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Prozess in Itzehoe

Arge-Abzocker verjubelt 226.000 Euro

15. Februar 2012 | 09:15 Uhr | Von mp

Sven P. veruntreute jahrelang Geld der Arge. Foto: Stemmer

Fast fünf Jahre lang hat Sven P. sich im Elmshorner Jobcenter bedient. Der ehemalige Bereichsleiter der Jobcenter im Kreis Pinneberg hatte eine dreiste Masche für sich entdeckt.

Elmshorn / Itzehoe. 226.705,20 Euro hatte Sven P. unterschlagen - jetzt musste er sich am Itzehoer Landgericht vor den Augen seiner einstigen Kollegen für die Taten verantworten. Und beteuerte: Den Großteil des Geldes habe er in Bordellen gelassen und auch seine Alkoholsucht finanziert. Im Mai 2010 wurde es Sven P. zuviel, er zeigte sich selbst an und gestand alles. Doch es half nichts: Der 48-Jährige wurde am Dienstag zu einer vierjährigen Haftstrafe verurteilt.

Der Abzocker nutzte eine Lücke im Computersystem der Jobcenter aus. Immer wieder gab er vor, einen Leistungsempfänger im Büro zu haben, der seine monatliche Zahlung nicht erhalten habe, nun aber dringend Geld brauche. Der gesamte monatliche Bezug wurde dann auf eine spezielle, nur einmalig zu verwendende Scheckkarte geladen, mit der an einem Automaten im Elmshorner Jobcenter das Bargeld abgehoben werden kann. Der Clou: Die monatliche Überweisung wird in einer anderen Software verbucht, als die einmalige Auszahlung, ein Abgleich fand nicht statt.

Am liebsten nahm Sven P. die Identität von Migranten

So konnte der Leistungsempfänger sein Geld erhalten - und Sven P. sich die Summe nochmal auszahlen. Auch seine Kollegen trickste er aus, denn  die mussten  die Auszahlung vorbereiten, die Sven P. als zuständiger Sachbearbeiter angeordnet hatte. Mit den Namen echter Empfänger konstruierte er so die vermeintlich notwendigen Auszahlungen. Aufgefallen sei das nie. "Es ist ein Massenbetrieb. Da achtet keiner mehr auf Namen", sagte P. Am liebsten habe er die Identität von Migranten genommen – "die kriegen statistisch gesehen die höheren Bezüge". So konnte Sven P. oft Beträge von mehr als 1000 Euro ergaunern. Zeitweise mehrmals pro Woche.

Angefangen habe das  alles mit einem Nachtclubbesuch, nach dem er plötzlich Schulden in Höhe von mehr als 3000 Euro hatte. Doch Sven P. konnte nicht zahlen. "Finanziell war damals Oberkante Unterlippe", sagt der Elmshorner. So sei er auf die schiefe Bahn geraten - und in einen Kreislauf aus Alkohol, Glücksspiel, Bordellbesuchen und dem Betrug gekommen. Bis es ihm im Mai 2010 zu brenzlig wurde. Er zeigte sich selbst an. "Jedes Mal, wenn mein Chef anrief, zuckte ich zusammen", beteuerte er. "Ich habe meine persönlichen Gegenstände im Büro eingepackt und bin gegangen."

