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Partnersuche

Die Rückkehr der "freien Wildbahn"

12. Februar 2012 | 09:23 Uhr | Von Jan-Hendrik Dany

Computer statt Disco: Der Einstieg beim Onlinedating ist einfach, doch oft werden schon nach dem ersten Treffen Erwartungen entäuscht. Montage: Grätsch

Das Online-Geschäft boomt - trotzdem kehren immer mehr von der virtuellen Balz enttäuschte Singles auf die "freie Wildbahn" zurück. Ein Selbstversuch in der Disco.

In Amsterdam kann man im "Echtscheidungshotel" innerhalb von 48 Stunden geschieden werden. Notar, Anwälte, Psychologen, Makler: alles vor Ort. Check-In am Freitagabend, am Sonntagnachmittag - rechtmäßig geschieden. Im Nachbarland Deutschland und sicherlich auch in den Niederlanden sehnen sich die meisten Menschen allerdings nicht so sehr nach einer Blitztrennung mit allem Pipapo, sondern danach, endlich den richtigen Partner zu finden. Fürs Leben. Für immer.

Der Stellenwert der individuellen Freiheit ist zwar seit der Studentenbewegung der späten 1960er Jahre immer weiter gestiegen, doch die Sehnsucht nach Geborgenheit, Wärme und Liebe hat unter der Liberalisierung und der Gesellschaftsfähigkeit des Single-Daseins kaum gelitten. Apropos Gesellschaftsfähigkeit. Miss beziehungsweise Mr. Right im Internet zu suchen, gilt nicht mehr als peinlich. Angesichts der Verlagerung weiter Teile der sozialen Interaktion ins Netz wirkt die Online-Balz ohnehin eher wie eine Zwangsläufigkeit. Zumal viele virtuelle Baggerer argumentieren, beruflich dermaßen eingespannt zu sein, dass ihnen für andere Kennenlernmöglichkeiten keine Zeit bleibe. Bequem ist es obendrein. Keine nächtlichen Bar- oder Discobesuche. Stattdessen der Rechner im wohlgeheizten Arbeitszimmer. Und die "Ansprech"-Hemmschwelle? Auf ein Minimum gesenkt.

Erstarrte Strukturen

Es ist aber auch wahr: Mit 20, 25 sind die Kumpels noch mit auf die Piste gekommen. Heute dagegen heißt es "Nee, tut mir Leid. Ich kann nicht. Rachel ist bei ihren Eltern, und ich muss auf die Kinder aufpassen." Mit 20, 25 gab es reihenweise Privatfeten, und im Zuge der Ausbildung hat man ständig neue Gleichaltrige kennengelernt. Aber mit 43? Alles ganz schön festgefahren, fast erstarrt.

Und doch ist beileibe nicht alles Gold bei der Suche über "Parship", "Friendscout", "Finya" oder - Hilfe - "Elite-Partner.de". Denn natürlich gibt es kaum eine langsamere, umständlichere Form des Kennenlernens. Im Übrigen: Stellt man die natürliche Reihenfolge des Vorgangs, sich in einen Menschen zu verlieben, online nicht irgendwie auf den Kopf? Ist es nicht normalerweise so, dass einem an einem Menschen ein bestimmtes Detail - die Augen, die Stimme, die ganze Ausstrahlung - gefangen nimmt und innerlich etwas ins Rollen bringt? Mutet die Singlebörsen-Vorabklärung "Ich bin auf der Suche" nicht ein bisschen reichlich krampfig an? Nimmt sie dem Kennenlernen nicht die Grundspannung des ungewissen Ausgangs?

Gefährliche Projektionen

Nicht wenige User beschreiben zudem die Gefahr, sich im Zuge der virtualisierten Kontaktaufnahme in ein zurechtprojiziertes Fantasiebild eines Menschen zu verlieben. Der Realitätsschock folgt dann beim ersten Rendezvous. Selbst beim heutzutage üblichen vorherigen Foto-Austausch fehlen im Netz wichtige Informationen, die über Sympathie oder Antipathie entscheiden. Darüber hinaus nimmt es so mancher Single bei den Angaben zur Person mit der Wahrheit nicht so wahnsinnig genau. Da wird aus einer de facto 46-Jährigen "Carolin, 39", die obendrein "vergessen" hat, ihre drei Kinder zu erwähnen. Der "Arzt" entpuppt sich als Sachbearbeiter in einer Klinikverwaltung, der "Projektmanager" als Manager seines ganz persönlichen Hartz-IV-Projekts. Zudem sollen gerade die Herren der Schöpfung häufig den Wunsch nach einer dauerhaften Partnerschaft vortäuschen, um ihr eigentliches Ziel, den One-Night-Stand, zu erreichen.

Teilweise wird sogar nicht nur in Bezug auf Alter oder Gewicht, sondern auch noch in puncto sexuelle Grundveranlagung gelogen. Ein Freund hat kürzlich von Karin erzählt, die bei "Parship" einen Mann ab 1,85 Meter Körpergröße (Guido fällt in dieses Raster) gesucht habe. Mittlerweile sei ihm zu Ohren gekommen, dass Karin "geheiratet" habe. Eine Frau. "Alter, was soll man bei diesem ganzen Internet-Scheiß eigentlich noch glauben?", fragt er, nicht ganz zu Unrecht.

Supermarktsystem

Vor allem jedoch stören sich viele User - Männer und Frauen - am Supermarktsystem der Datingportale. Sie spüren, gewogen und für gut befunden, dann aber erstmal ins "Regal" zurückgestellt zu werden. Das (unsichtbare) Gegenüber vergleicht noch ein bisschen; nach Großmutterns Motto: "Drum prüfe, wer sich ewig bindet, ob er nicht ’was Bess’res findet."

