den gleichen Farbton, wie auch die Kacheln an der Wand. Der Raum ist Büro, Verkaufsraum und Produktionsstätte in einem. Letzteres überrascht, denn alles ist so steril, akkurat, gepflegt, dass Besucher annehmen könnten, die große Anlage und ihr Arrangement sei ein Dekoelement im perfekten Look zwischen dem Regal mit seinen 146 Gin Sul Flaschen, der liebevoll beschrifteten Ablage mit Apothekerschrankelementen und dem wuchtigen Holztisch und seiner alten Waage aus Portugal in der Mitte der ehemaligen Tischlerei in Hamburg-Ottensen. Der Zitronenbaum am Eingang hat kleine grüne Blätter und große gelbe Früchte.

Gin ist hip, Gin ist regional, Gin ist der neue Wein: Es gibt immer mehr regionale Gin-Sorten aus kleineren Destillerien. shz.de hat Anfang Februar zwölf Gin blind verkostet – auch Gin Sul.

In goldener Schrift offenbart es die Wand: Altonaer Spirituosenmanufaktur. Zwischen Phoenix-Hof, Fabrik und dem Thalia-Theater in der Gaußstraße liegt Hamburgs kleinste, und einzige, Gin-Manufaktur. In den zwanziger Jahren wurden hier Kohlen, nach dem Krieg dann Gurken und Flaschen gelagert, bis es irgendwann eine Tischlerei wurde. Heute wird hier Gin produziert. Kaum zu glauben.

Einblick in die Welt des portugiesischen Gin.
Einblick in die Welt des portugiesischen Gin. Foto: Altonaer Spirituosen Manufaktur
 

„Wenn man hier den ganzen Tag arbeitet, muss es schön sein, und perfekt“, erklärt der Besitzer ganz selbstverständlich. In diesen Räumlichkeiten ist nichts dem Zufall überlassen. Er hat nichts dem Zufall überlassen, Stephan Garbe: Der Mann, der den portugiesischen Gin erfunden hat, ihn in Hamburg destilliert, und so gleich zwei Heimatmärkte hat.

Drei Jahre ist es jetzt her, dass Stephan Garbe seinen alten Job aufgegeben hat, und Gin destilliert. Den Großteil seines Wissens hat er sich angelesen. Erst arbeitete er ganz alleine, aus dem Bauch und Buch heraus, mittlerweile in einem kleinen Team um Destillateur Paul. Es ist nicht seine Branche, eigentlich stammt Stephan Garbe aus der Werbebranche. Doch da wollte er nicht mehr arbeiten, und so zog es ihn in sein geliebtes Urlaubsland Portugal mit seinen Landsmännern, so unaufgeregt, nüchtern, melancholisch, wie es die Hamburger sind. Am Wegesrand roch es nach Wachholderbeeren, Zitronen, Zistrosen, die heutigen Hauptbestandteile seines Gin Sul. Und auf einmal sollte der Gin nicht mehr nur seine Leidenschaft sein, sondern auch seine neue Berufung.

Rosmarin, Piment, Lavendel, Koriandersamen und Zimt: Die Rezeptur fand Stephan Garbe in der portugiesischen Küche. 14 Zutaten machen den Gin zum Gin Sul. Und dann war da diese alte Schule in Odeceixe, einer Kleinstadt an der Westküste der Algarve im Süden Portugals. Dort wollte Stephan Garbe seinen Gin produzieren, schließlich gab es zu der Zeit noch keinen eigenen portugiesischen Gin. „Ich habe unterschätzt, wie viel Arbeit das ist“, sagt er heute.

Sieben Monate kämpfte er mit den Behörden, dann gab er auf. Kompromisse wollte er nicht machen, und so ließ er es sein. Doch ein Freund hielt an der Idee fest und überzeugte den Hamburger, sein Glück in Hamburg zu versuchen, seinem damaligen und jetzigen Lebensmittelpunkt. Heute weiß Garbe, dass das die beste Entscheidung war.

Es gibt viele Gin, auch einige Hamburger. Aber nach wie vor ist sein Gin der einzige, der wirklich auch in Hamburg destilliert wird. Drei bis vier Mal die Woche wird gebrannt, ganz langsam und schonend, in kleinen Durchgängen und kleinen Mengen. Nach wie vor liebt der Unternehmer das Geräusch der großen Anlage, wenn sie vor sich hin gluckert. Noch besser ist es nur den eigenen Gin in Bars zu entdecken. „Ich bin manchmal selber ganz überrascht, wo ich überall meine Flaschen im Regal entdecke“. Mittlerweile gibt es den portugiesisch-hamburgischen Gin aber nicht nur hier in Deutschland und da in Portugal, sondern zum Beispiel auch in Belgien, Dänemark, Schweden oder China.

An der Rezeptur hat Stephan Garbe nichts verändert. Damit der Gin Sul so schmeckt, wie er immer schmeckt, wird am Ende jedes Destilliervorgangs der erste Gin Sul aus dem Tresor geholt und beide Schnäpse miteinander verglichen. Erst dann gelangt er auch in den Handel. So schmeckt jeder gleich. Und zwar nach Portugal.

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erstellt am 08.Mär.2017 | 14:00 Uhr

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