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"KettenREaktion"
Menschen strömten an die Kernkraftwerke
Hand in Hand vor dem Atomkraftwerk Krümmel in Geesthacht: Demonstranten gegen Kernenergie. Foto: dpa
"Heute wird ein Tag der Anti-Atom-Bewegung", sagt der Sprecher des Trägerkreises, Jochen Stay. "Wir sind wieder da, bunter und vielfältiger als jemals zuvor." Nach Angaben der Polizei bildete sich entlang der Strecke am frühen Nachmittag eine weitgehend geschlossene Menschenkette, die auch durch Hamburg führte. "Wenn das Thema nicht so ernst wäre, könnte man von einem Straßenfest sprechen", sagte Jessica Wessel vom Landespolizeiamt Schleswig-Holstein. 400 Beamte waren im nördlichsten Bundesland im Einsatz. Wessel sprach von mehreren zehntausend Teilnehmern. Alles blieb friedlich, es kam zu erheblichen Verkehrsbehinderungen. "Polizisten schnacken und klönen mit den Demonstranten", beschreibt Torge Schmidt auf Twitter die Lage in Elmshorn.
Auch bei der Anreise gab es nach Angaben von Bundespolizeisprecher Hanspeter Schwartz keine Probleme: "Rund 1900 Menschen reisten in drei Sonderzügen aus Berlin, München und Kassel friedlich an." Weitere Teilnehmer kamen mit 240 Bussen aus der ganzen Republik zu den 124 Sammelpunkten im Norden.
120.000 Menschen bilden geschlossene Kette
In Geesthacht sammelten sich mehrere hundert Atomkraftgegner aus dem Wendland. Rund 400 Landwirte hatten sich mit Traktoren und Fahrrädern aus Niedersachsen über die Elbe zum Meiler Krümmel aufgemacht. Sie stimmten sich bei Musik und Bratwurst auf die Veranstaltung ein. Bereits am Mittwoch hatten sich von dort rund 200 Menschen auf den Weg nach Krümmel gemacht.
Die Organisatoren sprechen von insgesamt rund 120.000 Teilnehmern. "Wir lassen jetzt nicht mehr locker. Wenn die Bundesregierung an ihrem Atom-Kurs festhält, wird die neue Protest-Bewegung weiter zulegen", sagte Jochen Stay von der Anti-Atom-Organisation "ausgestrahlt".
Kundgebungen und Musik auf sieben Bühnen
Nach dem Zusammenschluss gab es Kundgebunden und Konzerte auf sieben Bühnen entlang der Strecke. In Brunsbüttel trat der Hamburger Funk- und Soul-Sänger Jan Delay auf, in Geesthacht Blues-Interpret Abi Wallenstein. In Glückstadt sagte Jürgen Trittin (Grüne): "Sechs Atomkraftwerke in Deutschland könnten sofort abgeschaltet werden." Weil es zu viel Strom aus Atom- und Kohlekraftwerken im Netz gebe, müssten Windparks abgeschaltet werden. "Das ist pervers."
Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel sprach in Elmshorn über die Erfolge aus der Zeit der rot-grünen Regierung im Bereich erneuerbare Energien. SPD-Landesfraktionschef Ralf Stegner war bereits am Mittag in Elmshorn angekommen. Dort sagte er zu shz.de: "Ich habe mich schon sehr früh zur Teilnahme an der Aktion entschlossen, weil ich auch früher an den Anti-Atomkraft-Demonstrationen beteiligt war. All diese Menschen sollen der schwarz-gelben Regierung zeigen, dass man raus muss aus der Atomkraft."
"Will sich die CDU dem Bevölkerungswillen entgegen stellen?"
Grünen-Chef Cem Özdemir nahm in Hamburg teil. Er zeigte sich erfreut über die hohe Beteiligung an der Aktion. Es gehe darum, ein Signal zu setzen, dass die Mehrheit der Bevölkerung eine Laufzeitverlängerung ablehne, sagte Özdemir der Nachrichtenagentur ddp. "Die CDU muss sich schon gut überlegen, ob sie sich dem Bevölkerungswillen entgegen stellt." Die Atommeiler Krümmel und Brunsbüttel gelten als besonders unsicher. Nach Zwischenfällen im Jahr 2007 sind sie fast ununterbrochen abgeschaltet.
