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Hartz-IV für Kinder

"Es geht nicht ums Geld, sondern um Gerechtigkeit"

9. Februar 2010 | Von Anette Asmussen

Was erhoffen sich Hartz-IV-Familien in Schleswig-Holstein von dem Urteil zur Höhe des Lebensbedarfs von Kindern? Eine Spurensuche im Norden des Landes.

Warten auf Lebensmittel: Für 63.385 Kinder, die in Schleswig-Holstein Hartz IV bekommen, oft eine Selbstverständlichkeit. Foto: Dewanger

Nein, beschweren will sich Alexandra Kaiser nicht. Schmal und etwas blass steht die 39-jährige Mutter mit ihrer kleinen Tochter Vanessa vor der Flensburger Tafel. Ein bisschen Obst und Gemüse möchte sie hier holen, Lebensmittel, vielleicht einen Blumenstrauß - etwas Buntes in der trostlosen Winterkälte.

"Der Staat kann ja nichts dafür", sagt sie. Dafür, dass sie als gelernte Einzelhändlerin seit der Geburt ihrer Tochter keinen Job mehr findet. Dafür, dass inzwischen auch ihr Mann ALG II-Leistungen bezieht und auf der Suche nach einem neuen Arbeitsplatz ist.

Reichen 215 Euro für Vanessa?

"Aber wissen Sie, wie das ist, wenn man den ganzen Tag zu Hause sitzt, wenn man gern arbeiten möchte und einem die Decke auf den Kopf fällt?" Nicht schön ist das. Doch beklagen will sich die junge Frau nicht, sondern das Beste aus ihrer Situation machen. Denn: Immerhin gebe es die Unterstützung durch Hartz IV, sagt sie. Und: Es gibt die kleine Vanessa. Dreieinhalb Jahre ist das Mädchen alt, guckt mit wachen Augen hinter ihrer runden Kinderbrille hervor und erklärt stolz: "Ich gehe in den Kindergarten." Als Kindergartenkind bekommt Vanessa 215 Euro monatlich. Das ist der Hartz-IV-Regelsatz. Reicht dieses Geld für eine vernünftige Erziehung aus?

"Naja" - der Mutter fällt es offensichtlich nicht leicht, kritische Töne anzuschlagen. Natürlich will sie das Beste für ihr Kind. Natürlich soll Vanessa den Start in ein Leben bekommen, in dem sie nicht auf Sozialleistungen angewiesen ist. Doch dafür reichen - Hand aufs Herz - 215 Euro nicht aus. Nicht einmal für ein Kindergartenkind: Da sind die regelmäßigen Ausgaben für Lebensmittel und Kleidung. Die Kleine soll nicht krank werden, braucht warme Sachen, gutes Schuhwerk und gesunde Nahrung. "Und man will ja auch nicht wie ein Mensch dritter Klasse behandelt werden", sagt Alexandra Kaiser. Sie selbst hat das oft erfahren. Bei der Arbeitssuche, wenn einem nicht einmal mehr eine Absage erteilt wird. "Einfach nach dem Motto: Irgendwann wird sie schon merken, dass wir sie nicht wollen. Dabei ich habe mir doch Mühe gegeben. Aus welchem Grund diese Nichtachtung?"

Essensgeld, Brille, Kleider

Diese Nichtachtung, die ihre Tochter nicht zu spüren bekommen soll. Deshalb bekommt die Kleine günstige, aber hübsche Kleidung. Auch das Essensgeld, das sie für den Kindergarten braucht, bezahlen die Eltern. Und die Brille, die dem wachsenden Kinderkopf ständig neu angepasst werden muss, ist selbstverständlich - trotz teurer Zuzahlungen. "Wir machen das gerne." Aber es kostet Geld, oft genug das Geld, das die Eltern selbst bekommen.

So ist die Ebbe in der Haushaltskasse der ständige Familien-Begleiter. Jetzt gerade habe es auch noch eine Verzögerung bei der Auszahlung ihrer Grundsicherung gegeben, berichtet Alexandra Kaiser. Das Konto ist leer. Ihr bleibt heute nichts anderes übrig, als sich in die Schlange vor die Lebensmittelausgabe der Tafel zu stellen, soll etwas zu essen auf den Tisch der Familie kommen.

