TOP-THEMA

 

Prozess auf Sylt

Wer trieb den Feuerteufel?

11. Februar 2011 | 07:31 Uhr | Von Anja Werner

Richter Wolfgang Köhler (li.) schloss die Öffentlichkeit nach der Anklageverlesung vom Prozess aus. Foto: Geißler

Bild 1 von 4
Journalisten drängen ins Landgericht Flensburg - dann die Überraschung: Der Prozess gegen den Feuerteufel von Sylt wird ohne die Öffentlichkeit geführt.

Eine der beliebtesten Ferieninseln der Deutschen wird für elf Tage zur Feuerhölle. "Einwohner und Urlauber konnten sich in dieser Zeit weder ihres Hab und Guts noch ihres Lebens sicher sein", sagt Staatsanwalt Axel Schmidt bei der gestrigen Prozesseröffnung gegen den Sylter Feuerteufel vor dem Landgericht Flensburg. Mit rund 20 Brandstiftungen bescherte Thomas R. der Insel der Reichen und Schönen mitten in der Hauptsaison bundesweit Angst auslösende Schlagzeilen. Die zwischen dem 11. und 21. August 2010 gelegten Brände, nach denen hunderte Menschen in Notunterkünfte umziehen mussten, hat R. gestanden.

Große Fragezeichen scheint es also nicht mehr zu geben. Völlig überraschend kommt da der Antrag von Verteidigerin Irene Zeppenfeld, die Öffentlichkeit von der Hauptverhandlung auszuschließen. Begründung: Der Prozess werde tiefe Einblicke in die Privatsphäre, die Psyche und Persönlichkeitsstörung von Thomas R. offenbaren, der laut Zeppenfeld derzeit "in einer psychiatrischen Klinik stabilisiert" wird. Unter den Blicken der Öffentlichkeit werde ihr Mandant nicht aussagen. In der Prozessunterbrechung berichtet die Anwältin von großen Problemen schon in der Kindheit des in Gelsenkirchen geborenen Thomas R. - mit den Geschwistern, mit der Einsamkeit. Wollte der 47-Jährige durch die Brandserie fehlende Aufmerksamkeit erlangen?

"Die Aufklärung hat Vorrang"

Staatsanwalt Schmidt lässt durch seine Andeutungen einen anderen, völlig neuen Tathintergrund durchblicken. Und zwar, dass Thomas R. "gedrängt wurde, die Straftaten zu begehen". Für den Staatsanwalt sei der Angeklagte kein Krimineller im eigentlichen Sinne. Wer oder wessen kriminelle Energie stecken also hinter der erschütternden Brandserie?

"Die Aufklärung hat Vorrang, auch vor dem berechtigten großen öffentlichen Interesse", sagt Richter Wolfgang Köhler - nachdem er dem Antrag der Verteidigung stattgegeben hat. Der Staatsanwalt sieht das anders. "Es wäre auch im Interesse des Angeklagten, dass die Öffentlichkeit die tatsächlichen Motive für die Taten erfährt", so Schmidt.

Das Urteil wird Ende März verkündet

Die von ihm gestern offenbarten Einzelheiten machen deutlich, dass viele der Betroffenen leicht zu verletzten oder gar toten Opfern hätten werden können. Das zeigt allein die Nacht auf den 16. August 2010. Gegen 0 Uhr beginnt Thomas R. seine Feuer-Serie in einer Altenwohnanlage der Awo in Westerland. Durch ein offenes Fenster setzt er mit einem Feuerzeug die Vorhänge im Zimmer einer 92-jährigen Bewohnerin in Brand, die zum Glück rechtzeitig aufwacht. Es folgt ein in Brand gesetzter Müllcontainer, danach zündet der 47-Jährige gegen 1.30 Uhr schmutzige Wäsche im Wenningstedter Hotel Windrose an, das komplett evakuiert wird. Um 2.15 Uhr zündet er Küchen- und Toilettenpapier in einem Nebenraum des gegenüber liegenden Restaurants Meeresblick an. Gegen 2.30 Uhr zündelt er in der altehrwürdigen Akademie Klappholttal in List. Dort legt er in dem Wirtschaftsgebäude mit Speisesaal, das bis auf die Grundmauern abbrennt, und in der Schwalbenhalle Feuer. Knapp 200 erschrockene Gäste müssen evakuiert werden.