Zu dem Aktionstag zwei Tage vor dem 24. Jahrestag der Tschernobyl-Katastrophe hat ein Bündnis aus Bürgerinitiativen, Umweltverbänden, Parteien, kirchlichen Gruppen und Gewerkschaften aufgerufen. Mit der Großdemonstration soll gegen die Pläne der Bundesregierung für verlängerte Laufzeiten für Kernkraftwerke protestiert werden. Die Veranstalter hatten im Vorfeld klar gemacht, dass es sich nicht um eine parteipolitische Veranstaltung handle. Große Aktionen sind auch am Kernkraftwerk Biblis in Hessen und vor dem Atommüllzwischenlager im nordrhein-westfälischen Ahaus geplant.
Stimmen von Teilnehmern:
Sigmar Gabriel, SPD-Parteivorsitzender: "SPD und Grüne haben einen schwierigen gesellschaftlichen Kompromiss erreicht in ihrer gemeinsamen Regierungszeit: den schrittweisen Ausstieg aus der Atomenergie und den Ausbau der erneuerbaren Energien. Gerade in Norddeutschland hat das viele Arbeitsplätze geschaffen - deutschlandweit 300.000. Natürlich wollen wir nicht, dass dieser große Erfolg jetzt gefährdet wird. 100.000 Menschen in der Kette ist ein riesiger Erfolg. Das zeigt, dass sich viele Menschen Sorgen machen, dass der Erfolg von SPD und Grüne durch CDU/CSU und FDP gefährdet wird."
Jürgen Trittin, Bundesfraktionsvorsitzender der Grünen: "Gute Stimmung, viele Leute, die alle belegen: 'Ich bin doch nicht blöd und für Atomkraft'. Als klar war, dass diese Menschenkette organisiert wird, war für mich auch klar, dass wir als Grüne mitmachen und für diese Aktion mobilisieren."
Renate Künast, Bundesfraktionsvorsitzende der Grünen: "Wir lassen uns nicht Atomenergie als Zukunfts- oder Brückentechnologie verkaufen. Wir wollen 100 Prozent erneuerbare Energien - die Sonnne, den Wind - nutzen. Die sind nicht nur preisstabil, sondern auch sicher."
Ralf Stegner, Landesfraktionsvorsitzender SPD: "Es sind ganz viele Menschen hier, die gegen die schwarz-gelben Atomgefahren demonstrieren wollen und raus wollen aus der Atom-Energie. Das ist ein klares Signal. Ich habe früher schon gegen Atomkraftwerke demonstriert. Wir haben verhindert, dass am Kaiserstuhl ein Atomkraftwerk gebaut wird, das musste die damalige Regierung einsehen und genauso muss die heutige einsehen, dass die Laufzeiten für Kernkraftwerke nicht verlängert werden dürfen."
Kathi Müllerbach-Sturm, Landshut: "Wir sind vom Bund Naturschutz, Kreisgruppe Landshut. Wir sind schon seit 20, 30 Jahren gegen Atomkraftwerke aktiv. Das hängt vor allem auch damit zusammen, dass wir bei Landshut zwei große Atomkraftwerke haben. Wir waren sehr froh, wo es endlich zum Konsens des Atomausstiegs gekommen ist. Unser Motto ist schon seit vielen Jahren: Atomaussteig jetzt, weil uns die Gefahr für Leib und Leben einfach zu groß ist. Wir wollen mit aller Macht dagegen demonstrieren, dass das umgestoßen wird.
Reinhold König, Landshut: "Landshut verfügt über zwei Kernkraftwerke - Ohu 1 und Ohu 2. Ohu 2 ist eines der ältesten Kernkraftwerke Deutschlands mit schlechter Technik und großem Risiko. Wir fordern die Abschaltung jetzt, auch unter dem Aspekt, dass kein weiterer Atommüll entsteht. Denn es gibt bis jetzt weltweit kein sicheres Endlager."
Heinrich Hinkhofer, Landshut: "Ich bin da, damit unsere jetzige Regierung wirklich kapiert, dass es einen Haufen Menschen gibt, die gegen Atomkraft sind. Und dass dieses blöde Wort der 'Brückentechnologie' der größte Schmarrn ist, den es gibt."
- Links:
- Homepage zur Anti-Atom-Kette
Leserkommentare
Sehr geehrter Herr Feryny,
Sie haben vollkommen Recht, bitte entschuldigen Sie den Fehler. Er ist in der Redaktion entstanden. Der entsprechende Satz wurde gelöscht.
Danke für den Hinweis.