Sven P. ist mittlerweile selbstständig. Als Personalvermittler

Nur: An dem Tag war die Prüferin Julia V. ihm auf die Schliche gekommen. Der 25-Jährigen kam es komisch vor, dass ein leitender Angestellter wie Sven P. persönlich Auszahlungen für Jobcenter-Kunden angeordnet hatte. "Ich habe erstmal eine Liste erstellt, ich wusste ja nicht, was dahinter steckt", berichtete die Uetersenerin. Immer wieder sei sie auf den Namen des Bereichsleiters gestoßen. Und entdeckte, dass das Geld in jedem Fall doppelt ausgezahlt wurde. Dann fehlten in den Akten der Betroffenen auch noch einige Unterlagen, die normalerweise im Falle einer Auszahlung abgeheftet werden müssten. Julia V. alarmierte einen Kollegen vom internen Service der Arge in Hamburg, der sofort nach Elmshorn kam, um die Akten zu überprüfen. Darauf wurde Sven P. wohl aufmerksam, räumte seinen Schreibtisch, zeigte sich an - und wurde kurz darauf entlassen. Übrigens nicht die einzige Tat, die auf P.s Konto geht: Der Elmshorner war mehrmals heftig betrunken oder ohne Führerschein Auto gefahren. Fünf Mal wurde er vom Amtsgericht verurteilt - zuletzt zu einer Haftstrafe auf Bewährung. Gleichzeitig mit der Untreue-Anklage wurde gestern eine weitere Trunkenheitsfahrt verhandelt.

Trotz der eindeutigen Beweislage - Sven P. hatte alle Taten gestanden - waren die Plädoyers ziemlich unterschiedlich. Staatsanwalt Joachim Bestmann forderte für die Untreue und die Trunkenheitsfahrt drei Jahre und neun Monate Haft, Verteidiger Christoph Heer wollte es mit einer Bewährungsstrafe von nicht mehr als zwei Jahren auf sich beruhen lassen. Am Ende folgte das Gericht dem Antrag der Staatsanwaltschaft, setzte eine Strafe von vier Jahren fest. Weil das Verfahren erst nach anderthalb Jahren verhandelt wurde, wurden dem Angeklagten drei Monate der Haft abgezogen. Er muss für drei Jahre und neun Monate in Haft. Eine positive Prognose sah das Gericht nicht, denn Sven P. habe sein Alkoholproblem nicht therapeutisch gelöst, hinzu kommen die vorherigen Verurteilungen und die enorme Höhe des Schadens.

Sven P. ist mittlerweile selbstständig. Als Personalvermittler. Und erhält für Vermittlungen auch Geld von der Arge. Der Einrichtung will er jeden Cent zurückzahlen, versprach er gestern.


 

Leserkommentare

 
HANS STEIN 15.02.2012 10:32
4 Jahre...

...mag angemessen sein.
Im Vergleich zu Kinderschändern, die auch keine höheren Strafen bekommen, stimmt was nicht. Denn bei Kinderschändern wird ein Leben zerstört, hier geht es "nur" um´s Geld.

THORSTEN KROPP 15.02.2012 10:49
Strafe muss sein

@ Hans Stein: Genau das ist es, was mich auch an diesem Urteil stört. Es mag ja in Ordnung sein, einen Vorbestraften Betrüger ohne Bewährung hinter Gitter zu schicken, aber nur wenn es im Verhältnis passt.

Man muss den Eindruck kriegen, dass man in diesem Land zwar (fast) ungestraft seine Töchter vergewaltigen darf und Behinderte zusammenschlagen kann, es aber weitaus schlimmer ist einem Staat, der jedes Jahr Millionen (milliarden?) verplempert 220tsd Euro wegzunehmen.

Traurig....

BERNHARD ZAIGLER 15.02.2012 12:33
Arge-Abzocker

Erstaunlich wie ein korrupter Bereichsleiter nach 4 Jahren Haft jeden Cent zurückzahlen möchte. Wer stellt denn den zu hohen Konditionen ein? Allein bei einem Zins von 5% wäre auch noch ein Betrag von Jährlich über 11000 € fällig. In gehobenen Stellungen beim Staat bleibt wohl genügend Zeit um solche Ungereimtheiten auszudenken.

GROSSES W PUNKT 15.02.2012 13:01
armselig

richtig schlimm, dass so etwas über Jahre NIEMANDEM auffällt. Alle machen einfach und hinterfragen nichts. Keine Querkontrolle o.ä., wer weiss, wieviele kreative ähnliches oder gleiches Muster zum Abzocken entwickelt haben ?

