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Hamburg

08. Dezember 2016 | 12:59 Uhr

Rocker-Prozess in Hamburg : Ex-Mongols Erkan U.: Koks auf Kuchentellern und Waffen hinterm Schrank

vom
Aus der Onlineredaktion

Dass er kriminell ist, steht außer Frage. Erkan U. wurde schon verurteilt und sitzt deshalb in Haft. Jetzt muss er sich noch wegen Verstößen gegen das Waffen- und Betäubungsmittelgesetz verantworten.

Hamburg | Der ehemalige Anführer des Rocker-Clubs Mongols in der Hansestadt, Erkan U., muss sich seit Mittwoch vor dem Hamburger Amtsgericht wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz und Besitzes von Betäubungsmitteln verantworten. Bei zwei Durchsuchungen von Spezialeinheiten und Polizei im Juli und Dezember 2015 waren halb automatische Waffen sowie Kokain, teilweise auf Kuchentellern, und Marihuana in der Wohnung des 37-Jährigen in Hamburg-Hoheluft gefunden worden. Laut Anklage soll er zudem Pistolen in der U-Bahn sowie in einem Tattoostudio mitgeführt haben.

Erkan U. war einer der berüchtigsten Rocker-Bosse in Hamburg. Seit ihn das Mobile Einsatzkommando (MEK) unter Einsatz von Blendgranaten im vorigen Dezember aus seinem Penthouse holte, büßt er eine frühere Haftstrafe ab. Nun steht er erneut vor Gericht.

Zum Prozessauftakt erkundigte sich der Angeklagte Erkan U. erstmal nach Möglichkeiten während der Haft seine Gesichts-Tattoos entfernen zu lassen. Die Buchstaben „MFFM“ (für „Mongols Forever, Forever Mongols“) - der Treueschwur auf die Rockergruppe ist deren ehemaligem Präsidenten buchstäblich ins Gesicht geschrieben. Jetzt aber will U. die Buchstaben schnell loswerden.

„Wenn ich ganz ehrlich bin - so rumzulaufen ist schon sehr bedrückend“, sagt der 37-Jährige. Der Amtsrichter zeigte Einfühlungsvermögen, Rat wusste er nicht: „Ich kann verstehen, dass Sie das weg haben wollen. Ich weiß aber nicht, ob das während der Haft möglich ist.“ Hinter Gittern wird U. wohl noch eine Weile bleiben müssen. Zusätzlich muss er sich nun in dem neuen Prozess verantworten.

Bei der filmreifen Razzia in U.'s Dachwohnung an der Hoheluftchaussee im Dezember hatte das MEK zwei scharfe Pistolen der Marken Norinco und Glock beschlagnahmt, jeweils nebst Magazin. Eine der scharfen Waffen soll der frühere Mongols-Präsident bei einer U-Bahnfahrt unter der Kleidung getragen, ein anderes Mal in einem Tattoo-Studio einer Frau gezeigt haben.

Eine Kokainabhängigkeit räumt der Ex-Rocker-Boss ein, zu den anderen Vorwürfen schwieg er jedoch. Seine Lebensgefährtin sagte während der Durchsuchung im Dezember laut Zeugenaussage eines Polizisten, dass sich der Angeklagte mit den Waffen verteidigen wollte: „Soll er sich erschießen lassen?“ Ende Oktober war zu Beginn von Auseinandersetzungen unter verfeindeten Rockergruppen ein Sprengsatz unter dem Lamborghini des 37-Jährigen detoniert.

Die Festnahme vor fünf Monaten hat Erkan U.'s Milieukarriere jäh beendet. Noch am selben Tag suchten sich die einen anderen Anführer. Inzwischen haben sich die meisten Mitglieder der Gruppe aus Hamburg zurückgezogen. Zuvor hatten Erkan U. und seine Gefolgsleute in der Hamburger Rotlichtszene und bei der Polizei für viel Unruhe gesorgt, als sie den Hells's Angels deren Vorherrschaft auf St. Pauli streitig machten.

Es kam zu gegenseitigen Attacken, Hamburg stand vor einem Rockerkrieg, die Polizei richtete eine Soko ein. Vorneweg immer wieder Erkan U., der in Ermittlerkreisen wegen seiner Brutalität und Skrupellosigkeit berüchtigt ist. Unverhohlen forderte er die Hell's Angels damals heraus - so lange, bis unter seinem Lamborghini eine Handgranate explodierte. Der Mongols-Chef blieb unverletzt und ließ als Antwort provokativ seine Truppen im Angels-Revier auf der Reeperbahn aufmarschieren.

Schließlich wurde U. in seiner Wohnung zusammengeschlagen und seiner Kutte beraubt. Ein Transvestit trug das Heiligste des Rockers anschließend auf St. Pauli spazieren – die größtmögliche Demütigung für den Ober-Mongolen. Im Gerichtssaal war der Angeklagte bemüht, Distanz zu seiner Rockerzeit zu demonstrieren. Statt Kutte trug er Jackett. Der Prozess wird fortgesetzt.

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erstellt am 04.Mai.2016 | 20:53 Uhr

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