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Hamburg

08. Dezember 2016 | 12:55 Uhr

Hamburger im Gespräch : Altbürgermeister Ole von Beust: „Die AfD-Nazi-Sprüche finde ich zum Kotzen“

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Ole von Beust spricht im shz.de-Interview über Rechtspopulisten, die dämmernde Schöne Hamburg und über sein Outing als Homosexueller.

Hamburg | Vor gut sechs Jahren hat Ole von Beust das Amt des Hamburger Bürgermeisters niedergelegt. Ein politischer Mensch ist der 61-Jährige weiterhin. Im Gespräch verrät er, was ihn aktuell umtreibt. Seiner Vaterstadt rät er, sich nicht auf ihrer Pracht auszuruhen.

Herr von Beust, sechs Jahre nach Ihrem Rücktritt: Was tun Sie?
Von Beust: zum Einen arbeite ich als Rechtsanwalt. Den überwiegenden Teil meiner Zeit widme ich mich meiner Consulting-Agentur mit Sitz in Hamburg und in Berlin.

Wie begegnen Ihnen die Hamburger heute?
Die, die mich mögen, grüßen freundlich und fragen „Wie geht’s?“. Die mich nicht mögen, gucken durch mich hindurch. Aber das ist vollkommen in Ordnung.

Denken sie manchmal, Sie hätten länger in der Politik bleiben sollen?
Überhaupt nicht. Ich glaube, ein Spitzenamt in der Politik sollte man nur für höchstens zwei Legislaturperioden übernehmen. Eine solche Begrenzung wie in den USA hielte ich für klug.

Warum?
Irgendwann kommt für einen Politiker der Punkt, an dem die Stimmung umkippt. Es gibt eine Gefahr der Übersättigung. Die Leute können den Politiker dann einfach nicht mehr sehen. Deshalb habe ich nach neun Jahren bewusst gesagt, jetzt ist Schluss.

Überhaupt keine Sehnsucht nach der Politik?
Manchmal juckt es schon. Nicht, weil ich wieder ein Amt übernehmen wollte. Aber thematisch möchte ich mich schon in Debatten einmischen.

Zum Beispiel?
Was mich besorgt und wütend macht, ist das Aufkeimen von rechten Ressentiments, Vorurteilen und Hassgefühlen gegenüber Minderheiten.

Das zielt auf die AfD. Viele sehen die AfD als Nachfolgerin der Schill-Partei, mit der Sie koaliert haben...
Schill war ein Rechtspopulist, aber kein Nazi. Für das zum Teil faschistische Geschwätz in der AfD habe ich nichts übrig. Wenn Frau Petry sagt, wir müssen den Begriff „völkisch“ wieder positiv besetzen, dann nutzt sie einen Nazi-Begriff, der nichts mit Heimatliebe oder Patriotismus zu tun hat. Und wenn Herr Höcke sagt, blonde, blauäugige Frauen sehen sich der Gefahr der Vergewaltigung ausgesetzt, dann ist das Nazi-Terminologie. Und die finde ich zum Kotzen.

Ole von Beust ist 1955 als Freiherr Carl-Friedrich Arp von Beust in Hamburg geboren. Als Erwachsener ließ er seinen Spitznamen „Ole“ standesamtlich eintragen. An der Seite von Rechtspopulist Ronald Schill   wurde der Jurist 2001 Erster Bürgermeister. 2008 wagte er als erster CDU-Ministerpräsident eine Koalition mit den Grünen.  Im August 2010 trat von Beust wegen Amtsmüdigkeit zurück („Alles hat seine Zeit“). Der 61-Jährige  lebt mit seinem Lebenspartner in Hamburg-Rotherbaum und verbringt seine Zeit  gern in seiner Ferienwohnung in Westerland auf Sylt. 

Was soll Ihre CDU tun, um nicht weiter Wähler an die AfD zu verlieren?
Politik muss insgesamt die Probleme und Sorgen der Menschen wieder stärker wahrnehmen und auch selbst artikulieren. Ich finde zum Beispiel, dass die Bedeutung der öffentlichen Ordnung zu kurz kommt. Am Hansa-Platz in St. Georg etwa halten sich jeden Tag Betrunkene auf, die pöbeln, rülpsen und in die Ecken pinkeln. Die Polizei sagt: So lange keine Straftat vorliegt, können wir nichts machen. Der Begriff öffentliche Ordnung gehört wieder ins Gesetz, damit die Polizei einschreiten kann.

Was läuft schief in Deutschland?
Politik versucht zu sehr, die Probleme kleinzureden und die Lage zu beschönigen. Beispiel Globalisierung: Alle tun so, als habe diese nur Vorteile. In Wahrheit machen die Folgen der Globalisierung vielen Menschen Angst. Auch die Eliten werden ihrer Verantwortung gegenüber der Gesellschaft nicht immer gerecht. Früher verdiente der Vorstandschef eines Unternehmens vielleicht das Zehnfache dessen, was seine Angestellten bekamen. Heute ist es zum Teil das Hundertfache. Das ist eine Beleidigung des Gerechtigkeitsgefühls. Als Politiker würde ich sagen: Das ist unanständig und maßlos.

Sie haben 2008 als Erster CDU-Ministerpräsident Schwarz-Grün auf Landesebene gewagt. Eine Empfehlung an Ihre Partei für die Bundestagswahl 2017?
Das ist ein denkbares Modell. Es wäre aber unklug von der CDU, das groß zu thematisieren, weil es eine eher konservative Klientel der Partei abschrecken könnte.

