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Uniklinik Kiel

Ein Arzt ruft um Hilfe

02. Oktober 2011 | 14:00 Uhr | Von Christina Norden, Schleswig-Holstein am Sonntag

Prof. Dr. Daniel Drücke arbeitet als Chirurg in der Kieler Uniklinik und kritisiert das Abrechnungssystem. Foto: Staudt

Die Kieler Uniklinik hilft in schwersten Fällen wie dem des Unfallopfers Robert K. - obwohl sie es sich wirtschaftlich nicht leisten kann.

Neumünster / Kiel. Es geschieht an einem Tag im Juli: Robert K. (52) aus Neumünster gerät unter die Räder eines Lastwagens, die dicken Reifen überrollen seine Glieder, schleifen ihn und sein Fahrrad mehrere Meter weit mit. Es droht eine Beinamputation. Nach drei Monaten in mehreren Kliniken und 20 Operationen überbringt ihm sein Arzt im Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH), Prof. Dr. Daniel Drücke, schließlich die erlösende Nachricht: "Das Bein ist gerettet!"

Robert K. hatte Glück im Unglück. Er wird wieder laufen können, doch seine Behandlung kommt die Uniklinik teuer zu stehen. Der Klinikaufenthalt hat fast 100.000 Euro gekostet, von der Krankenkasse bekommt das Krankenhaus aber lediglich 10.000 Euro.

Feste Fallpauschalen

Grund: Im Fall von K. wird nicht mehr wie früher nach Aufenthaltsdauer abgerechnet, sondern Fall bezogen nach Leistung. 2003 wurden für jedes Krankheitsbild die durchschnittlichen Kosten kalkuliert, auf dieser Grundlage feste Fallpauschalen festgelegt. Folge: Die Patienten müssen grundsätzlich so schnell wie möglich behandelt und entlassen werden, um die Behandlungspreise nicht über den Durchschnitt steigen zu lassen. Im Fall von K. hätte das eigentlich heißen müssen: Bein ab. Für den Chirurgen Daniel Drücke ein Unding: "Besonders schwerwiegende Verletzungen, wie im Fall von Robert K., oder massenhafte Erkrankungen wie bei der EHEC-Krise können nicht mit einem Durchschnittspreis abgerechnet werden." Bei einem Drittel seiner Patienten auf der chirurgischen Station deckt der Pauschalbeitrag nicht die entstehenden Kosten. Daher fordert Drücke von der Politik: "Für die universitäre Krankenversorgung ist es unabdingbar, dass der Gesetzgeber uns die Möglichkeit gibt, Sonderfälle anders als bisher mit den Krankenkassen zu berechnen."

Weiteres Problem: Die Unikliniken haben im Vergleich zu kleineren Krankenhäusern mehr Ausgaben. Die Ärzte von morgen müssen ausgebildet werden, Wissenschaftler fordern Forschungsgelder, und für komplizierte Operationen benötigt man teure Hightech-Geräte. Diese Mehrkosten kommen zu den Ausgaben für die Patientenbehandlung hinzu. Doch die neue Abrechnungsform berücksichtigt derlei Investitionen nicht.

"Supramaximalversorger"

Wäre er politischer Entscheidungsträger, würde der Chirurg das Gesundheitssystem so reformieren, dass bundesweit medizinische Leistungen gleichwertig vergütet würden. Drücke: "Wäre Robert K. in München oder anderswo operiert worden, hätte seine Krankenkasse mehr bezahlen müssen. In Schleswig-Holstein gelten die niedrigsten Werte zur Berechnung medizinischer Leistungen bundesweit." Für das UKSH hat das nach Drückes Angaben zur Folge, dass die Behandlung komplizierter Fälle die ohnehin schon prekäre Finanzlage des Universitätsklinikums noch verschlimmert. Ein Dilemma. Das Kieler Krankenhaus gilt nämlich als "Supramaximalversorger". Das bedeutet: Für besonders schwer Erkrankte ist es oft die letzte Rettung.

So wurde auch Robert K. nach seinem Verkehrsunfall erst in das Friedrich-Ebert-Krankenhaus in Neumünster eingeliefert. Im Anschluss an die Erstversorgung entschied man dort, den Patienten wegen der Schwere seiner Verletzungen nach Kiel zu verlegen. Hier wurde ihm geholfen. Obwohl die Verantwortlichen wussten, dass sie ihre Leistungen nicht angemessen vergütet bekommen würden.