Gegen 3.30 Uhr kehrt der Feuerteufel nach Westerland zurück, zündet im Keller eines Awo-Wohnheims eine Matratze an, auf der ein Mitarbeiter schläft. Auch dieses Opfer wacht rechtzeitig auf, erleidet nur Verbrennungen zweiten Grades. Großes Glück haben auch die 16 Bewohner eines Westerländer Reetdachhauses, dessen Dach R. in der Nacht zum 21. August anzündet. Nur weil ein 13-jähriger Urlauber um 2.30 Uhr wach ist und sofort die Feuerwehr ruft, kommt niemand zu Schaden. Wenig später wird der Angeklagte in der Nähe festgenommen. Seitdem können Sylter und Urlauber aufatmen - und auch einige zu Unrecht Verdächtigte.

Die Anklage erlebt der kleine, korpulente Mann in Jeans und hellem Kapuzen-Shirt teilnahmslos. Das Urteil wird Ende März verkündet.


 

Leserkommentare

 
JÜRGEN G. GMELL 10.02.2011 14:37
Geheim, geheim ...

Machen wir doch lieber Nägel mit Köppfen - denn Spaxschrauben, das ist mehr etwas für die krankhaften Gewaltphantasien von aufgehetzten und irregeleiteten Psychopathen.
-
W-A-R-U-M-? also: War der Angeklagte etwa Mitarbeiter des Verfassungsschmutzes oder einer anderen "Einrichtung", oder hat er gar als "Auftragstäter" gehandelt? Die scheint es sehr zu Bekloppten hinzuziehen, vielleicht weil die leichter zu manipulieren, im Volksmund zu nasführen sind, Nasrettin oder so, was?
-
Dann wäre u. U. ein Zeugenschutz-Programm fällig, aber doch kein genereller Ausschluss der Öffentlichkeit. - Oder ist auch hier eine vollständige Aufklärung nur noch am "stillen Örtchen" möglich?
-
Das würde sich ja trefflich decken mit anderen Phänomenen, u. a. auch mit der "Aufklärung", die Teile der Bu-Sido-Jugendlichen, die von jenen ebenda auch gern "aufgeklärt" werden - über Sex und Drogen beispielsweise.

FRANK W. 10.02.2011 15:50
Willkür

Ein weiterer Fall von Justizwillkür, und niemand, wirklich niemand schützt uns vor solchen Richtern, so etwas ist nicht "IM NAMEN DES VOLKES"
Mich würde echt mal interssieren wieviel Geld er von der Schicki Micki von Sylt erhalten hat, damit bloß nichts nichts ans Tageslicht kommt was das Volk evlt. nicht wissen soll.

B. BÖDECKER 10.02.2011 18:05
Kein krimineller im engeren Sinne(Zitat)

sehr schön. Ein Kavaliersdelikt ausgeübt? Wann gilt man denn als kriminell? M.E. ist es kriminell, Brände zu legen, wo Menschen UND Tiere hätten zu Schaden kommen können. Oder habe ich eine falsche Rechtsauffassung?
Aber , lieber Herr W, das Volk wird in so vielen Dingen getäuscht- da steigen wir gar nicht mehr hinter als Bürger.
"IM Namen des Volkes" ist schon sehr sehr lange mein Ding nicht mehr

