zur Navigation springen

Hamburg

08. Dezember 2016 | 15:34 Uhr

Nachruf : Barbara Kisseler: „Herausragende Anwältin der Kultur“

vom

Hamburgs Kultursenatorin starb nach schwerer Krankheit am Freitag im Alter von 67 Jahren. Ein Nachruf.

Hamburg | Als eine geschwächte Barbara Kisseler vor gut acht Monaten noch einmal im Großen Saal der Elbphilharmonie stand, verströmte Hamburgs Kultursenatorin eine ungewöhnlich intensive Genugtuung. Vom „Gefühl der Erhabenheit“ schwärmte sie beim Blick auf die gerade fertiggestellte Weiße Haut des Konzertsaals. Ein kaum noch erhoffter Meilenstein war erreicht, und Kisseler strahlte wohl auch deshalb so, weil sie trotz angegriffener Gesundheit diesen noch persönlich setzen konnte. Ihr großer Wunsch, bei der Eröffnung des Konzerthauses am 11. Januar 2017 dabei zu sein, hat sich nicht erfüllt. Die 67-Jährige ist am Freitag einem Krebsleiden erlegen.

Selten nur sind sich Wegbegleiter, Kollegen, Kontrahenten und Öffentlichkeit so einig in der Bewertung eines aktiven Politikers wie im Falle der Kultursenatorin. Ob links oder rechts, ob Sprechtheater oder Klassik, leichte oder schwere Kunst: Fast jeder der sich zum Wirken Kisselers äußerte, tat dies mit großer Bewunderung für die Frau, die seit März 2011 an der Spitze der Kulturbehörde gestanden hatte. Die Verstorbene sei „eine herausragende Anwältin der Kultur“ (Bürgermeister Olaf Scholz), „eine der profiliertesten Kulturpolitikerinnen Deutschlands“ (Kulturstaatssekretärin Monika Grütters), „ein Glücksfall für unsere Stadt“ (SPD-Fraktionschef Andreas Dressel), „eine aufrechte Persönlichkeit, für die Kulturpolitik mehr war als nur Beruf“ (CDU-Kulturpolitiker Dietrich Wersich), „ein Fels in der kulturellen Brandung der Stadt“ (Ohnsorg-Intendant Christian Seeler), „eine großartige Ermöglicherin kultureller Ideen“ (Schauspielhaus-Chefin Karin Beier).

Es brauchte wohl eine von ihrer Statur, um das vermaledeite Prestigevorhaben am Elbufer nach langer Pannenserie wieder in die Spur zu bringen. Mit Bürgermeister Olaf Scholz sortierte Barbara Kisseler das Wirrwarr auf eine Weise neu, dass es seither wie am Schnürchen läuft. Die Elbphilharmonie war Last und Lust zugleich für die studierte Theaterwissenschaftlerin und Germanistin, die vor ihrer Hamburger Zeit fünf Jahre die Senatskanzlei in Berlin geleitet hatte.

Kisseler übernahm das verunglückte Vorhaben und litt in den ersten Jahren sichtbar unter der Herkulesaufgabe. Freilich beugte sich die große, schlanke Frau mit dem grauen Kurzhaar dem Druck nicht. „Keine Spielchen mehr“, hatte sie kurz nach Amtsantritt dem sperrigen Baukonzern Hochtief zugerufen. Ein neuer Ton war angeschlagen, der zum Erfolg führen sollte.

Den Intellekt und den Humor Kisselers betonen viele Nachrufe, aber eben auch deren Durchsetzungskraft und Streitbarkeit. „Ich streite mich gern, im Zweifel auf Seiten der Künste“, hatte sie einmal gesagt. Auch der Bürgermeister bekam dies zuletzt zu spüren. Im Frühjahr schwänzte die Senatorin eine Bürgerschaftsdebatte zu den City-Höfen. Es war ihr Protest gegen den geplanten Abriss des Denkmals, den Scholz unterstützt.

Dieses Mal setzte sich die Kulturkämpferin nicht durch, aber sie hatte Rückgrat gezeigt. Die gebürtige Rheinländerin feierte abseits der Elbphilharmonie weitere Erfolge für Hamburgs Kultur. Sie verpflichtete Kent Nagano für die Staatsoper, verlängerte den Vertrag mit Ballettintendant John Neumeier und sicherte dessen Erbe für Hamburg. Als Präsidentin des Deutschen Bühnenvereins war Kisseler zugleich seit Mai 2015 eines der wichtigsten Sprachrohre für die großen Theater hierzulande.

zur Startseite

von
erstellt am 10.Okt.2016 | 20:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen