TOP-THEMA

 

Warnung nach Tod von Chantal

Zu wenig Kontrollen in Pflegefamilien

02. Februar 2012 | 07:40 Uhr | Von kim

Chantal aus Hamburg starb mit nur elf Jahren an einer Methadon-Überdosis. Foto: dpa

Eine Expertin schlägt Alarm: Jugendämter in Schleswig-Holstein werden kaputtgespart. Die Auswahl der Pflegefamilien treffen immer wieder freie Dienstleister.

Itzehoe. Das Schicksal der elfjährigen Chantal aus Hamburg - ein Einzelfall? Keinesfalls, meint die Chefin des Landesverbandes für Kinder in Adoptiv- und Pflegefamilien, Birgit Nabert. Auch im nördlichsten Bundesland liege vieles im Argen: "Intakte Strukturen in den Jugendämtern wurden kaputtgespart, und das Kindeswohl wird auf perfide Weise missachtet. Auch in Schleswig-Holstein werden Kinder sterben, wenn wir nicht endlich hinschauen", so ihre Befürchtung. Wie berichtet waren Chantals Pflegeeltern Ex-Junkies auf Methadon-Entzug. Das Kind war an einer Überdosis der Ersatzdroge gestorben.

Bei Auswahl und Schulung der Pflegeeltern in Schleswig-Holstein, in deren Obhut sich derzeit 3106 Kinder befinden, werden laut Nabert regional sehr unterschiedliche Maßstäbe angesetzt. Vorbildlich laufe es bei den Jugendämtern in Kiel und Neumünster sowie im Kreis Nordfriesland. Hier werden die Ersatzeltern zunächst genau auf Eignung geprüft und anschließend rechtlich und pädagogisch intensiv begleitet - und zwar durch Fachpersonal der Jugendämter.

Dumpingpreise bei freien Trägern

Das haben andere Kreise - zum Beispiel Pinneberg, Dithmarschen und Lauenburg - nach Aussage von Nabert längst abgeschafft. Ähnlich wie im Skandal-Jugendamt Hamburg-Mitte werden hier freie Träger mit der Auswahl und Betreuung der Familien beauftragt. "Die bieten die Leistungen zu Dumpingpreisen an", warnt Nabert. Das gehe zu Lasten der Qualität. "Der vorge schriebene Besuch in den Pflegefamilien einmal pro Jahr fällt dann auch mal aus", so Nabert, Mutter von zwei leiblichen und fünf Pflegekindern, die teilweise schon aus dem Haus sind. In Hamburg war deshalb nicht aufgefallen, dass Chantal in desolaten Verhältnissen wohnte und kein eigenes Bett hatte. Ähnlich wie Irene Johns vom Kinderschutzbund Schleswig-Holstein fordert Nabert einheitliche Kriterien für Jugendämter. Zudem mahnt sie eine Fachaufsicht für diese Behörden an. Doch nicht nur die Bundesjustizministerin habe auf eine entsprechende Bitte ihres Vereins abschlägig geantwortet. Auch der Kieler Sozialminister Heiner Garg (FDP) verschließe die Augen. "Der will mit der Sache nichts zu tun haben."

In der Tat ziert sich Garg, Konsequenzen zu ziehen. "Im Hamburger Fall muss zunächst geprüft werden, ob hier Vorgaben nicht eingehalten wurden oder Vorgaben schlichtweg gefehlt haben." Erst dann könne man Schlussfolgerungen ziehen, sagte er gestern unserer Zeitung. Schon jetzt gebe es aber die Vorschrift, dass Menschen nicht als Pflegeeltern zugelassen werden dürfen, wenn ein Drogenkonsument im Haushalt wohnt.