Würde es denn im Bund inhaltlich passen zwischen Union und Grünen?
Mit der CSU würde es in Teilen wohl schwierig. Auch sind einige Grüne immer noch sehr wirtschaftsfeindlich. Ich habe aber die Erfahrung gemacht, dass die Grünen unglaublich zuverlässige Koalitionspartner sind. Daher glaube ich, dass sie im Prinzip kein schlechter Bündnispartner sind.

Können Sie sich eine Konstellation vorstellen, in der Sie in die Politik zurückkehren, etwa bei Schwarz-Grün im Bund?
Eher nicht. Man soll zwar nie nie sagen. Aber mir geht es rundum gut, so wie es ist.

Hamburg, Berlin, Sylt – wo sind Sie am liebsten?
Schwer zu sagen. Sylt ist toll, aber ich kann ja nicht nur am Strand liegen oder spazieren gehen. Ich war zu Bürgermeisterzeiten häufiger da als jetzt, weil es mein Fluchtpunkt war. Hamburg ist meine Heimat und meine Emotion. Aber Berlin ist eine faszinierende Stadt, in der ich wahnsinnig gern bin.

Fehlt Hamburg diese Dynamik?
Hamburg ist eine ruhigere, konservative und geordnete Welt. Mit sehr hoher Lebensqualität...

...aber immer noch eine selbstzufriedene Stadt, die Helmut Schmidt einmal als die „schlafende Schöne“ bezeichnet hat?
Schlafend ist übertrieben. Aber eine dösende Schöne, würde ich sagen.

Wird Hamburg von Olaf Scholz gut regiert?
Ordentlich. Ich habe Respekt vor dem Wohnungsbauprogramm von Olaf Scholz, das er mit der notwendig harten Hand in den Bezirken durchsetzt. Die Basics sind in Ordnung.

...aber?
Was mir fehlt, ist die Idee: Wo soll die Stadt hin? Wo soll der Hafen hin, wo soll Hamburg bei Wissenschaft und Forschung stehen? Mir fehlt eine Diskussion um die Frage: Wo soll diese Stadt in 15 Jahren stehen?

Wo sollte Sie denn stehen?
Man sollte verschiedene Leitbilder diskutieren. Zum Beispiel: Hamburg als Tor zu Skandinavien. Oder: Hamburg als Teil einer starken Achse mit Berlin, mit Aufgabenteilung zwischen den Städten. Oder: Hamburg als Modell einer europäischen Stadt mit hohem Industrieanteil.

Warum führt Hamburgs Politik diese Debatten nicht? Ist es Angst vor dem Nein der Bürger?
Ja, auch. Natürlich ist es bequemer, sich solche Ziele nicht zu stecken, wenn man weiß, dass immer einer dagegen ist. Zugleich ist es auch ein bisschen das Hamburger Naturell. Viele Hamburger meinen ganz ernsthaft, wir lebten in der schönsten Stadt der Welt. Natürlich ist Hamburg eine wunderschöne Stadt, aber nicht die einzige. Amsterdam, Barcelona, Toronto oder Sydney sind auch schöne Städte. Wir neigen dazu, uns als Nabel der Welt zu sehen.

Wo sind Sie am 11. Januar 2017?
Ich hoffe, bei der Eröffnung der Elbphilharmonie.

Mit welchem Gefühl werden die da sein?
Mit einem guten. Die Entscheidung meines damaligen Senats, die Elbphilharmonie zu bauen, war richtig. Hamburg bekommt ein Bauwerk mit dem Charakter eines Alleinstellungsmerkmals, sowohl architektonisch als auch wegen des Inhalts.

Die Kosten sind mehrfach explodiert...
Das ist allerdings ein Riesenärgernis. Klammer auf: Als die Kosten entstanden, haben es alle gewusst und die meisten haben zugestimmt. Ich will mich aber nicht vor der Verantwortung drücken. Im Nachhinein betrachtet ist in der Planung einiges schief gelaufen.

War Ihr unfreiwilliges Outing als Homosexueller im Rückblick betrachtet ein Glücksfall?
Im Nachhinein war’s gut. Das macht alles unkomplizierter. Das Witzige ist: Ich habe es vorher nie verborgen. Mich hat nur nie jemand gefragt. Hätte es jemand getan, hätte ich die Wahrheit gesagt.

Sie leben mit Ihrem Partner in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft. Wo haben Sie geheiratet?
Im Standesamt Hamburg-Wandsbek.

Wie wichtig war Ihnen dieser Schritt?
Sehr wichtig. Ich hätte nie gedacht, dass dieser formale Akt so viel auslöst. Für mich schafft er ein gesteigertes Maß an Verantwortung, an Pflicht- und Zusammengehörigkeitsgefühl.

Ole von Beust persönlich
Meine Schwäche ist...mangelnde Geduld, lange in endlosen Gremienberatungen zu sitzen.

Meine Stärke ist... Entscheidungsfreude.

Mein Leben würde noch schöner... ich bin glücklich.

Gut verzichten könnte ich auf...Statussymbole.

Mein Lieblingsplatz in Hamburg ist...mein kleiner Balkon in Rotherbaum.

Am besten kann ich entspannen...wenn ich auf Sylt im Strandkorb sitze.

Fußball...Bundesliga und Nationalelf gucke ich gern, sonst kein großes Interesse.

HSV oder St. Pauli...HSV.

Mein Vorbild...habe ich nicht.

Meine drei wichtigsten Charaktereigenschaften sind... spontan, optimistisch und bisschen eigenbrötlerisch.

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