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Hamburg

24. März 2017 | 21:05 Uhr

Neues Verfahren in Hamburg : Gerichts-Angreifer droht Psychiatrie - „Er ist wie eine Waffe“

vom

Der Angriff auf eine Zeugin könnte dem Täter die Sicherungsverwahrung oder die Einweisung in die Psychiatrie einbringen.

Hamburg | Mit einer angespitzten Zahnbürste und einer Rasierklinge ist ein 39-Jähriger im Januar auf eine Zeugin in einem Hamburger Gerichtssaal losgegangen. Sieben Wochen nach der spektakulären Attacke, bei der der Angreifer einen Staatsanwalt und sich selbst verletzt hatte, erklärte sich die 1. Kleine Strafkammer des Hamburger Landgerichts am Montag für unzuständig, um über die Berufung von Staatsanwaltschaft und Angeklagtem zu entscheiden. Sie überwies den Fall an eine Große Strafkammer - denn die kann auch die Einweisung in ein psychiatrisches Krankenhaus oder Sicherungsverwahrung verhängen. Vermutlich im Sommer beginnt das Verfahren von vorn.

Der vielfach vorbestrafte Mann hat nach einem Gutachten, auf das sich die Staatsanwaltschaft bezog, zwei schwere psychische Probleme: Er nimmt Drogen aller Art und er kann es nicht verkraften, wenn er verlassen wird. Dann rastet er aus. Vor 15 Jahren hat er deshalb einen Menschen getötet. Und im Dezember 2015 war es fast wieder so weit: Der 39-Jährige bedrohte laut Anklage eine junge Frau, die er für seine Freundin hielt, und griff einen Polizisten mit einem Messer an, der ihn festnehmen wollte. Die Beamten konnten ihn nur mit einem Schuss in die Beine stoppen.

Deshalb musste sich der Mann vor Gericht verantworten und wurde vom Amtsgericht St. Georg in erster Instanz zu einem Jahr und vier Monaten Haft verurteilt. Eine mögliche Einweisung in die Psychiatrie oder Sicherheitsunterbringung wurde nicht erwogen und hätte vom Amtsgericht auch gar nicht verhängt werden können. Auch spielte der Gedanke keine Rolle, dass der Mann an einer schweren Persönlichkeitsstörung leiden könnte und sich deshalb nicht mehr unter Kontrolle hatte. Das Urteil sagte beiden Seiten nicht zu; die Staatsanwaltschaft und der Anwalt des Angeklagten legten Berufung ein. Doch schon aus der Untersuchungshaft heraus bedrohte der 39-jährige Mann die 25-jährige Frau, die sich wohl gar nicht als seine Freundin betrachtet hatte. Er kündigte an, sie umbringen zu wollen. Die Staatsanwaltschaft leitete ein neues Ermittlungsverfahren ein.

Am 31. Januar folgte dann wohl der Versuch, die Drohung in die Tat umzusetzen, als der 39-Jährige die Frau im Gerichtssaal angriff. Er verletzte einen Staatsanwalt am Hals und fügte sich selbst Schnittwunden zu. „Er ist so massiv gefährlich für andere Menschen, dass wir ihn nicht in die Freiheit entlassen können“, sagte am Montag der Staatsanwalt. Drastischer drückte es der Vertreter der Nebenklägerin aus: „Er ist wie eine Waffe, nicht steuerungsfähig und brandgefährlich.“

Die selbstgebastelten Waffen hatte der Angeklagte in den Gerichtssaal geschmuggelt, was zu Rücktrittsforderungen gegen Justizsenator Till Steffen (Grüne) und Ermittlungen im Justizvollzug führte. In einigen Monaten wird sich der 39-Jährige nun nochmals für die Vorfälle im Dezember 2015 verantworten müssen, allerdings im Licht der Ereignisse vom Januar 2017. Wegen der Attacke im Gerichtssaal ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts des versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung. Vermutlich werden alle Vorwürfe in einem Gerichtsverfahren gemeinsam verhandelt.

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erstellt am 20.Mär.2017 | 17:39 Uhr

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