Und dies stösst mir auch wieder auf, Zitat aus obigem Bericht :
"Am liebsten habe er die Identität von Migranten genommen – "die kriegen statistisch gesehen die höheren Bezüge". So konnte Sven P. oft Beträge von mehr als 1000 Euro ergaunern."
Wieso kriegen die die höheren Bezüge ? Sind die gleicher als die anderen gleichen ?
Kriegt der Angeklagte keinen Rabatt bei der Bemessung der Strafe für das Aufdecken solcher Dinge und hinterfragt das niemand ? Sind die einfach nur besser "ausgebildet" beim Einfordern von Leistungen ???

Übel Übel...

CARSTEN LANGENSCHEID 15.02.2012 17:13
Der skandal liegt im System Hartz IV-Maschinerie

Sehr geehrte Herren Stein und Kropp !

Eigendlich sind die Zeiten vorbei, wo man Äpfel mit Birnen vergleicht.
Wir haben es mit zwei Grundverschiedenen Straftatbeständen zu tun !

Bitte warten sie die Begründung des Richters ab bevor sie sich künstlich aufregen.

Fakt ist, dieser selbe Bereichsleiter hat in der Vergangenheit , vielleicht vielen Arbeitswilligen das Leben zerstört, in dem er sie genötigt hat Jobangebote anzunehmen deren Sinnhaftigkeit ziemlich zweifelhaft ist, aber denjenigen die "noch" ein erträgliches Einkommen haben, mit ihren Steuern bezahlen müssen.

Beispiele : youtu.be/ToxPMFZ2rzU
oder
www.ndr.de/fernsehen/sendungen/45_min/videos/minuten419.html

Auch wenn man sich die mühe macht zum Thema ein bisschen zu goggeln, kann man sich ein Bild von dem wahren Wahnsinn dieser Hartz IV Bananen Republik machen.

Dann sei noch darauf hingewiesen, das dieser ehemalige Bereichsleiter als Privater Jobvermittler für ein vermittelten Arbeitssuchenden 2000€ von der Arge/Jobcenter bekommt, einzigste Tätigkeit dafür Datenerfassen und Anrufe bei vermeintliche Arbeitgeber, da kann sich wohl jeder selbst an seinen zehn Finger'n ausrechnen, wie schnell er seine Schulden beglichen hat, wenn er wie das Gesetz vorschreibt von seinen ehemaligen Kollegen pro Woche 10-20 "Arbeitsunwillige" geschickt bekommt.
Und wenn er sich und seinem Freizeitvergnügen Treu bleibt, wird er wieder Wege finden das System für sich zurecht zu biegen.

HANS STEIN 15.02.2012 17:49
@CARSTEN LANGENSCHEID

Natürlich sind es zwei grundverschiedene Straftatbestände, das ist mir schon bewusst und gleichzeitig der Skandal, auf den ich aufmerksam machen möchte.

Strafen werden vom Gesetzgeber offensichtlich nicht nach den Auswirkungen auf die Opfer festgelegt. Auch, wenn die hier Betroffenen nicht den richtigen Job bekommen haben, sie können noch arbeiten. Opfer sexuellen oder rituellen Missbrauchs sind oft gar nicht mehr in der Lage zu arbeiten. Einzelheiten möchte ich hier nicht mehr aufführen, das würde den Rahmen sprengen.

CARSTEN LANGENSCHEID 15.02.2012 18:33
Wir leben in einem "Rechtsstaat", das Recht ist aber nicht für alle gleich.

@Hans Stein

Machen sich bitte mit dem Thema Hartz IV intensiver vertraut, die Schäden die heute an den Menschen von den Jobcentern/Argen angerichtet werden, werden bald auch die Kankenkassen und damit uns alle teuer zu stehen kommen, viele sind nach diesen Traumatischen Erlebnißen derart traumatisiert ( in Kropp finder derzeit eine derartige seelische Vergewaltigung statt, wo auch der Landrat wegschaut, da er über den Sachverhalt informiert ist............... nur als Beispiel ), daß ihnen faktisch das zukünftige Leben genommen wird und so wie vergewaltigte Kinder und Frauen vom Staat/Gesellschaft alleingelassen werden ( Schließung von Frauenhäuser, Kürzung von Subvention für Zimzicken in Schleswig u.s.w ).