Hingehalten und verglichen zu werden, ist allerdings eine der kränkend sten Erfahrungen, die man oder frau im Netz sammeln kann. Aber wir leben eben in einem Zeitalter der Unverbindlichkeit, der tendenziellen Beziehungsunfähigkeit und der Illusion, möglicherweise nur einen Klick von einer noch besseren Wahl entfernt zu sein.

Begrenzte Möglichkeiten

Vor dem Hintergrund all dieser frustrierenden Erfahrungen zieht es immer mehr Menschen zurück in die "freie Wildbahn", in die herkömmliche Kennenlernzone. Auch mich. Ich darf wieder. Meine letzte Partnerschaft ist in die Brüche gegangen, und Männer kleistern Trennungen ja gerne zu, indem sie sich sofort wieder auf die Suche begeben. Aber mit 43 sind die Möglichkeiten begrenzt, selbst in einer Stadt wie Kiel.

Neulich hatte ich Ohrenschmerzen und bin, ganz gegen meine Gewohnheit, in eine Apotheke gegangen. Die Apothekerin, Pharmazeutisch-technische Assistentin oder wie auch immer hat mir auf Anhieb gefallen. Anmutig, empfindsam wirkend, sanfte Stimme - ich mag diesen schutzbedürftigen, leicht verträumten Frauentypus. Aber Hand aufs Herz: Unter welchem Aufhänger soll man ständig in eine Apotheke gehen? Und vor allem: Wer bringt es schon, eine Frau an ihrem Arbeitsplatz, mit wartenden Kunden im Nacken, anzugraben? Ich jedenfalls nicht.

"Grabbeltisch"

Also - ab in die Disco. So sehr schwirrt mir die Sphinx im weißen Kittel nun auch nicht durch den Kopf. Für betagte Herren wie mich gibt es "Ü30-" und "Ü40-Partys". Zuvorkommenderweise meist im Paket mit der Musik der 80er Jahre; als man noch jung und knusprig war. "Ü30" - ja, genau: die Veranstaltungsform mit den hässlichen Beinamen. "Grabbeltisch" oder "zweite "Wahl". Also, ab ins "Max". Der erste Eindruck (nach all den Jahren): ein Schock. Die Musik: total übersteuert. Die Damen: überwiegend in Vierergruppen vor Ort. Man(n) muss schon sehr selbstbewusst sein, zu einer solchen Gruppe hinzugehen, acht Augen starren einen an, und schreienderweise zu versuchen, die Auserwählte an die Bar abzuschleppen. Hm.

Ich probier’s lieber erstmal auf der Tanzfläche. Geschlechtsgenossen, die ihre Verklemmtheit dadurch zu überspielen versuchen, dass sie den gesamten Abend mit ’ner Buddel Bier in der Hand und Charles-Bronson-Blick auf die Tanzfläche starren, sind in meinen Augen Verlierer. Trotzdem: Irgendwie fehlt in dieser ganzen feuerfesten Kunstleder- und Alutischchen-Atmosphäre etwas; ein Fünkchen Romantik, nur ein Fünkchen. Alles ist so abgeklärt, so auf cool getrimmt, so kaltschnäuzig. Nee.

Richtige Freunde

Plötzlich fällt mir doch noch eine Frau auf. Mein Alter. Eigentlich nicht mein "Beuteschema"; sie wirkt eher extrovertiert. In ihrem Blick meine ich allerdings so etwas wie Verletzlichkeit zu entdecken. Und sie lächelt zurück. Nicht nur einmal. Jetzt lautet die Devise: allen Mut zusammennehmen. Hin.

Auf meine (zugegebenermaßen wenig originelle) Frage, ob sie Lust habe, mit mir etwas zu trinken, antwortet sie "Nein, danke". Mit überraschtem Gesichtsausdruck und ungläubig vorgeschobenem Mund versuche ich krampfhaft, den Anschein von Souveränität zu wahren. An der Tatsache, gerade einen blitzsauberen Korb bekommen zu haben, führt dennoch kein Weg vorbei. Abflug. Noch eine Anstandsviertelstunde an der Bar, dann nach Hause.

Kein Zweifel: Eine nicht-virtuelle Abfuhr tut tausendmal mehr weh als ein Online-Korb. Aber deshalb wieder ins Internet? Nee. Ein Freund, bei dem ich mich am nächsten Tag telefonisch "ausheule", amüsiert sich natürlich königlich über mein Scheitern. Sein Tipp: "Versuch’s lieber bei der Apothekerin. Musst ja nicht unbedingt Kondome bei ihr kaufen." Wer solche Freunde hat, muss zumindest, ob online oder in freier Wildbahn, nicht mehr nach Feinden suchen.

Nation im Netz
Laut "(N)onliner-Atlas" der Initiative D 21 nutzen drei Viertel der Bundesbürger das Internet. Die Forschungsgruppe Wahlen schlüsselt diesen Wert in Geschlechteranteile auf; demnach sind hierzulande 81 Prozent der Männer und 69 Prozent der Frauen online. Die 100 größten deutschen Datingplattformen generieren einen Jahresumsatz in Höhe von 189 Millionen Euro. Und laut Singleboersen-vergleich.de haben im Jahr 2010 5,4 Millionen Bundesbürger im Internet einen Partner gefunden. Spötter stellen allerdings die Frage, wie lange diese Beziehungen wohl gehalten haben.  


 

Leserkommentare

 
RENE PASING 12.02.2012 23:26
Kommentar

Sehr amüsant, dieser Kommentar! Bitte mehr davon :-)

M LUX 13.02.2012 08:43
"Aus dem Leben gegriffen"

Lustig, aber 100% zutreffend !



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