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Nazi-Angriff
Claudiu C. wird nie mehr tanzen können
Sein letzter Auftritt war an dem Abend, bevor es geschah. Claudiu C. (29) tanzte auf der Bühne des Opernhauses in Kiel, er tanzte wie immer mit Leidenschaft, "Rooster" hieß die Ballettinszenierung, es war der 17. April 2009. "Tanzen ist mein Leben", sagt der junge Mann mit den sensiblen braunen Augen und den dunklen kinnlangen Locken, dann korrigiert er sich sich. "Tanzen war mein Leben."
Tanzen wird er nie mehr können, denn Claudiu C. wurde am 18. April vergangenen Jahres hinterrücks von einem Aktivisten aus der rechten Szene in Kiel angegriffen. Er erlitt dabei eine doppelte Schädelfraktur. Seit der Tat ist er auf dem linken Ohr taub - und hat seinen Gleichgewichtssinn verloren. Tödlich für die Karriere eines Balletttänzers.
"Dann gingen bei mir die Lichter aus"
Was war passiert? Der Tatverdächtige Christopher R. (26) hielt sich an dem Tag in der Kieler Innenstadt auf, dort hatte eine Kundgebung rechter Gruppierungen stattfinden sollen. Diese wurde untersagt, so dass die Teilnehmer in Richtung Asmus-Bremer-Platz marschierten. Dort, in der Nähe des Opernhauses, hatten sich Mitglieder mehrerer Organisationen zu einer friedlichen Gegendemonstration versammelt. Es kam zu Rangeleien, als Linke und Rechte aufeinander trafen.
Claudiu C. erinnert sich: "Ich kam mit Kollegen aus dem Opernhaus. Eine Gruppe von 20 Neonazis in Kampfmontur lief an uns vorbei, wir wussten nicht warum. Die Polizei wollte sie aus dem Verkehr ziehen. Einige von ihnen standen abseits. Der Täter wollte zu seinen Leuten, es gab eine Rangelei, wir wollten flüchten. Dann hat der Mann meine Kollegen überholt und mich im Laufen von hinten mit der Faust zusammengeschlagen. Ich bin zu Boden gestürzt und schlug mit dem Kopf auf dem Asphalt auf. Dann gingen bei mir die Lichter aus", sagt er. Er spricht leise. Mit beiden Händen hält Claudiu C. sich an einer Tasse Kaffee fest. "Ich kann mich an nichts erinnern, wachte auf der Intensivstation auf."
"Mit den Kollegen kann ich nicht mehr mithalten"
Ihm sei übel gewesen, er habe mit den Augen nichts richtig fixieren können, das Hörvermögen auf dem linken Ohr war zerstört, der Gleichgewichtssinn schwer beschädigt. Und damit, sagt der ehemalige Tänzer, "hat der Mann auch mein Leben zerstört."
Claudiu C. kam mit elf Jahren aus Rumänien nach Deutschland, begann das Tanzen, besuchte später die Ballettschule der Oper in Leipzig. Engagements führten ihn an das Landestheater Greifswald, an das Landestheater Coburg und das Mecklenburgische Staatstheater Schwerin. Seit der Spielzeit 2006/2007 gehört er fest zur Ballettkompanie in Kiel. Er tanzte den Basil in "Dorian Gray" und den Hérold in "Orestie", wirkte auch in der "West Side Story" mit. "Doch ich kann mit den Kollegen nicht mehr mithalten", sagt er, "nach einem Jahr quälender Reha und hartem Training musste ich mir das eingestehen." Mit Praktika am Theater versucht er nun, eine neue berufliche Perspektive zu finden. Zurzeit lebt er von seinem Krankengeld.
"Die Angst wird bleiben"
Es ist nicht nur die Karriere, die zu Ende ist. "Claudiu war früher auch viel offener, selbstbewusster. Jetzt ist er in sich gekehrt", sagt seine Freundin Franziska B. (27). Claudiu C. ist in psychotherapeutischer Betreuung, sagt: "Ich habe immer noch Angst vor Überfällen, bin misstrauisch gegenüber Fremden geworden, große Menschenansammlungen wie die Kieler Woche meide ich."
Morgen muss Christopher R. sich im Kieler Amtsgericht wegen gefährlicher Körperverletzung verantworten. Er war noch am Tattag von der Polizei festgenommen und vernommen, aber mangels Haftgründen sofort wieder freigelassen worden. Seitdem ist er auf freiem Fuß. Der junge Mann, der nach Angaben einer Kieler Antifa-Gruppe der NPD angehört und bei der Kommunalwahl 2008 in Kiel als Kandidat für die Partei antrat, zählt offenbar auch zum Kern der "Autonomen Nationalisten" in Kiel. Warum er auf den unbeteiligten Claudiu C., der "zur falschen Zeit am falschen Ort" war, wie das Opfer selbst sagt, so unvermittelt und brutal einschlug, wird sich vielleicht vor Gericht klären. Die Tatsache, dass Claudiu C. gebürtiger Rumäne mit deutscher Staatsangehörigkeit ist, könnte eine Rolle spielen, glaubt Claudiu C. "Ich hatte damals lange Haare, passte womöglich ins Feindbild dieses Mannes."
Eines, sagt Claudiu C., werde sich auch mit einer Verhandlung und Bestrafung des Täters nicht ändern: "Die Angst wird bleiben."
Rieke Beckwermert
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Die Verhandlung wird öffentlich sein. Wozu also der schwarze Balken im Gesicht des Täters? Soll ihn doch jeder erkennen können!