Munitions-Altlasten

KOMMENTAR: Tickende Zeitbombe

02. Februar 2013 | 00:00 Uhr | Von Frank Jung


Nach fast 70 Jahren des Nichtstuns ist die Gemeinschaft von Bund und Ländern zum Handeln gezwungen, sagt sh:z-Redaktionsmitglied Frank Jung.

Im Juli letzten Jahres hat ein Junge aus Baden-Württemberg am Schönberger Strand östlich von Kiel hochgiftige Schießwolle entdeckt. Es war ein langer Schatten aus der Vergangenheit. Die hochgiftige Mischung aus TNT, Hexanitrodiphenylamin und Aluminium kam im Zweiten Weltkrieg vor allem in Torpedos und Seeminen zum Einsatz. Ein Schlaglicht, das deutlich macht: Es ist kein umweltpolitischer Aktionismus, wenn Schleswig-Holsteins grüner Umweltminister Robert Habeck Munitions-Altlasten zum Thema macht - sondern eine überfällige Reaktion auf eine konkrete Gefahr. Fast 70 Jahre nach Ende tritt eine vergessene Hypothek des Kriegs zu Tage. Die Gehäuse werden langsam rott, vor allem die aus rostanfälligem Metall. Der Fund vom Schönberger Strand ist nur ein Hauch von 1,6 Millionen Tonnen konventionellen und 5000 Tonnen chemischen Kampfmittel, die in den deutschen Hoheitsgewässern vermutet werden.

Die Sicherheit von badenden Einheimischen und Touristen, von Seglern und Fischern, die Sorge um das Ökosystem Meer: Viele Gründe zwingen nach über einem halben Jahrhundert Nichtstun zum Handeln. Ein weiterer Anlass ist der Bau der Offshore-Windparks und ihrer Kabeltrassen. Zwar verpflichtet das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie jeden Betreiber, den Grund auf Gefahren durch Munition hin abzusuchen. Doch beruhigender wäre es für alle, wenn bereits vor der Genehmigung klar wäre, wo Risiken lauern. Ein geschlossener Überblick dazu besteht aber bis heute nicht. Gängige Praxis ist es, zu reagieren statt vorauszuschauen.

Doktoranden- und Stipendiatenstellen für das weitere Durchforsten von Archiven, Forschungsgelder für bessere Bergungs- und Überwachungstechnologien müssen her, Man-Power in Behörden will freigeschaufelt werden. Zwar sind die benachbarten Küstenländer und der Bund in der von Schleswig-Holstein angeführten Arbeitsgruppe zu Munitions-Altlasten dabei. Eine wirkliche Wende hin zu einer vorbeugenden Praxis wird aber nur gelingen, wenn die Problematik auch in Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin eine ebenso hohe politische Aufmerksamkeit erfährt wie in Kiel. Der wachrüttelnde Bericht der Bund-Länder-Arbeitsgruppe ist dafür ein Instrument.


 
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