 

Leserkommentare

 
MARAIKE RUDOLF 02.02.2012 19:39
Chantal aus Hamburg

Es tut mir leid, was der kleinen Chantal passiert ist.
Endlich wird mal darüber nachgedacht, die Kriterien für Pflegeeltern zu überdenken und ggf. zu verändern..Schade nur, dass diese Gedanken erst nach einem solch grausamen Schicksal passieren...
Ich bin selber Erzieherin und PFLEGEMUTTER und ich finde es wahnsinnig, wie eine Pflegeerlaubníss zu Stande kommt... Es wird nicht einmal verlangt, dass man Ahnung von Pädagogik hat...
Kinder die aus deren Herkunftsfamilien in Pflegefamilien kommen haben ein grosses Päckchen zu tragen und benötigen erfahrene Menschen...Außerdem ist es der Hammer, dass es auch Pflegeeltern gibt, die Kinder wegen des Geldes aufnhemen...
Das Thema ist einfach nur GRAUSAM und hat mit Kindeswohl nichts zu tun...LEIDER!!!!!!

HERR R AUS T 02.02.2012 21:06
Es ist ......................

schon verdammt traurig das "unsere Politiker" KEINE Eier in der Hose haben. Das fängt bei Herrn "Bundespräsident" WULFF an und hört bei Sozialminister Heiner Garg (FDP) . Von unserer Familienministerin ganz zu schweigen.

HANS STEIN 02.02.2012 22:07
Einsparungen

Na ja, Herr HERR R AUS T, die Familienministerin mit "Eiern in der Hose"? Wie soll das denn gehen? ;-) Abgesehen davon, ist sie eine der größten Fehlbesetzungen dieser Regierung, siehe Betreuungsgeld. Sie ist so auf der Stufe von Niebel und Rösler.

Aber Sie haben ja Recht. In der Regel ist es so, dass die Qualität sinkt, wenn bei Sozialberufen weniger in Menschen investiert wird. Das kann man übrigens auch bei den sog. "Call-Centern" gut beobachten. Die Mitarbeiter haben fast alle keine Ahnung und keiner weiß, was der Andere gesagt hat (gilt vor allem bei den Telekom-Anbietern).

Es ist wichtig, dass kontrolliert wird, man sich die Pflegeeltern ansieht und nicht nur auf dem Papier! Das alles kostet Zeit und Geld.

Aber es ist ja das Übliche: Einsparungen der Regierungen mit der Rasenmäher-Methode (weil es einfacher für die Regierungsmacht und nicht so zeitaufwändig ist, siehe S-H, dann kann man öfter auf Häppchen-Empfänge gehen). Und danach wundert man sich über das Ergebnis. Man müsste ja meinen, dass man zum Thema "Rasenmäher" in den letzten Jahrzehnten dazugelernt hat, leider nein. Aber wie sagte Hilmar Kopper: „Moral ist überall hinderlich, wo es um Erfolg geht.“ Und der Regierung geht es nicht um Einzelschicksale, sie will den Erfolg vorweisen, wie immer man den definiert.

Es zeigt in einem erschreckenden Maße, wie gleichgültig sich diese Gesellschaft gegenüber Kindern (unserer Zukunft !!!) verhält, es geht halt nur noch um Macht, Geld und Sex, womit wir wieder bei den Eiern sind...



Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar zu schreiben. Anmelden

Warum muss ich mich anmelden/registrieren?

shz.de distanziert sich prinzipiell von allen in den Leserkommentaren geäußerten Meinungen ohne Rücksicht auf deren Inhalte. Alle Beiträge in den Leserkommentaren geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen der User wieder.

Bitte beachten Sie unsere Richtlinien für Kommentare!



 
 

SH-REISE

1000 Tipps für schöne Tage im Norden!
Der Norden hat viel zu bieten: In "1000 Tipps für einen schönen Tag in Schleswig-Holstein" finden Sie die schönsten Seiten des Landes und lernen geheime Attraktionen kennen. Einige haben wir hier für Sie.

 

 

LANDTAGSWAHL 2012

 

Beilagen der Woche

 
     

    "HERBIE" IN RENDSBURG

    Grönemeyer kommt nach Rendsburg!
    Alle wichtigen Informationen zum Konzert erhalten Sie hier.

     

    Nachrichtenticker

     

    Meistgelesene Artikel

     



     
    HÄUFIG GELESEN

    "Ich ging ohne Furcht in den Tod"

    Zum Tag des Gedenkens an die NS-Opfer: Das Schicksal des Flensburger Marineoffiziers Günther ...mehr

     
     


    KONTAKT | IMPRESSUM | AGB | DATENSCHUTZ