JÜRGEN G. GMELL 11.02.2011 21:00
Mobber

Es hat den Anschein, dass das Gericht mehr meint, die Anstifter und "Drängler" seien "eigentlich keine Kriminellen" gewesen, weshalb sie den Angeklagten nicht verurteilen, sondern einweisen wollen. Das ändert aber nichts am verursachten Straftatbestand.
-
Oder soll hier "das Volk" mal wieder vorgeführt werden von einer Stände- und Klassen-Justiz, die Straftaten, welche von ihrer "Elite" oder staatlichen "Einrichtungen" angestiftet oder selbst begangen werden, nicht oder nur äußerst schleppend, geradezu im Schneckentempo "verfolgt“.
-
Gesetz ist, dass weder Verfassungsschutz, noch Polizeien, zu kriminellen Taten anstiften oder sie gar selbst begehen dürfen. Tun sie es doch, sind sie auch *Kriminelle im engeren Sinne* wie Jedermann. Der erhielte nach den geltenden Gesetzen sogar eine verschärfte Strafe, weil er seine Tat "im Amt" beging. - Wenn denn ein Staatsanwalt, dessen "Hilfsorgan" er ist, ihn strafverfolgen und ein Gericht ihn verurteilen würde.
-
Beispielsweise eine Staatsanwältin oder BKA-Beamtin, die einen, sagen wir Notar, zu einer Falschbeurkundung anstiftet - wird in einer Bananenrepublik nicht strafverfolgt, sondern befördert und der Notar so eingeschüchtert, dass er lieber den Mund hält, bevor ihm seine Existenz ruiniert wird. Das ist modernes Nazitum und überall in Diktaturen "normal".
-
Da aber nun Beamt/innen nicht entlassen werden können, gelangen sie irgendwann an Stellen, wo sie bei gleichem Charakter noch viel mehr Schaden anrichten können, fast schon zwangsläufig wird es nie wieder besser, sondern immer nur noch schlimmer. Das ist der Fluch des Bösen, eine Art moderner „Gordischer Knoten“.
-
Wurde der Täter aber von Kriminellen "im engeren Sinne" genötigt oder erpresst, ist das Mittel der Wahl Zeugenschutz, aber keine Psychiatrie. Psychiatrie als eine Art „Zeugenschutzprogramm für Arme“, oder „nicht so wertvolle“ Menschen - warum dann nicht gleich eine Pappnase und ein anderes Klingelschild, das wäre "kostengünstiger"?

BRAND MEISTER 25.02.2011 13:52
Das hat noch ein Nachspiel ! War das das Nach-Spiel, das man sportlich sehen muss ?

Der Ausschluss der Öffentlichkeit vom Prozess ist in Flensburger Justizkreisen nicht unumstritten.

Der unbefangene Leser steht wegen der Aussagen des Staatsanwalts ratlos da und kann über die von der Redakteurin zugespitzt formulierte, brisante Frage im Zeitungartikel nur noch stauen:
Wer oder wessen kriminelle Energie stecken also hinter der erschütternden Brandserie?

Diese Frage scheint doch nicht so abenteuerlich zu sein, wie manche es gerne sehen würden.
Schon länger vor der Eröffnung des Hauptverfahrens war in Justizkreisen ein bestimmter Name zu vernehmen: …… …… , der in Insiderkreisen allerdings schon vorher bekannt war: nach der historischen Niederlage in der Wenningstedter Auseinandersetzung hat ein am Rande des damaligen Geschehens Beteiligter unheilsschwanger angekündigt: das hat noch ein Nachspiel, das lässt …… sich nicht gefallen.

Der auskunftsfreudige Informant weiter: wenn man eine gewisse Größe hat, ist man unangreifbar, bei der Flensburger Justiz haben wir immer ein Heimspiel. Teile der Flensburger Justiz werden sich entscheiden müssen auf welcher Seite sie stehen: auf der von Recht und Gesetz oder auf der des großen Geldes.



Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar zu schreiben. Anmelden

Warum muss ich mich anmelden/registrieren?

shz.de distanziert sich prinzipiell von allen in den Leserkommentaren geäußerten Meinungen ohne Rücksicht auf deren Inhalte. Alle Beiträge in den Leserkommentaren geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen der User wieder.

Bitte beachten Sie unsere Richtlinien für Kommentare!



 
 

SH-REISE

1000 Tipps für schöne Tage im Norden!
Der Norden hat viel zu bieten: In "1000 Tipps für einen schönen Tag in Schleswig-Holstein" finden Sie die schönsten Seiten des Landes und lernen geheime Attraktionen kennen. Einige haben wir hier für Sie.

 

 

LANDTAGSWAHL 2012

 

Beilagen der Woche

 
     

    "HERBIE" IN RENDSBURG

    Grönemeyer kommt nach Rendsburg!
    Alle wichtigen Informationen zum Konzert erhalten Sie hier.

     

    Nachrichtenticker

     

    Meistgelesene Artikel

     



     
    HÄUFIG GELESEN

    Drei Tote bei Verkehrsunfällen im Norden

    Drei Menschen sind am Donnerstag bei Verkehrsunfällen in Hamburg und Schleswig-Holstein ums Leben ...mehr

     
     


    KONTAKT | IMPRESSUM | AGB | DATENSCHUTZ