 

Leserkommentare

 
B. BÖDECKER 02.10.2011 17:06
Uni Kiel

In diesem Beitrag wird aufgezeigt, dass einem Menschen das Bein erhalten wurde.
Kostet Geld, okay. Aber was ich nicht verstehe sind die Forschungsgelder.. Wofür forschen? Für weitere spektakuläre Erfindungen? M.E. ist die Medizin heute sehr weit fortgeschritten. Aus einem -generell gesehen- kaputten Menschen kann man keinen neuen basteln. Die Forscher forschen( kostet Geld, erhält denen ihren Arbeitsplatz), die Menschen werden dadurch immer älter, immer weniger Arbeitnehmer, die das tragen können. Wo, bitte soll das hinführen? Und nicht schreien, dass kein Geld da ist.. Politiker wären hier gefragt, aber die haben genug damit zu tun, ihr eigenes Säckel zu füllen und sich durch Steuererhöhungen Diäten zu genehmigen.Daher kann man auf die Politiker Mischpoke nicht zählen.
Der Bürger muss,so sehe ich es, auch wenn es jetzt derbe Kommentare hagelt, Einschränkungen hinnehmen. Geht mit Bein(o.g. ) nicht, geht eben nicht. Der Mensch will alles, und das möglichst kostenlos. Irgendeiner schreit immer. Im 19.Jahrh waren die froh, wenn die einen Herzinfarkt überlebten. Wir sind weiter, aber es muss mal Schluss sein auf Kosten der Versicherten. Erst schreien die KK, jetzt die UNIS??

JØRAN-NJÅL SOLBAKKEN 02.10.2011 18:38
Forschung einstellen?

Herr Bödecker, gehen Sie mit einem guten Beispiel voran und lassen Sie sich nicht
mehr ab 60 Jahren operieren! Wetten aber, sobald Sie heftige Herzschmerzen bekommen, dass Sie als erstes zum Telefonhörer greifen und einen teuren Notarzt rufen. Oder, falls Sie Kinder haben sollte, falls davon eines kurz davor steht, aufgrund eines Unfalles einen Bein zu verlieren, dann denke Sie bitte an das, was Sie hier geschrieben haben und verzichten auf eine teure Operation.
Blutspenden und möglicher Organspender? Darauf sollten Sie ebenfalls verzichten.

VALENTIN UTEN 04.10.2011 11:25
Krankenhausfinanzierung - Aber richtig...

Guten Tag,

es ist äußerst löblich, dass im oben beschriebenen Beispiel Robert K. aus Neumünster das Bein erhalten blieb – sowohl aus medizinischer als auch aus Managementsicht.
Zum einen, weil diese aus dem Grundverständnis eines Mediziners selbst hervorgehen sollte; zum anderen, weil es sich bei der angeprangerten Krankenhausvergütung nach G-DRG um eine sogenannte Fallpauschale handelt.
Aus dem Wort Pauschale selbst geht bereits hervor, dass der Eingriff NICHT die Kosten des einzelnen Falls - in diesem den von Herrn Robert K. - abbildet, sondern die vom Institut namens InEK (www.g-drg.de) durchschnittlich für diese Fälle ermittelten Kosten. Denn: „[a]ls Pauschaltarif bezeichnet man die Abrechnung einer Leistung zu einem festen Preis, unabhängig von der tatsächlichen Dauer oder Häufigkeit der Nutzung.
Für Kunden mit einer absehbaren Überschreitung einer bestimmten Nutzungsschwelle bedeutet der Pauschaltarif eine Kostenersparnis. Der Vorteil für den Anbieter ist ein geringerer Verwaltungsaufwand und in vielen Fällen eine höhere Kundenbindung.“ In diesem Fall hat das Klinikum allem Anschein nach Verluste gemacht, aber scheinbar mit vielen anderen Fällen dieser Gruppe der Pauschalvergütung auch Gewinne eingefahren.
Prof. Drücke mag auf dem Feld der Medizin über sehr viel Erfahrung verfügen, in punkto Krankenhausfinanzierung, besonders universitärer Häuser, sollte das Feld von anderen bestellt werden. Zur Ausbildungsfinanzierung sei hier nur grob auf den Paragraphen § 17a KHG verwiesen, dieser regelt die Ausbildungskosten. Und bzgl. Hightech-Geräten, sofern es sich um Investitionsgüter handle, darf ruhig das Land selbst in die Pflicht genommen werden.
Liebe[r] Mediziner, wenn schon anprangern oder mahnen, dann bitte auch an die richtigen Adressaten. Alles andere wirkt schnell wie Meinungsmache und zeugt von fachlicher Unkenntnis auf dem Gebiet der KH-Finanzierung.
MfG,
V. Uten

GROSSES W PUNKT 04.10.2011 13:55
Bein dran - GUT SO !

Dass das Bein drangeblieben ist finde ich toll und wünsche mir, dass es noch viele weitere Patienten geben wird, denen so gut geholfen wird, EGAL was es kostet !!!!
Ansonsten kann man einfach nur feststellen, dass unser gesamtes System völlig krank ist.
Wir holen Millionen Menschen ins Land die megaviel kosten und uns nix bringen im wertschöpferischen Sinne.
Gleichzeitig werden die, die das alles finanzieren, immer weniger und obendrein noch schlechter bezahlt.
Und hat sich mal jemand die "unterm Strich" Frage gestellt ? Ist es langfristig nicht kostengünstiger, das Bein dranzulassen und der Patient kann vielleicht irgendwann wieder arbeiten, als das Bein abzumachen weil erstmal billiger und der Patient wird für den Rest seines Lebens erwerbsunfähig, dann muss auch die Allgemeinheit zahlen. ... nicht - oder ...



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