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Hartz IV

Was Kinder wirklich kosten

10. Oktober 2010 | Von Karin Lubowski, Schleswig-Holstein am Sonntag

Kein Spaß: Wer Kinder in die Welt setzt, muss mit weniger Geld auskommen. Doch haben nicht auch Kinder aus Hartz-IV-Familien Anspruch auf die gleichen Chancen wie ihre Altersgenossen? Foto: Roessler

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Kinder aus Familien von Hartz-IV-Beziehern bekommen zusätzliches Geld für Nachhilfe, Schulessen oder Freizeit. Ist das ausreichend - oder steuert die nächste Generation auf eine Hartz-IV-Karriere zu?

Wie stellt man Gerechtigkeit her? Im Februar hat das Bundesverfassungsgericht die pauschal festgelegten Regelsätze für Kinder aus Hartz-IV-Familien für verfassungswidrig erklärt. Schon zum 1. Januar 2011 müssen sich die Sätze für Kinder und Jugendliche am konkreten, altersspezifischen Bedarf orientieren. Heranwachsende haben zudem Rechtsanspruch auf individuelle Bildungsförderung. Bessere Chancen für arme Kinder also, die Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen mit einem Bildungspaket, das Sport- und Musikangebote, Nachhilfe, Schulessen beinhaltet, herstellen will.

Kritiker warnen indessen vor Diskriminierung und Bürokratisierung. Auch der Kinderschutzbund hält diesen Weg für falsch. "Statt Hartz IV bräuchten wir eine Kindergrundsicherung", sagt der stellvertretende Landesvorsitzende des Kinderschutzbundes in Schleswig-Holstein, Ingo Loeding. "Eine Summe oberhalb von 500 Euro pro Kind und Monat."

Ohne Kino und Schwimmen

500 Euro? Das klingt üppig - allerdings nur für diejenigen, die entweder keine Kinder haben, oder aber nicht auf den Euro achten müssen, wenn es um Alltag mit Kindern geht. Zum Beispiel mit Tom. Der 14-Jährige ist in den vergangenen 24 Monaten fast ebenso viele Zentimeter gewachsen. Er brauchte neue Klamotten am laufenden Band und weil Wachstum im wahrsten Wortsinn Nahrung braucht, futtert er für zwei. Gerade deshalb achtet die Familie auf einigermaßen vollwertige, frisch zubereitete Ernährung.

Nach Hartz-IV-Satz stünden Toms Eltern 287 Euro pro Monat für den Jungen zu, das sind knapp 80 Prozent dessen, was ein Erwachsener bekäme. Diese Summe muss nicht nur für das Essen, sondern auch für Bekleidung, Möbel, Freizeit reichen. Ein knappes Budget, bei dem bildungsrelevante Angebote schnell auf der Strecke bleiben müssten. Müsste Toms Familie von Hartz IV leben, wären der Kinobesuch alle paar Wochen, die Fahrt zur Tutenchamun-Ausstellung nach Hamburg, der regelmäßige Schwimmbadbesuch, die Musikstunden kaum drin; die CDs der Lieblingsband, das Leibgericht (Entenbrust, Rotkohl, Kroketten) oder die Tüte Pommes nach dem Schwimmen sowieso nicht mehr und das verschlampte Chemiebuch, das neulich für 30 Euro ersetzt werden musste, hätte den Familienfrieden fundamental erschüttert. Hilft da eine Bildungschipkarte?

Generelle Erhöhung statt einer Chipkarte

"Wenn wir eine Lösung innerhalb des Systems suchen, dann brauchen wir statt einer Chipkarte eine generelle Erhöhung des Hartz-IV-Satzes", sagt Ingo Loeding. Eine Chipkarte manifestiere vor allem die oft und gerne wiederholte Behauptung, Geld für Kinder würde insbesondere von Bedürftigen in alles mögliche investiert, nur eben nicht in Kinder. "Das ist ein Schlag ins Gesicht für alle die Menschen, die seit Jahren unter schwierigsten Bedingungen für ihre Kinder sorgen." Und die außer mit Vorverurteilungen damit leben müssen, dass gerade ihnen weder das Kindergeld noch ein Geldgeschenk der Großmutter von mehr als 50 Euro der Großmutter zugute kommt, weil beides mit Hartz-IV-Leistungen verrechnet wird.

Der Kinderschutzbund indessen stellt das System insgesamt in Frage. "Wir halten die Hartz-IV-Regelung für Kinder grundsätzlich für falsch. Statt Hartz IV brauchen wir eine Kindergrundsicherung." Und Loeding sagt auch: "Es geht ja nicht nur um Bildung, sondern auch um Ernährung, um soziale Teilhabe." Für Kinder aus armen Familien könne schon ein Geburtstag - die einfachste Form der Teilhabe - zum Drama werden; der eigene, weil er nicht auf der Bowlingbahn oder im Freibad gefeiert werden kann, oder der eines anderen, weil ein Geschenk her muss." Eine Chipkarte könne das nicht mildern, für soziale Gerechtigkeit sorgen schon gar nicht.


 

Leserkommentare

 
RALF GESKE 10.10.2010 14:47
was ist mit den Geringverdienern

Was ist mit den Kindern, deren Eltern täglich arbeiten gehen, die aber trotzdem nur knapp über dem HartzIV Satz liegen? Fällt es denen nicht genauso schwer, ein Schulbuch zu zahlen, Klamotten zu kaufen, Lebensmittel zu besorgen? Solange viele arbeitende Menschen am Monatsende kaum mehr in der Tasche haben, stimmt etwas im Sozialsystem nicht. Und der Arbeitende MUSS die Fahrkarten seiner Kinder SELBER zahlen, ebenso den Kindergarten, das Schulessen, usw. Da wird NICHTS vom Staat übernommen! Wo bleibt denn da die Gerechtigkeit, bitte?

HAUKE STAMMER 10.10.2010 22:31
Wo das Geld landet...

Wer glaubt denn ernsthaft, dass zusätzliches Geld auch bei den Kindern ankäme? Die Bildungskarte wäre genau der Weg, dies zu sichern - und wird (genau aus diesem Grund?) von den üblichen Leuten angefeindet.

Warum wird Alkohol und Tabak in den Harz IV Satz eines Erwachsenen eingerechnet? Warum Internet in den Satz eines Kleinkinds? Die Berechnung macht auch weiterhin keinen Sinn, weil Einzelschicksale nicht durch Sammelrechnungen kalkuliert werden können.

Ich kann mich Herrn Geske nur anschließen: die Personen, die meinen, sich stets vehement für Harz IV Bezieher einsetzen zu müssen, sollten erst einmal an die ganzen NORMALverdiener denken, die mit ihrem Gehalt versuchen, eine Familie zu ernähren. Wer das Jahre lang durchgestanden hat, wird eine kritischere Meinung zu Erhöhugen der Harz IV Regelbezüge aufweisen!

B. BÖDECKER 11.10.2010 16:34
5oo € (und mehr) als Obergrenze?

Wie Herr Geske sagt: was ist mit den Geringverdienern? Wenn der Kinderschutzbund das so sieht, mag es okay sein, solange die das selbst finanzieren.#
Ansonsten wäre ich für Chipkarten , Gutscheine etc, damit die wirklich den Kindern zu Gute kommen. Gibt es Geld, haben die Kinder in den meisten Fällen nichts davon, die Eltern aber ohne Arbeit ein besseres Leben als Geringverdiener. Arbeitnehmer dürfen nicht bestraft werden, dass sie arbeiten und nichts umsonst erhalten, und andere leben so in den Tag und bekommen dafür noch reichlich Geld



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