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Flensburg

"Ich habe wieder Zeit zu lachen"

12. Mai 2011 | 06:55 Uhr | Von Anja Christiansen

Aus einem Alltag voller Gewalt auszusteigen, fällt vielen Frauen schwer. Das Frauenhaus als Zufluchtsort bietet aber keine langfristige Lösung für den Start in ein neues Leben. Foto: dpa

Dreimal hat Nadia Lago bereits versucht, sich von ihrem gewalttätigen Ehemann zu befreien - jedes Mal ist sie zurückgekehrt. Diesmal soll es anders werden. Kraft tanken konnte sie im Flensburger Frauenhaus.

Flensburg. Sie habe gut geschlafen in den vergangenen zwei Nächten, erzählt Nadia Lago* und lächelt. Ein schönes Lächeln, das beinahe wirkt, als könne sie selbst kaum glauben, dass ihr ein solches noch einmal gelingen würde. Denn sie hat eine lange Reise hinter sich - 16 Jahre lang.

Souverän und selbstbewusst erzählt die 40-Jährige von den vergangenen fünf Wochen im Flensburger Frauenhaus. Sie hat Kraft tanken können durch die Unterstützung, die sie hier erfahren hat. In der Zeit davor aber sei ihr Alltag von Gewalt geprägt gewesen. Eine Zeit, an die sich Nadia Lago nur unter Tränen erinnern kann.

Aus dem Umfeld hieß es stets: "Damit musst Du leben"

Dreimal habe sie bereits versucht, sich von ihrem gewalttätigen Ehemann zu befreien - jedes Mal ist sie zurückgekehrt. Diesmal soll es anders werden: "Ich hatte immer die Hoffnung, es wird wieder", erzählt sie. "Irgendwann wurde mir klar: Ich muss mich ändern, er ändert sich nicht." Gemeinsam mit vier ihrer fünf Kinder - ihr mit 16 Jahren ältester Sohn wollte beim Vater bleiben -, ihr Leben in einem Koffer zusammengepackt, macht sie sich schließlich auf den Weg nach Flensburg. In der Flucht sah Lago die einzige Chance, wenigstens dreien ihrer Söhne und der Tochter eine gesunde Entwicklung in der Geborgenheit einer Familie zu bieten - wenn diese nun auch deutlich kleiner geworden ist.

Nicht nur für den Ehemann, auch für seine große Familie war sie ein Dienstmädchen, rund um die Uhr, ohne Widerworte. Aus dem Umfeld hieß es stets: "Damit musst Du leben.", "Das ist eben so." Dass das aber nicht so sein muss, wurde Lago irgendwann klar. Was ihr gewalttätiger Mann forderte, machte ihr Leben unerträglich - der einzige Ausweg war es, ihm den Rücken zu kehren. Vor allem ihren Kindern zuliebe habe sie diesen Weg gewählt, erzählt sie. Denn nicht nur für die Ehefrau, auch für die Kinder war keine Rücksichtnahme zu erwarten. Gab es Streitereien, wurde der Nachwuchs sogar angestachelt, einander härter zu schlagen. Dass inzwischen sogar ihre Kinder aufatmen und ihre lebhafte Mutter zu schätzen wissen, bestätigt Nadia Lago in ihrem Entschluss: "Ich hatte nie Zeit für meine Kinder. Jetzt kann ich mit ihnen auf den Spielplatz gehen", freut sie sich. Und: "Ich habe wieder Zeit zu lachen."

"Ich fühle mich hier im Frauenhaus wohl"

Kerstin Mützel, als Diplom-Pädagogin im Flensburger Frauenhaus tätig, kennt viele solcher Fälle. Immer wieder wird ihr bewusst, wie mutig diese Frauen sind: "So etwas erleben die wenigsten von uns überhaupt einmal im Leben. Für viele Frauen aber ist das Alltagsgeschäft."

Was Nadia Lago nun noch fehlt für ihr neues Leben, ist eine Wohnung für sich und die vier Kinder. "Ich fühle mich hier im Frauenhaus wohl", sagt sie. "Aber irgendwann braucht man seine eigenen vier Wände." Derzeit lebt die Familie gemeinsam in einem großen Zimmer. Jeder hat zwar ein eigenes Bett, aber die Kinder kommen nun in das Alter, in dem sie Raum für sich brauchen.

Wohnungssuche gestaltet sich schwierig

Für die ALG-II-Empfängerin mit Migrationshintergrund gestaltet sich die Wohnungssuche schwierig. Nach den Besichtigungsterminen sei sie häufig vertröstet worden und habe schlussendlich doch eine Absage bekommen. Lago fühlt sich mit vielen Vorurteilen konfrontiert - auch wenn es das gute Recht der Vermieter sei, sich die Bewohner auszusuchen. Mit dem ALG-II-Regelsatz in Höhe von 520 Euro inklusive Nebenkosten sei die Miete durch das Jobcenter abgedeckt: "Es kann eine direkte Zahlung an den Vermieter eingerichtet werden", erklärt Mützel, die Mieteinnahmen seien also gesichert. Auch die Befürchtung, eine Frau aus dem Frauenhaus könne durch ihr gewalttätiges Umfeld Probleme bringen, kann Mützel nicht bestätigen: "Das hatten wir extrem selten."

Was allerdings die Problematik verstärke, sei der Mangel an Wohnungen, die sowohl von der Größe als auch der Kostenhöhe her passen. "Die Mehrzahl der Wohnungen in Flensburg sind Zwei- bis Dreizimmerwohnungen", erklärt die Diplom-Pädagogin. "Angemessene und bezahlbare Vier- bis Fünfzimmerwohnungen stehen fast gar nicht zur Verfügung." Dadurch, dass die Nebenkosten steigen, aber die Regelsätze nicht angepasst werden, sinke die Zahl erschwinglicher Wohnungen immer weiter. Und Frauen wie Nadia Lago werde der Ausstieg aus ihrem alten Leben erschwert.

*Name von der Redaktion geändert.

Kontakt: Frauenhaus Flensburg: fin-fl@foni.net, Telefon 0461-46363, Frauenberatungsstelle Wilma: wilma-fl@foni.net, Telefon 0461-4935710.

(anj)


 

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