Vor dem Gesetz sind alle gleich, einige sind aber gleicher.

Ansonsten stimm ich ihren Einlassungen zu dem Thema Mißbrauch/Vergewaltigung mit Staatlichen segen vollends bei, passt eben aber nicht zu diesen Thema.

Für mich hat dieser Richter Mut und Weitsicht gezeigt, da er einen der mit staatlichen Mitteln andere Sanktioniert ( bis hin Hartz IV auf Null zu setzen ), wenn sie vergessen dem Amt ein paar Euronen mit zu teilen, richtig verknackt hat.

Das sollte in Deutschland Schule machen.

HANS ALBERS 15.02.2012 19:09
Ts,ts,ts...

Richtig verknackt ist das ja nun nicht unbedingt, aber verhältnismäßig okay. Und schließlich ist das Geld ja auch nicht weg, er wird es ja zurückerstatten. Und vielleicht kommt er ja im Knast ein wenig vom Alkohol runter, auch für eine Therapie ist es ja nie zu spät und wird wieder ein richtiger Vorzeigebürger. Interessant wäre jetzt für mich die Frage, wie viele solcher Vögel noch in dem Paradiesgarten Jobcenter herum flattern? Und Personalvermittler, hatte mal so`n Gutschein über 2500,-€ in der Hand, seriöser Job. Herrlich,...

GÜNTER FORTENBACHER 16.02.2012 06:39
Zunächst, verehrte Mit-User-(innen) muss man doch mal sehen, daß in diesem Falle das

Geld nicht irgendwo versenkt ist. Weder in Griechenland, noch in der Südsee wie beim HSH-Skandal, sondern es ist im leidendem Prostitutionsgewerbe gelandet.
.
Der Angeklagte ist auch deshalb so hoch bestraft worden, weil er offenbar keinen echten Plan für den Zeitpunkt nach der Entdeckung hatte. 10 % der ergaunerten Summe beiseite zum guten Strafverteidiger, was legal gewesen wäre, und am Ende währe es eine Bewährungsstrafe geworden.
.
Der dritte Punkt : dieser Angeklagte ist ein Paradebeispiel dafür, daß in diesem Staat
etliche Leute entweder "von" oder "in" A n s t a l t e n leben.
Erst in der Arge, einer Anstalt. Dann in der JVA, einer Anstalt. Und dann wieder : als
Vermittler bei der ARGE, einer Anstalt. Wenn das nicht hilft, "von" einer Anstalt,
sprich Hatz-4.
.
Aufgabe der ARGEN usw. ist KONTROLLE. Jobs vermitteln die nicht. Haben die nicht in der ARGE. Können die "Verwalter" auch gar nicht.
Wie sagte Uwe Döring : weg mit dem Mist in die Tonne !
Ich sage : hau weg, mach hinne !
In anderen europäischen Ländern haben wir eine Arbeitslosigkeit bei jungen Leuten um die 50 % zu verzeichnen : die Hälfte also der jungen Leute also auf der Strasse.
Grund : es fehlt die Arbeit.
Was aber passiert, gibt es keine staatlichen Transferleistungen, die die Massen ruhig halten : es werden keine Mieten mehr gezahlt, es werden keine Bankkredite mehr bedient, es gibt Randale.
Ein Volk steht auf : wegen Hunger, religösem oder politischem Wahn !
So kam Hitler an die Macht. Siehe Iran, Korea usw. usw.
Mit Hartz-4 wird lediglich das Volk ruhig gehalten. Wo bleibt das bisschen Schwarzgeld von der arbeitslosen Frisöse : Nein, nicht in der Südsee, nicht in G-land : bei ALDI.



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