TOP-THEMA

 

DFB-Pokal

Fußballfieber im kalten Kiel

02. Februar 2012 | 07:58 Uhr | Von Bengt-J. Lüdke

Begeisterung im Holstein-Stadion: Beim Achtelfinalspiel gegen Mainz erlebten die Kieler Fans einen denkwürdigen Fußballabend. Foto: Peters

Rund 100.000 Karten hätte Regionalligist Holstein für den DFB-Pokal-Knüller gegen den Deutschen Meister Borussia Dortmund verkaufen können. In Kiel ist das Pokalfieber ausgebrochen.

Kiel. Menschenmassen vor den Kartenhäuschen, ein frisch verlegter Rollrasen im Stadion, eine Liveübertragung im Fernsehen - in Kiel grassiert das Pokalfieber. Wenn am Dienstagabend (20.30 Uhr/live ARD) Borussia Dortmund im Viertelfinale des DFB-Pokals bei Holstein Kiel antritt, steht die Landeshauptstadt Kopf. Selbst die hohen Minusgrade halten die Fans nicht ab. Sage und schreibe 100.000 Karten hätte Holstein für das Spiel gegen den Deutschen Meister verkaufen können. Doch nur ungefähr jeder Zehnte der interessierten Fußballfreunde kann dabei sein, fasst doch das Holstein-Stadion nur rund 11.500 Zuschauer.

Der Regionalligist ist plötzlich wieder angesagt an der Förde, nachdem er lange Zeit ein Schattendasein fristete. Das ist dem Aufstiegskampf in der 4. Liga und den Erfolgen in den bisherigen Pokalrunden gegen die Zweitligisten Energie Cottbus (3:0) und MSV Duisburg (2:0) sowie den Erstligisten Mainz 05 (2:0) geschuldet. "Die Pokalspiele haben geholfen, die Aufmerksamkeit wieder auf Holstein zu richten", hat Trainer Thorsten Gutzeit erkannt: "Und ich glaube, Kiel ist in der Lage, neben dem THW im Handball auch einen erfolgreichen Fußballverein zu vertragen. Wir haben mit Holstein einen 'schlafenden Riesen' - den können wir wecken."

"Wer uns unterschätzt, hat nicht viel zu lachen"

Die Karten sind so begehrt, dass einige Tickets im Internet für mehr als 1000 Euro angeboten werden. "Die ganze Stadt fiebert dem Spiel entgegen", erklärt Kiels Oberbürgermeister Torsten Albig. "Das war auch gegen Cottbus, Duisburg und Mainz so. Wer uns unterschätzt, hat nicht viel zu lachen."

Der Deutsche Meister ist aber noch ein anderes Kaliber als die bisherigen Gegner. "Das wird eine sehr, sehr, schwere Aufgabe", meint Gutzeit, "Dortmund ist eine Spitzenmannschaft, war in der Champions League. Wir wollen selbstbewusst auftreten, haben aber auch großen Respekt." Holstein-Kapitän Christian Jürgensen: "Ich freue mich darauf, mich bei Standardsituationen in Kopfballduellen mit Mats Hummels messen zu können."

"Mein Handy wird auf Liveticker geschaltet sein"

Doch Dortmund reist nicht nur mit Hummels und Co. an. Auch auf den Rängen wird die Borussia erstligareif vertreten sein. "Der BVB ist ein Verein, der nicht nur im Ruhrgebiet viele Freunde hat", vermutet Gutzeit, dass selbst einige Kieler in Schwarz-Gelb erscheinen werden. Der Gästeblock jedenfalls wird gefüllt sein, das Pokalfieber hat auch den "Pott" erreicht. "Borussia Dortmund wäre mit 15.000 Fans gekommen, wenn das Stadion groß genug wäre", verrät Holsteins Medienkoordinator Patrick Nawe.

So wird der Großteil der Fußballfans das Spektakel am Fernseher verfolgen. Vorausgesetzt, der Terminkalender sieht keine anderen Verpflichtungen vor. "Ich werde fast verrückt: An dem Abend habe ich einen Termin in Hamburg. Ich weiß gar nicht, wie ich das aushalten soll. Mein Handy wird auf Liveticker geschaltet sein", berichtet Kiels Oberbürgermeister Albig, der nicht live miterleben kann, wie sich die "Störche" im Free-TV einem Millionenpublikum präsentieren.

Ein erster Schritt aus dem Schatten der Handballer

Doch trotz des ungewohnten Rummels: Lampenfieber ist den Regionalliga-Kickern offenbar fremd. "Es ist für uns ein außergewöhnliches Erlebnis. Momentan hat man die Liveübertragung im Hinterkopf, während des Spiels blendet man das aber aus", sagt Kapitän Jürgensen, der bereits das Pokalfieber an der Förde diagnostiziert hat: "Das merkt man jeden Tag. Alle sind verrückt nach dem Spiel."

Um dem Deutschen Meister die richtige Bühne zu bereiten, wurde im Stadion erstmals ein Rollrasen verlegt. Bis zum Spiel allerdings heißt es selbst für die "Störche": Betreten verboten. "Wir werden zwar nicht auf dem Platz trainieren können, aber mal rübergehen. Auch, um die Motivation bei den Spielern zu wecken", erklärt Gutzeit.

Euphorie ist nicht die Sache des besonnenen Trainers. Deshalb tritt er angesichts der Aufmerksamkeit, die auf seinen Spielern liegt, auch bewusst auf die Bremse: "Wir spielen nur in der 4. Liga." Um dauerhaft bundesweit präsent zu sein, müsse Holstein mindestens in die 3. Liga aufsteigen - vor allem mit Blick auf den großen Konkurrenten in der Stadt. "Der THW ist seit Jahren internationale Spitze. Es ist schwierig, aus diesem Schatten herauszutreten. Wir sind noch ein ganzes Stückchen davon entfernt, uns mit dem THW auf Augenhöhe zu bewegen", meint Gutzeit. Der Einzug ins DFB-Pokal-Halbfinale wäre allerdings ein weiterer großer Schritt, um dauerhaft aus dem Schatten der Handballer zu treten.


 

Leserkommentare

 


Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar zu schreiben. Anmelden

Warum muss ich mich anmelden/registrieren?

shz.de distanziert sich prinzipiell von allen in den Leserkommentaren geäußerten Meinungen ohne Rücksicht auf deren Inhalte. Alle Beiträge in den Leserkommentaren geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen der User wieder.

Bitte beachten Sie unsere Richtlinien für Kommentare!



 
 

SH-REISE

1000 Tipps für schöne Tage im Norden!
Der Norden hat viel zu bieten: In "1000 Tipps für einen schönen Tag in Schleswig-Holstein" finden Sie die schönsten Seiten des Landes und lernen geheime Attraktionen kennen. Einige haben wir hier für Sie.

 

 

LANDTAGSWAHL 2012

 

Beilagen der Woche

 
     

    "HERBIE" IN RENDSBURG

    Grönemeyer kommt nach Rendsburg!
    Alle wichtigen Informationen zum Konzert erhalten Sie hier.

     

    Nachrichtenticker

     

    Meistgelesene Artikel

     



     
    HÄUFIG GELESEN

    Drei Tote bei Verkehrsunfällen im Norden

    Drei Menschen sind am Donnerstag bei Verkehrsunfällen in Hamburg und Schleswig-Holstein ums Leben ...mehr

     
     


    KONTAKT | IMPRESSUM | AGB | DATENSCHUTZ