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Hamburg

10. Dezember 2016 | 13:46 Uhr

Hamburg : Ein Leben ohne Müll: Zwei Hamburgerinnen machen es vor

vom

Zwei Hamburgerinnen produzieren so gut wie keinen Abfall. Statt auf Verzicht setzen sie auf das Motto „grün und sexy“.

Ihre Zahnpasta stellen sie selbst her, ihre Lebensmittel kaufen sie unverpackt auf dem Markt. Die Hamburgerinnen Erdmuthe Kriener und Vanessa Riechmann produzieren keinen Müll. Es sei einfacher, als man denkt, sagen sie.

Rund 213 Kilogramm Verpackungsmüll produziert ein Deutscher im Jahr. Ein Teil des Plastiks landet im Meer: In jedem Quadratkilometer schwimmen zehntausende Teile Plastikmüll.

„Früher war ich eine Shoppingqueen“, räumt Vanessa Riechmann freimütig ein. Ein Beitrag über eine Familie, die plastikfrei lebte, wurde zum Schlüsselerlebnis. „Die Blutwerte der Familie veränderten sich durch den Verzicht auf Plastik radikal, da wollte ich das auch.“ Die 35-Jährige begann zu recherchieren, tauschte sich mit Freundin Erdmuthe Kriener aus. Dann fassten beide den Entschluss, mitten in Hamburg ganz ohne Müll zu leben. Kriener: „Wir haben uns da so hochgeschaukelt.“

Seit Sommer 2015 vermeiden die beiden hauptberuflichen Musicaldarstellerinnen konsequent Müll. Ihr Müll der vergangenen Monate passt in ein kleines Marmeladenglas. Das ist deutlich weniger als beim durchschnittlichen Deutschen, der pro Jahr etwa 617 Kilogramm produziert. „Und das landet am Ende in einer Müllverbrennungsanlage“, sagt Riechmann.

Lebensmittel kaufen sie unverpackt auf dem Markt und stecken sie in mitgebrachte Stoffbeutel. Auch Glasbehälter haben sie dabei, denn Glas sei zu 100 Prozent recycelbar. Bei Trockenwaren ist das kein Problem. Schwieriger wird es bei Fleisch und Milchprodukten. Laut Gesetzgeber darf das mitgebrachte Gefäß nicht hinter die Theke gereicht werden. „Auf der Theke ist aber o.k.“, erklärt Kriener. Verkäufer würden allerdings zunächst oft irritiert reagieren.

Riechmann mag die Konfrontation in solchen Momenten: „Ich bin jedes Mal gespannt, was passiert.“ Lehnt ein Verkäufer ab, Fleisch oder Käse unverpackt zu verkaufen, beginnt für sie erst der Spaß: „Dann argumentiere und streite ich.“ Für Kriener ist diese Situation in neuen Läden immer wieder eine Herausforderung. Sie sei eher schüchtern und habe erst lernen müssen, selbstbewusst nach unverpackten Lebensmitteln zu fragen.

Auf der Suche nach Alltagstipps stießen sie im Internet auf Bea Johnson. Die US-Amerikanerin gilt als Begründerin der „Zero Waste“- , also „Kein-Müll“-Bewegung. Ihre Philosophie fasste sie unter fünf Begriffen zusammen: vermeiden, reduzieren, wiederverwerten, reparieren, recyceln und kompostieren. Ihre eigene Haltung nennen sie „grün und sexy“.

Den Einwand, das sei doch viel zu zeitaufwendig und zu teuer, hören Erdmuthe Kriener und Vanessa Riechmann am häufigsten. Das Gegenteil sei der Fall. Im Haushalt nutzen sie viel Selbstgemachtes. Aus den Grundzutaten Natron und Kokosöl wird in wenigen Sekunden Zahnpasta. Deo entsteht aus Wasser, Natron und etwas Duftstoff –  dann nur noch schütteln und fertig ist es. „Wir sparen damit Müll, Zeit und Geld“, sagt Kriener begeistert.

Was als Versuch begann, wurde schnell zur Lebenshaltung. Das Interesse daran war so groß, dass sie im Herbst anfingen, über ihre Erfahrungen zu bloggen, und nannten sich „Alternulltiv“. Für die zwei stand von Anfang an fest: Wenn „Kein Müll“ ihr Lebensstil werden soll, dann nur ohne Verzicht. „Wir sind keine Minimalisten.“ Riechmann und Kriener wollen keine Aussteiger sein, keine Selbstversorger, und sie passen bewusst nicht ins Bild des typischen „Ökos“. „Grün und sexy“ – kurz „grexy“ – nennt sich diese Haltung, der sich weltweit immer mehr Menschen anschließen.

Missionieren wollen sie trotzdem nicht. Ihr Mann benutze weiterhin sein Shampoo, erzählt Riechmann. „Wir wollen zum Umdenken anregen, aber ohne Zwang“, ist ihre Devise. Hierfür bieten sie Workshops an. Sie träumen davon, ein Buch zu schreiben und einen „Unverpackt“-Laden in Hamburg zu eröffnen.

Wie man zum Beispiel Zahnpaste selbst herstellt, darüber schreiben die zwei Hamburgerinnen in ihrem Blog. Ihr Tipp an Einsteiger? „Nicht zu viel vornehmen.“ Zwei Gewohnheiten ließen sich leicht ändern: Kein Wasser kaufen und keine Plastiktüten verwenden. „Am besten hat man immer einen Stoffbeutel dabei.“ Da können Brot und Brötchen beim Bäcker hineingepackt werden oder die losen Paprika im Supermarkt. Mit solch kleinen Schritten könne viel erreicht werden.

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erstellt am 22.Mai.2016 | 12:57 Uhr

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