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Regionales

10. Dezember 2016 | 04:15 Uhr

Regionalsprachen in Schleswig-Holstein Teil 2 : A æ u å æ ø i æ å: Elf derbe Schnacks auf Sønderjysk

vom

Das „møjn“ und viel Geschichte haben wir gemein mit den Südjüten. Sprachlich wird es dort selbst für Dänen schwer.

Apenrade/Sonderburg | Sønderjysk (Südjütisch, Æ Sproch) wird auch Platt-Dänisch bezeichnet. Dass Außenstehende diesen Dialekt mitunter verlachen und nur selten im Lichte der Schönheit über ihn referieren, ist für die Sprecher kein Problem. Der Dialekt umfasst eine breite Palette an Ausdrücken, die nur im Südzipfel verwendet werden. Vieles gilt als vom Deutschen oder Plattdeutschen beeinflusst – aus der Zeit, als Schleswig noch vereint war.

Einer der Gründe, weshalb Menschen aus anderen Gebieten als dem dänischen Süden bei Sønderjysk mit den Augen rollen, ist, dass sie so gut wie kein Wort verstehen. Dass Dänen nach einigen Worten eines Südjüten gern mal einen Lachkrampf bekommen, liegt auch daran, das das Südjütische wie selbstverständlich Worte einbettet, die im Reichsdänischen längst in die Niederungen der Sexualjargons abgewandert sind.

1. Fikk-duk

Foto: imago/Science Photo Library

Fangen wir mit etwas Harmlosem an, das zur Jahreszeit dazugehört. Das fikk-duk (gesprochen Fikkduch), ist etwas ganz Alltägliches. Fikk ist die Hosentasche und duch steht für Tuch, also Taschentuch. Snupdug geht auch.

 

2. Der Fissemand

Foto: imago/blickwinkel

Spätestens wenn jemand das Wort Fissemand herausholt, geht das Gegrinse los. Nicht nur, dass das beinahe gleich klingende dänische Wort „Tissemand“ Schniedelwutz bedeutet: „Fisse“ ist im Dänischen die vulgärste Bezeichnung für die Vagina. Fissemand bedeutet allerdings Vogelscheuche – oder bezeichnet einen Mann von schwachem Charakter. Vielleicht hat er ja sogar eine makke i æ skalle (eine Meise im Skalp, so zu sagen).

 

3. An die Tür schwänzeln

Foto: imago/Eibner

Pikk' o bedeutet „anklopfen“. Pik heißt auf Dänisch allerdings Pimmel, so dass hier dann wortwörtlich jemand mit seinem Schwanz gegen die Tür wedelt – ein romantisch-sexueller Hintergrund liegt bei dieser Art des „Schwänzelns“ auf der Hand.

 

4. Wenn es auf den Magen schlägt

Foto: Imago

Uha a ska Spi! Wenn man diesen Satz einmal ausspricht, kann man es schon ahnen. Erklären wir es mal ganz simpel: Auf turbulenten Fährfahrten an der dänischen Nordsee könnte einem dieser Ausspruch begegnen. Man sollte Sicherheitsabstand halten, denn jemand in der Nähe ist womöglich seekrank.

 

5. Das wichtigste Wort

<p>Das Team der Nordschleswiger bei der Europeada 2016 mit Trainer „Kloppo“ Bretschneider.</p>

Das Team der Nordschleswiger bei der Europeada 2016 mit Trainer „Kloppo“ Bretschneider.

Foto: dopo
 

Æ: Wenn doch alle Sprachen so einfach wären. Das Æ steht für „ich“ und für alle bestimmten Artikel. So tritt die Fußball-Mannschaft der Nordschleswiger bei den Europameisterschaften der Minderheiten als „Æ-Team“ auf. Das bedeutet nicht anderes als „die Mannschaft“. Bei der Aussprache des Æ gibt es allerdings verräterische Unterschiede. In Hadersleben entspricht es zum Beispiel einem A.