Drei Stunden Schlange stehen

Dort steht auch - wie häufig - Beate Mertel. Bis zu eine Stunde wartet sie darauf, dass sie an die Reihe kommt. Drei Kinder hat sie. Die beiden Ältesten sind mit 18 und 20 Jahren "aus dem Gröbsten raus". Aber: "Michaela ist erst elf Jahre alt. Die hat noch alles vor sich."

Als Schülerin von Hartz IV zu leben, wie ist das? Die Tochter schüttelt den Kopf. Dazu will sie sich nicht äußern. Mutter übernimmt. "Um es deutlich zu sagen: Wir sind angewiesen auf die Tafel, auf kostenlose Lebensmittel und Klamotten aus der Kleiderkiste." Aber auch Beate Mertel beschwert sich nicht. Sie stellt die Situation sachlich dar: "Wir sparen, wo wir können. Michaela trägt die Kleidung ihrer großen Schwestern auf. Marken-Krams gibt es nicht, kennen wir nicht einmal. Die Kleine ist jetzt mit dem zwölf Jahre alten Schulranzen ihrer Geschwister unterwegs. Musikunterricht oder Sportverein gibt es nicht und Ferien haben wir noch nie gemacht."

Gerechtigkeit heißt Sportverein

Und wie steht es mit Klassenfahrten? Die, räumt Beate Mertel ein, gibt es. Auch sie will ihren Kindern Ausgrenzung ersparen. Was erwartet sie vom Gericht in Karlsruhe, das heute über die Hartz-IV-Regelsätze für Kinder entscheidet? "Gerechtigkeit. " Gerechtigkeit - heißt das mehr Geld? "Nein. Das heißt, dass ich erwarte, dass die Sätze den Bedürfnissen der Kinder entsprechen." Sie sollen eine Zukunft haben, die Möglichkeit gesund und gut ausgebildet in ihr Leben zu starten, auszubrechen aus der Hartz-IV-Welt. "Und auch ihre Kindheit ein bisschen genießen können", findet Karen Kovacs aus Niebüll. Zum Beispiel im Sportverein. Auf dem Land ein absolutes Muss, um dazuzugehören.

Die 40-Jährige wohnt mit ihrem Lebensgefährten zusammen in einer Patchwork-Familie: Drei Kinder stammen von ihr, eines hat er aus erster Ehe mitgebracht. Und obwohl er Vollzeit arbeitet, reicht das Geld nicht aus. "Simon (12) und Lucian (15) bekommen seit Jahren staatliche Zuwendungen", berichtet die Mutter. Doch weil der Lebensgefährte Geld in die Bedarfsgemeinschaft bringe, werde "von dieser Hilfe alles mögliche abgezogen". So bleibt am Ende kaum Geld für ein neues Paar Bolzer, für die Teilnahme an einem Zeltlager oder Fahrten zum leiblichen Vater. Alles Dinge, die Jungs brauchen. "Und jedenfalls die Kindergelderhöhung hätte man uns lassen können." So aber habe sie das Gefühl, dass die ganze Familie für die Berufstätigkeit "beinahe bestraft" würde. Ein Anreiz zu arbeiten sei das nicht gerade.

Was erhofft sich Karen Kovacs vom heutigen Richterspruch? "Dass künftig jedenfalls die das Kindergeld bekommen, die es am nötigsten brauchen." Die Kinder aus Hartz-IV -Familien.

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Leserkommentare

 
KARL-HEINZ LENZ 09.02.2010 10:16
schön wäre es -aber

Natürlich wäre es schön, wenn alle mehr Stütze bekommen würden. Man sollte aber auch sagen, wer das alles bezahlen soll. Natürlich die Reichen ist immer die Antwort. Wer ist aber reich? Oder wir rechnen einfach mal nach. Wenn jeder Bundesbürger jeden Tag einen Euro bekommen soll, dann müssen jeden Tag 82 Millionäre vollständig enteignet werden. Und wie viele haben wir davon? Außerdem vernichtet man mit der Enteignung natürlich auch alle Arbeitsplätze. Für die Linkspartei noch einer drauf: Ihr behauptet dann immer, dass wir sie ja gar nicht vollständig enteignen wollen. Bei halber Enteignung braucht man aber schon 164 Millionäre täglich für wohlgemerkt nur einen Euro am Tag. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Derjenige, der so blöd ist und arbeitet - der zahlt das alles. Jede andere Rechnung ist und bleibt verlogen. kalle von kalleskoppel.de

