Modellprojekt

Patienten sollen für jeden Arztbesuch zahlen

20. März 2010 | Von bg

Schleswig-Holsteins Ärzte wollen gesetzlich versicherte Patienten künftig für jede Behandlung zur Kasse bitten. Im Gegenzug sollen die zehn Euro Praxisgebühr pro Quartal wegfallen. Ein Modellprojekt?

Kiel. Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Schleswig-Holstein und die größte Krankenkasse im Land, die AOK Schleswig-Holstein, bestätigten unserer Zeitung auf Anfrage solche Pläne.

"Wir würden gern in einer Region ein Pilotprojekt ausprobieren, bei dem freiwillig teilnehmende Versicherte sich an jeder Behandlung finanziell beteiligen und dafür keine Praxisgebühr zahlen", erklärte KV-Sprecherin Esther Rüggen. Patienten müssten dann zum Beispiel von jeder Arztrechnung fünf Euro oder einen niedrigen Prozentsatz übernehmen. AOK-Chef Dieter Paffrath sagte: "Wir werden uns solchen Ideen nicht prinzipiell verschließen." Ebenso wie andere Kassen diskutiere man derzeit mit der KV solche Modelle, sei allerdings erst "am Anfang eines langen Weges". Auch halte er nichts davon, das Projekt auf nur eine Region im Land zu begrenzen.

Dass die Ärzte in Schleswig-Holstein den Vorstoß machen, hat einen einfachen Grund: Sie sind bei der Honorarreform im vergangenen Jahr laut KV-Zahlen schlechter weggekommen als die meisten Kollegen in den übrigen Bundesländern. Nur um 2,4 Prozent stiegen ihre Vergütungen - im Bundesschnitt waren es 6,4 Prozent. Nun suchen sie nach zusätzlichen Einnahmen, die nicht aus dem gedeckelten Honorartopf der Kassen kommen.

Doch auch die Kassen haben ein Interesse daran, durch eine finanzielle Beteiligung der Patienten die Schwelle zum Arztbesuch zu erhöhen. Die Bürger in Deutschland gehen durchschnittlich 18 Mal im Jahr zum Doktor - mit steigender Tendenz und so oft wie in keinem anderen Land. Das legt den Schluss nahe, dass mancher Besuch unnötig ist, und treibt die Kosten der Kassen in die Höhe. Auch die Praxisgebühr hat daran nichts geändert.

Um ihre Pläne umzusetzen, müssten KV und Kassen einen speziellen Wahltarif vereinbaren, der den Versicherten als Gegenleistung für deren Beteiligung nicht nur den Erlass der Praxisgebühr, sondern weitere Vorteile verspricht wie ge ringere Wartezeiten oder Beitragsrückvergütungen. Genau da sieht Paffrath das größte Problem: "Bisher wurde uns noch kein Modell angeboten, das attraktiv genug für einen Wahltarif ist." Das Ziel der KV, das Pilotprojekt noch dieses Jahr zu starten, hält er daher auch für "optimistisch".


 

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