Mit freundlichem Gruß
Hauke Mormann
Onlineredakteur
@ Benjamin Freyney
Ich gebe Ihnen Recht in der Hinsicht, dass das Thema Energiepolitik heutzutage sehr wichtig ist. Dass die rund 150.000 Menschen, die heute deutschlandweit - in Ahaus, Biblis und im Norden - für den Atomausstieg und für eine Energiewende demonstriert haben, keine Ahnung hätten, ist ein nicht haltbarer Vorwurf (Ihren Ausführungen hingegen entnehme ich, dass Sie sich noch nicht ernsthaft mit den Themen Uranförderung und Atommülllagerung beschäftigt haben.) Im Gegensatz zu anderen Teilen in der Bevölkerung lässt sich diese Gruppe engagierter Menschen nicht für dumm verkaufen - und glaubt nicht, was die vier Energiemonopolisten, die mächtige Atomlobby und etliche Politiker versuchen den Menschen einzubläuen: Kernkraft sei sicher, sauber und günstig und unverzichtbar. Dass das alles jedoch nicht zutrifft, behaupten viele Quellen, u.a. das Umweltbundesamt. Laut dessen können wir in Deutschland schon ab 2020 locker auf alle AKWs verzichten. Und nach offiziellen Umfragen ist mehr als die Hälfte der Deutschen für den Ausstieg aus der Atomenergie. Diesem Willen deutlich Ausdruck zu verleihen muss das Ziel in den kommenden Monaten sein. Die Aktions- und Menschenkette zwischen den Kernkraftwerken im Norden war heute ein eindrucksvolles Zeichen - und sicher erst der Beginn einer großen Protestbewegung.
Selbst bin ich natürlich auch ein Gegener der Kernenergie - wie alle verantwortungsvollen Menschen - aber - nie hätte ich mich mit den verlogenen Politikern in eine Reihe gestellt. Grüne, Linke und SPD reißen das Maul immer auf, wenn sie nicht an der Macht sind. Sind sie an der macht, haben sie genau wie allen anderen nur ihre eigenen Vorteile im Kopf. Noch nie haben sie das getan was sie in der Opposition versprechen. Auch der Rest der Bevölkerung ist leide nur scheinheilig. Kaum haben sie die Demo verlassen, da verbrauchen sie wieder sinnlos Energie so viel sie nur können. Fahren sinnlos mit dem Motorrad auf und ab. Fliegen mehrmals im Jahr mit Billigfliegern und benutzen ihr Fahrrad nur an Himmelfahrt und Pfingsten. Also ändert euch endlich, dann mache ich auc mit. Kalle von kalleskoppel.de
Ich hätte mich grade dann mit den Politikern in eine Reihe gestellt, wenn die dann mal was vernünftiges tun, meine Manipulierbarkeit hat halt ihre Grenzen. Und man kann über SPD, Grüne und die Atomkraft viel sagen, aber in diesem Fall protestieren sie immerhin mal für etwas, was sie in ihrer Regierungszeit selbst beschlossen haben.
Und um Kalles rot-rot-grüne Feindbildparteien mal in Schutz zu nehmen: Schwarz-Gelb macht nichtmal an der Regierung nicht das, was sie vorher versprochen haben...
Lieber Herr Freyny ,
Sie sollten den Dokumentarfilm von Arte "Albtraum Atommüll" sehen
compass.mot.com/go/346966195
Er macht jeglichen AKW-Besuch überflüssig
die anti-atom-sonne:
www.zimmer-netz.de/enriconet/atom/files/anti-atom-sonne.png
und das gegenstück zum gentechnik thema:
www.oyla.de/userdaten/066/32505/bilder/imm000_0.jpg
...und was machen wir jetzt damit ??
........ich vermute die langzeitfolgen von "gen-unfällen" werden sich etwa im gleichen maßstab bewegen .... wie die von atom-unfällen.
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Hallo,
es ist schon traurig, wenn die Organisatoren der Menschenkette nicht wissen, wann das Unglück von Tschernobyl passiert ist...
Das war nämlich am 26.4.86, nicht am 24.4.86.
Schade auch, dass der SHZ das nicht aufgefallen ist (journalistische Sorgfalt).
Mir wäre es lieber, wenn sich mehr Menschen ernsthaft mit der Kernkraft auseinandersetzen würden (z.B. Reaktorführungen) und sich erst dann ihre Meinung bilden. Viele habe naber leider dazu keine Lust und plappern nur das nach, was die Medien berichten ! Schade eigentlich, weil das Thema Energiepolitik viel zu wichtig dafür ist...