zur Navigation springen

Hamburg

28. September 2016 | 03:42 Uhr

„St. Pauli-Code“ : Esso-Häuser an der Reeperbahn: Was jetzt auf dem Gelände entsteht

vom
Aus der Onlineredaktion

Günstig statt teuer und kein Eigentum für einzelne: Am Freitag wurden die Pläne für das Areal vorgestellt.

Hamburg | Etwas fremd scheint es ihm schon. Als Jürgen Büllesbach das Podium besteigt, blickt er nicht etwa wie gewohnt in schickem Ambiente auf vornehmlich Männer in dunklen Anzügen. An diesem Vormittag sitzt der Chef der vom Münchner Baulöwen Josef Schörghuber 1954 gegründeten Bayerischen Hausbau im Schummerlicht des Hamburger Molotow-Clubs zwischen Lautsprechern, Lichtanlage und der einen oder anderen am Vorabend übersehenen Scherbe - und macht dennoch einen sehr zufriedenen Eindruck: Schließlich kann der süddeutsche Investor nun mit dem Segen der St. Paulianer verkünden, wie das Areal an ehedem Deutschlands bekanntester Esso-Tankstelle an der Reeperbahn einmal aussehen wird und welche Architekten es planen.

Die Esso-Häuser sind ein Symbol für den Kampf gegen Gentrifizierung in Hamburg. „Gentry“ ist in England der niedere Adel, Gentrifizierung bezeichnet den Zuzug von Wohlhabenden in einst arme, aber hippe Viertel, die dadurch innerhalb weniger Jahre ihren Charakter ändern. In Hamburg gibt es Gentrifizierung vornehmlich im Schanzenviertel, aber auch in St. Pauli, St. Georg und in Eimsbüttel.

Dass es überhaupt so weit kam, war lange Zeit alles andere als sicher, standen sich An- und Bewohner der damaligen „Esso-Häuser“ am Spielbudenplatz und die Bayerische Hausbau anfangs doch alles andere als freundlich gesinnt gegenüber. Auf der einen Seite der Investor, der das Gelände an der wohl prominentesten Stelle des Stadtteils 2009 gekauft hatte und über Neubauten möglichst viel Profit erzielen wollte. Auf der anderen Seite traditionell kritische Kiez-Bewohner, die die Bayerische Hausbau mit ihrem Immobilienportfolio im Wert von rund 2,5 Milliarden Euro schon aus grundsätzlichen Überlegungen am liebsten sofort wieder in ihre Heimat geschickt hätten.

Die „Esso-Häuser“ unweit der Reeperbahn im Stadteil St. Pauli in Hamburg. /Archiv
Die „Esso-Häuser“ unweit der Reeperbahn im Stadteil St. Pauli in Hamburg. /Archiv Foto: Marcus Brandt
 

Ging der Streit um den Ersatz der maroden und vornehmlich von weniger betuchten Menschen bewohnten „Esso-Häuser“ zunächst kaum über den Stadtteil hinaus, geriet er kurz vor Weihnachten 2013 schlagartig bundesweit in die Schlagzeilen. Wegen akuter Einsturzgefahr wurden damals die rund 100 Mieter mitten in der Nacht aus den Betten geholt und die mehrgeschossigen Gebäude gesperrt. Die Bayerische Hausbau wies Vorwürfe der Initiative Esso-Häuser zwar energisch zurück, sie habe die Gebäude aus Profitgier vorsätzlich verrotten lassen, für viele Hamburger und die traditionell stark ausgeprägte autonome Szene war damit jedoch das Maß voll. Über Wochen gingen teils tausende Menschen auf die Straße. Es kam zu mehreren, auch gewalttätigen Demonstrationen.

Eine Annäherung schien ausgeschlossen. Rückblickend spricht Büllesbach von einer Zeit, „die weder zur Zufriedenheit der Stadt, des Stadtteils noch der Bayerischen Hausbau“ gewesen sei. Das ändert sich erst, als Stadtteilbewohner 2014 die „Plan-Bude“ zur Bündelung ihrer Ideen ins Leben rufen und sich der Investor zu Zugeständnissen bereit erklärt. Dieser Beteiligungsprozess „hat für uns als Immobilienunternehmen einen ganz neuen Blick zugelassen, nämlich die Frage ,Wofür bauen wir?', wird hier sicher anders beantwortet als an manch anderem Projekt“, sagt Büllesbach. Und fügt mit Blick auf die Vorschläge der St. Paulianer mit einer Miene an, als könne er selbst kaum glauben, was er da sagt: „Ich habe miterlebt, wie meine Mitarbeiter mitgenommen wurden von begeisterten Ideen.“

„St. Pauli-Code“ nennen Büllesbach und der ebenfalls sehr zufriedene „Plan-Buden“-Mitorganisator Christoph Schäfer das, was nun nach einem - wie sie einräumen - nicht immer einfachen Beteiligungsprozess mit weit über 2000 Vorschlägen aus der Bevölkerung herausgekommen ist.

Konkret bedeutet dieser, wie Schäfer sagt: Freiräume für Dinge, die woanders nicht gehen, Kleinteiligkeit, Toleranz für alles, was aus der Norm fällt, Erhalten statt neu bauen, Sicherung alter Bewohnerstrukturen, günstig statt teuer und kein Eigentum für einzelne. Auf das „Esso-Areal“ übertragen heißt das: keine Eigentumswohnungen. Stattdessen 80 frei finanzierte Mietwohnungen, 80 Sozialwohnungen und noch einmal gut 30 Wohnungen, die über genossenschaftliche Baugemeinschaften realisiert werden sollen. Hinzu kommen ein Hotel, ein Hostel, Kneipen, Clubs und Geschäfte.

„Es ist mit Sicherheit kein übliches Verfahren wie man Immobilienprojekte als Investor und Immobilieneigentümer abwickelt“, sagt Büllesbach. Dennoch will er das offensichtlich nicht mehr missen, ist selbst so überzeugt von den voraussichtlich 2020/21 fertiggestellten neuen „Esso-Häusern“, dass er den Architekten und auch seinen eigenen Leuten für die noch anstehende Detailplanung eine klare Bitte ins Stammbuch schreibt: Sie mögen unbedingt darauf achten, „dass der St. Pauli-Code erhalten bleibt“.

zur Startseite

von
erstellt am 23.Sep.2016 | 17:08 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen