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Gastbeitrag

"Schluss mit dem Hick-Hack in der Bildungspolitik"

19. September 2010 | Von Robert Habeck und Anke Erdmann.

Anke Erdmann und Robert Habeck.

Damit die Bildungspolitik aus der Schusslinie der Parteipolitik kommt, schlagen die Grünen im Landtag einen Runden Tisch vor.

Kiel. Diese Szene gehört zum klassischen Arsenal von König-Arthur-Büchern oder -Filmen: Ein Fürst betritt Schloss Camelot und besteht darauf, dass er "oben" oder "in der Mitte" der Tafel des Königs sitzen will - und dann steht er vor dem Runden Tisch und ihm fällt der Kiefer runter. Am Runden Tisch gibt es kein oben oder unten. Er ist das symbolische Bild, dass es gleichberechtigt zugeht. Solch einen Runden Tisch brauchen wir in Schleswig-Holstein jetzt für die Bildungspolitik. Gerade jetzt! Er ist die beste Antwort der Politik auf eine Situation, die politisch verbockt wurde.

In dieser Woche hat die Landesregierung ihr neues Schulgesetz vorgelegt. Applaus gab es keinen. Im Gegenteil: Viele Schulen sind entsetzt: Der Bildungsminister gibt den Startschuss für Debatten in den Kollegien, die schon längst geklärt waren.

Umstände betrachten

Im Sinne des Geistes eines Runden Tisches wollen wir gar nicht auf die einzelnen Punkte eingehen. Sondern auf die Umstände, in diesen dieser Entwurf eingebracht wurde - und die die Umstände von Bildungspolitik der letzten Jahre wie unter dem Brennglas überlebensgroß deutlich machen.

Schleswig-Holstein steht mal wieder vor vorgezogenen Neuwahlen. Auch wenn noch nicht klar ist, wann gewählt wird, klar ist, dass bald gewählt wird. Und so wie diese Regierung ihr Schulgesetz in Wort und Tat parteipolitisch begründet, so wird es eine nächste auch tun.

Folgt jetzt Reform auf Reform?

"Wir haben den politischen Auftrag vom Wähler, in der Schulpolitik - die seit 21 Jahren in SPD-Verantwortung stand - neue Akzente zu setzen", sagt Bildungsminister Klug. Davon abgesehen, dass er diesen Auftrag nicht hat, ist das bedauerliche, dass seine Begründung allein parteitpolitisch ist. Das Schulgesetz wird geändert - nicht um der Schulen willen, sondern um die eigene Daseinsberechtigung herzustellen. Und was wird wohl eine nächste Regierung tun, die so angespielt wird? Es ist vollkommen klar: Sollte diese Änderung des Schulgesetzes kommen - nach der Wahl wären sie das erste, was einstampft werden würde, sollte die nächste Regierung das Ruder übernehmen. Selbst für den Fall, dass es bei der jetzigen Konstellation aus CDU und FDP bleiben würde, hat Herr Klug eine weitere Schulgesetzreform für die Zeit nach der Wahl angekündigt. So oder so: Auf diesen Gesetzentwurf werden sich die Schulen nicht verlassen können. Und deshalb wird er nicht gebraucht. Wir Schulpolitiker müssen den Teufelskreis aus Hü und Hott durchbrechen. Wir müssen ihn für die Schülerinnen und Schüler durchbrechen - und für all die anderen, deren Alltag von der Schule geprägt ist.

Dabei ist das - aus Perspektive der Parteien gar nicht so einfach, denn die Bildungspolitik ist der Kernbereich der Landespolitik. Hieraus leitet sich besonders die landespolitische Souveränität her. Wenn die Länder aufhören, parteipolitisch Bildungspolitik zu machen, dann kann man fragen, wozu man sie überhaupt noch braucht. Und warum sollte man das nicht fragen, bitte? Umgekehrt wird jedenfalls kein Schuh daraus: Nur weil wir die Länder haben, muss jeder Bildungsminister, jede Bildungsministerin eine eigene Reform haben? Nein, der Bildungsföderalismus ist längst kein Wettbewerb mehr, der die besten Schulen als Vorbild nimmt und Kreativität im Schulsystem befördert, er ist ein Klotz am Bein, sorgt für Unterfinanzierung und planerisches Chaos. Wer auch immer das Schulministerium leitet: es gibt vor allen Dingen eine Aufgabe: den Bildungsförderalismus in Frage zu stellen - und damit sich selbst.

Schulpolitik - über die Legislaturperiode hinaus

Der CDU-Fraktionsvorsitzende, Christian von Bötticher, hat in der letzten Landtagssitzung "Schulfrieden" und ein "zweigliedriges Schulsystem" angeboten. Das war eine ausgestreckte Hand und wir sind bereit, sie zu ergreifen. Wir wissen aus Gesprächen mit den anderen Oppositionsfraktionen, dass es auch dort Bereitschaft gibt, in solche Konsensgespräche über die Schulpolitik einzutreten. Das aber bedeutet, dass das neue Schulgesetz nicht ins Parlament eingebracht wird, sondern zurückgezogen wird. Ein "oben" und "unten" kann es bei solchen Gesprächen nicht geben. Vor allen Dingen für die FDP ist dies ein schweres Zugeständnis. Aber es ist kein einseitiger Schritt. Auch für die Opposition ist es nicht leicht, die Oppositionsrolle zu verlassen. Würden wir uns die Schulwelt basteln können, wie wir wollten, dann sähe sie sicher anders aus. Sie wäre am skandinavischen Ausland orientiert, wäre eine Schule für alle Kinder mit einer starken individuellen Förderung. Doch die politische Vergangenheit hat dazu geführt, dass keine Seite ihre Maximalfoderungen derzeit durchsetzen kann. Jedenfalls nicht, ohne neuen ideologischen Streit anzuheizen. Der sorgt vielleicht für politische Siege, ganz sicher aber für einen Verlierer: die Schulen, die Schülerinnen und Schüler. Deshalb sind wir bereit, in Konsensgespräche einzutreten. Ihr Ziel müsste sein, dass für zwei Legislaturen Absprachen für den organisatorischen Rahmen Gültigkeit haben - egal, wie eine Regierung aussieht. Und die Gespräche müssen orientiert sein, an den inhaltlichen und qualitativen Anforderungen an eine zukunftsfeste Schulpolitik.

Ein Runder Tisch - parteiübergreifend und in enger Verzahnung mit den Vertreterinnen von Eltern, Schülerinnen, Schülern, Lehrkräften, Schulträgern und der Bildungsforschung - so können wir eine Lösung erzielen, die zehn Jahre Bestand haben wird- und die Bildungspolitik aus der parteipolitischen Schusslinie heraus nimmt.

Vielleicht ist gerade diese verkorkste Zeit zwischen zwei vorzeitig beendeten Legislaturen die beste, einen solchen Schritt zu gehen. Denn unklare Machtverhältnisse können auch den Zwang zur Einigung begründen. Deshalb ist der Moment für einen Schulfrieden gerade jetzt der günstigste! In den Sagen des Runden Tisches musste man seine Waffen am Eingang abgeben. Das sollten wir auch tun.

Die Autoren: Robert Habeck ist Fraktionsvorsitzender der Grünen im SH Landtag. Anke Erdmann ist bildungspolitische Sprecherin der Grünen.


 

Leserkommentare

 
ULRICH KLIEGIS 18.09.2010 21:57
Schluß mit der Symbolpolitik - Politiker und Parteien: Laßt die Schulen in Ruhe!

Reine Symbolpolitik, was Robert Habeck hier betreibt. Er weiß genau, daß die Positionen der Parteien zu weit auseinanderliegen. Als Beispiel sei seine Parteifreundin Goetsch, Schulsenatorin in Hamburg, genannt, die gerade in dieser Woche Rechtschreibdiktate an Grundschulen untersagte - weil diese ungerecht und diskriminierend wirken. - Wenn die Politik etwas für die Schulen tun will, soll sie sich einfach aus der Gestaltung der Schulen zurückziehen und das denen überlassen, die dafür auch das Können und Wissen mitbringen. Eine Schulkammer als zentrales Koordinationsinstrument rechtlich vom Staat und vor allem von Parteien unabhängiger Schulen, die nur dem Lehr- und Lernerfolg verpflichtet sind, ist ein erfolgsträchtiges Konzept. So ähnlich funktioniert es seit Jahren mit bestem Erfolg in Holland. Dort hat die Politik in den Schulen nichts mehr zu melden. Beispielhaft. Die feindliche Besetzung der Schulen durch Politiker, die von der "Lufthoheit über den Kinderbetten" schwadronieren (Olaf Scholz 2008), muß beendet werden. Die Schulen sind keine gesellschaftspolitisch zu mißbrauchenden Instrumente, um den Umbau der Gesellschaft als Schlußpunkt des Marsches durch die Instanzen zu bewerkstelligen, sondern sie haben einzig und allein einen Zweck: Unseren Kindern das bestmögliche geistige Rüstzeug für ein erfolgreiches, aufgeklärtes und selbstbestimmtes Leben in Freiheit und Frieden zu ermöglichen.

TADE PEETZ 18.09.2010 22:10
Gerade die!

Gerade die, die mit ihrem roten Koalitionspartner in den letzten Jahrzehnten durch gezielten Personalentzug die Hauptschulen zu reinen Betreuungseinrichtungen haben verkommen lassen, gerade die, die immer wieder mit dem Kampfvokabeln "Selektion" und "Restschule" das Schulsystem unterminiert haben, gerade die, die sich hämisch de Hände rieben, als Wadephul und Erdsiek-Rave die Realschule beerdigten,.... gerade die sprechen jetzt für "zukunftsfeste Schulpolitik" - nee, Habeck und Erdmann, das nimmt euch keiner ab, der irgendetwas mit Schule zu tun hat!

BENITA SCHMIDT 20.09.2010 08:43
Ja zum Runden Tisch!

Ihr Beitrag Der Vorschlag der Grünen ist pragmatisch und sinnvoll und zeugt von Lernfähigkeit, die man anderen Parteien momentan durchaus absprechen kann: Mögen endlich alle sich, ohne parteipolitische "Waffen", an einen runden Tisch setzen, den Austausch mit den Betroffenen suchen, ohne diese bereits im Vorfeld mit vorgefertigten Lösungen in ihren Ideen zu beschneiden, und mögen dann alle, selbstverständlich unter Berücksichtigung der Finanzen, zu einer praktikablen, zukunftsfähigen Lösung im Bereich Bildung kommen, die erst einmal 10 Jahre trägt!
Das Ziel, unseren Kindern bestmögliche Bildung zu ermöglichen, um ihnen möglichst viele Wege für die Zukunft zu öffnen, teilen sicherlich alle Betroffenen. Und da die Politiker letztlich abhängig von eben diesen sind, wären sie gut beraten, dem Vorschlag der Grünen zu folgen und SCHNELL eben diesen runden Tisch für die Zukunft ihrer Landeskinder zu gründen!
Dass das Ergebnis dann evtl. einen Umbau der Gesellschaft zur Folge haben kann, denn nicht alles, was einmal gut war, ist es noch, ist möglich, aber nicht beängstigend, da ja dieser dann im Konsens mit allen Beteiligten beschlossen würde.
Keiner zwingt einen ja, die Fehler der anderen zu wiederholen. Mit einer Portion Idealismus ebenso wie Pragmatismus könnte eine Einigung gelingen! Ohne es aber überhaupt zu versuchen, alle an einen runden Tisch zu bekommen und eine für die Betroffenen gangbare Lösung zu finden, wird es ewig so wie jetzt weiter gehen und das kann unmöglich das Ziel sein. Es empfiehlt sich also, nicht nur zu unken und Buuh-Rufe aus zu stoßen, sondern den Vorschlag mit konstruktiver Zuarbeit zu unterstützen, wie wir als LEB der Gemeinschaftsschulen das gerne tun wollen.



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