 

6. Der Satz der Sätze

Foto: imago/blickwinkel

A æ u å æ ø i æ å - richtig gehört, so klingt ein vollständiger Satz. Er bedeutet: „Ich bin draußen auf der Insel in der Au“.

 

7. Füße hoch im Pissel

Foto: imago/fotoimedia

Wer während seiner Mærrelau (Mittagspause) Zeit hat, kann ins Pissel gehen: Man mag vielleicht ahnen, dass es sich dabei um eine Örtlichkeit handelt. Das Pissoir ist es aber nicht. Der Pissel bezeichnet in Nordschleswig die gute Stube – in Schleswig-Holstein auch bekannt als Pesel.

 

8. Bom Bom

Foto: imago/INSADCO

Wenn es ums Essen (Unnen) geht, sind die Südjüten ja für ihre mindestens 14 Torten umfassenden Kaffeetafeln bekannt. Die Bezeichnungen für Essbares sind allerdings eher trocken. Ein Bom ist ein Bonbon, Veekach ist Weißbrot, To'rt ist Torte und Knepkach ist Gebäck.

 

9. Snapha'n und Skiesprae

Foto: imago/Westend61
 

Snapha'n und Skiesprae sind ein paar Schuhe, sie gehören Emporkömmlingen und Angebern. Vielleicht schwingt in diesen Worten der Wunsch mit, dass sie einmal naun å æ dækkel (einen auf die Glocke) bekommen.

 

10. Haarbydl  und edepetede

Dänische Comedians lieben es, den aus Hauptstadtsicht schrägen Dialekt zu verballhornen. Die Sketche der Sendung „Rytteriet“ mit der schwer attraktiven „Dialektfrau“ Bodil Jørgensen in der Hauptrolle, die so ganz und gar nicht dem auch in Norddeutschland bekannten Wort edepetede (feminin) entspricht, sind ein Klassiker. Die Figur schreit nach so ziemlich jedem unverständlichen Satz ein wohl verständliche „Holl din Keft!“ („Halt die Fresse“) raus, geringfügig netter (plattdeutscher) wäre da hold' æ kløter gewesen. Am Anfang erzählt sie (ohne Gewähr), dass jemanden sucht, der nach Pattburg fährt. Dort will sie sich einen Haarbydl (Rausch, Kater) holen, infolge dessen sie für jeden Kerl einfach Spiel ist. Den „Haarbydl“ kennen wir auch im Plattdeutschen, siehe Teil 1 der Serie.

 

11. Rap als lebendiges Wörterbuch

Ein bekannter Akteur der Sønderjysk-Szene ist seit Jahrzehnten der dänische Rapper L Ron Harald. Mæ å Min Kadett (Mig og min Kadett, Ich und mein Kadett) lautet eines seiner bekanntesten Lieder.

Sønderjysk ist nicht wegzudenken aus Nordschleswig und auch in Schleswig-Holstein ist es als Minderheitensprache anerkannt, obwohl das Angeldänische lange ausgestorben ist und obwohl die dänische Minderheit ein Dänisch spricht, das sich an der Hochsprache orientiert. Da Südjütisch noch stärker in der Aussprache variiert als Plattdeutsch, bekommt das verständige Ohr sehr schnell verlässliche Rückschlüsse über genaue Herkunft des Sprechers innerhalb Südjütlands, von Tynne (Tondern) über Affenråe (Apenrade) bis Synnebårre (Sonderburg) auf Alsen.

Dänische Linguisten geben die Prognose, dass dieser Dialekt die anderen überleben wird, auch weil es für die Deutsche Minderheit ein wichtiger Teil ihrer Identität ist. So sind beispielsweise Poster mit besonders speziellen Worten oder Redewendungen im Handel erhältlich und populär. 2013 und 2015 gab es sogar Weltmeisterschaften im „Synnejysk“, die 2017 erneut stattfinden werden.

Lesen Sie hier die weiteren Teile der Serie „Regionalsprachen in SH“:

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erstellt am 10.Okt.2016 | 20:57 Uhr

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