CHRISTIAN MATT 09.02.2010 11:41
Spenden

Die Reporterin @Anette Asmussen hat vergessen, die Kontonummern der ach so Bedürftigen mitzuteilen. Mir sind vor Rührung fast die Tränen gekommen, so schäme ich mich.
Ich rauche nicht, trinke nicht, arbeite jeden Monat etwa 180 Std. und kann mir tatsächlich noch so ca. 10.- € pro Monat sparen, wenn ich alles bezahlt habe, wie Miete, Strom, Versicherung, GEZ usw.
Dies Geld würde ich gerne den bedürftigen Harzt IV Leuten spenden, damit sie sich noch 'ne Pulle Schluck oder 'n paar Ziggis aus dem Automaten ziehen können, dann kann man leichter die Zeit überbrücken.
An so einem erzwungenen Sozialsystem ist der schwedische Staat in den 70er Jahren fast bankrott gegangen.

ANDRE SCH 09.02.2010 12:07
@Christian Matt

Vorweg erstmal-ich arbeite 190 Stunden im Monat!
Boah -so viel dumme Verallgemeinerung -da wundert es mich wirklich das Sie noch in Arbeit sind-aber bester Freund des Chefs denke ich mal-was der vorquatscht wird gemacht,ob es stimmt ,oder nicht?
Ich bin wirklich entsetzt über so viel Unwissenheit und Dummheit hier zu Lande-alles wird übernommen und weitergeplappert ohne nachgeprüft zu werden und ohne über den Tellerrand zu schauen-aber ganau das ist es ja was unsere Volksverdummer in Berlin wollen.
In Hartz4 ist man schneller drin ,als einem lieb ist-selbst mit einem Geringverdienst muß man aufstocken-als was zählt man ?-richtig als Hartz4-Empfänger!
Und letztendlich mal ehrlich gesagt ,wie schaut es auf dem Arbeitsmarkt aus?-na mal Zeitung gelesen ,oder etwas von Wirtschaftskrise gehört,oder wie viele Firmen in den letzten Monaten pleite gegangen sind-wie viele Menschen dadurch arbeitslos geworden sind und nach spätestens 6 Monaten Hartz4 bekommen-wenn sie Kinder haben noch viel früher?
Wohl nicht ,da schnappt man lieber das auf ,was man hört-gelle?-ist ja auch einfacher als Nachdenken und das Gehirn einzuschalten !

ANDRE SCH 09.02.2010 12:24
@Christian Matt

übrigends bald schließt hier in Schleswig-Holstein ein großes Chemiewerk (Dystar in Brunsbüttel)seine Tore-dort werden 125 Menschen arbeitslos-nach Ihrer Ansicht wären diese Opfer der Wirtschaftskrise spätestens nach einem Jahr auch alle "Alkis und Kettenraucher"?- so viel zu Ihrem Informationsstand!

CHRISTIAN MATT 09.02.2010 16:54
Noch mehr Kohle

Ich habe nie behauptet dass alle Hartzter Alkis sind. Das unterstellen Sie hier einfach. Ich kann mir auch schon selbst eine Meinung bilden, dafür benötige ich keinen Chef oder einen Schreiberling hier.
Sicher kann die Arbeitslosigkeitt viele Menschen treffen, der Anreiz aber, sich selbst intensiv um neue Arbeit zu bemühen ist durch die Regelsätze vom derzeitigen Hartz IV nicht sehr hoch, und deswegen hätte ich gerne meine letzten 10.- € einem Bedürftigen gespendet.

ANDRE SCH 09.02.2010 18:25
@ Christian Matt

Ich denke mal an den Lohnhöhen ist unser Staat schuld-ein fester Stundenlohn unter dem Niveau von 10 Euro sollte nicht länger hingenommen werden .
Da wir nun einmal einen Sozialstaat haben ,muß halt auch die Politik für die Arbeitslosigkeit und deren Auswirkungen verantwortlich gemacht werden und nicht die Hartz4-Empfänger .
Und was Ihre Entschuldigung angeht ,sie hätten nicht alle Hartz4-Empfänger als ALKIS bezeichnet -steht oben aber anders-nämlich ganau so-hier noch mal zum nachlesen:
Dies Geld würde ich gerne den bedürftigen Harzt IV Leuten spenden, damit sie sich noch 'ne Pulle Schluck oder 'n paar Ziggis aus dem Automaten ziehen können, dann kann man leichter die Zeit überbrücken.



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