SCHLESWIG-HOLSTEIN
Hartz-IV für Kinder
"Es geht nicht ums Geld, sondern um Gerechtigkeit"
Warten auf Lebensmittel: Für 63.385 Kinder, die in Schleswig-Holstein Hartz IV bekommen, oft eine Selbstverständlichkeit. Foto: Dewanger
Flensburg / Niebüll. Nein, beschweren will sich Alexandra Kaiser nicht. Schmal und etwas blass steht die 39-jährige Mutter mit ihrer kleinen Tochter Vanessa vor der Flensburger Tafel. Ein bisschen Obst und Gemüse möchte sie hier holen, Lebensmittel, vielleicht einen Blumenstrauß - etwas Buntes in der trostlosen Winterkälte.
"Der Staat kann ja nichts dafür", sagt sie. Dafür, dass sie als gelernte Einzelhändlerin seit der Geburt ihrer Tochter keinen Job mehr findet. Dafür, dass inzwischen auch ihr Mann ALG II-Leistungen bezieht und auf der Suche nach einem neuen Arbeitsplatz ist.
Reichen 215 Euro für Vanessa?
"Aber wissen Sie, wie das ist, wenn man den ganzen Tag zu Hause sitzt, wenn man gern arbeiten möchte und einem die Decke auf den Kopf fällt?" Nicht schön ist das. Doch beklagen will sich die junge Frau nicht, sondern das Beste aus ihrer Situation machen. Denn: Immerhin gebe es die Unterstützung durch Hartz IV, sagt sie. Und: Es gibt die kleine Vanessa. Dreieinhalb Jahre ist das Mädchen alt, guckt mit wachen Augen hinter ihrer runden Kinderbrille hervor und erklärt stolz: "Ich gehe in den Kindergarten." Als Kindergartenkind bekommt Vanessa 215 Euro monatlich. Das ist der Hartz-IV-Regelsatz. Reicht dieses Geld für eine vernünftige Erziehung aus?
"Naja" - der Mutter fällt es offensichtlich nicht leicht, kritische Töne anzuschlagen. Natürlich will sie das Beste für ihr Kind. Natürlich soll Vanessa den Start in ein Leben bekommen, in dem sie nicht auf Sozialleistungen angewiesen ist. Doch dafür reichen - Hand aufs Herz - 215 Euro nicht aus. Nicht einmal für ein Kindergartenkind: Da sind die regelmäßigen Ausgaben für Lebensmittel und Kleidung. Die Kleine soll nicht krank werden, braucht warme Sachen, gutes Schuhwerk und gesunde Nahrung. "Und man will ja auch nicht wie ein Mensch dritter Klasse behandelt werden", sagt Alexandra Kaiser. Sie selbst hat das oft erfahren. Bei der Arbeitssuche, wenn einem nicht einmal mehr eine Absage erteilt wird. "Einfach nach dem Motto: Irgendwann wird sie schon merken, dass wir sie nicht wollen. Dabei ich habe mir doch Mühe gegeben. Aus welchem Grund diese Nichtachtung?"
Essensgeld, Brille, Kleider
Diese Nichtachtung, die ihre Tochter nicht zu spüren bekommen soll. Deshalb bekommt die Kleine günstige, aber hübsche Kleidung. Auch das Essensgeld, das sie für den Kindergarten braucht, bezahlen die Eltern. Und die Brille, die dem wachsenden Kinderkopf ständig neu angepasst werden muss, ist selbstverständlich - trotz teurer Zuzahlungen. "Wir machen das gerne." Aber es kostet Geld, oft genug das Geld, das die Eltern selbst bekommen.
So ist die Ebbe in der Haushaltskasse der ständige Familien-Begleiter. Jetzt gerade habe es auch noch eine Verzögerung bei der Auszahlung ihrer Grundsicherung gegeben, berichtet Alexandra Kaiser. Das Konto ist leer. Ihr bleibt heute nichts anderes übrig, als sich in die Schlange vor die Lebensmittelausgabe der Tafel zu stellen, soll etwas zu essen auf den Tisch der Familie kommen.
Drei Stunden Schlange stehen
Dort steht auch - wie häufig - Beate Mertel. Bis zu eine Stunde wartet sie darauf, dass sie an die Reihe kommt. Drei Kinder hat sie. Die beiden Ältesten sind mit 18 und 20 Jahren "aus dem Gröbsten raus". Aber: "Michaela ist erst elf Jahre alt. Die hat noch alles vor sich."
Als Schülerin von Hartz IV zu leben, wie ist das? Die Tochter schüttelt den Kopf. Dazu will sie sich nicht äußern. Mutter übernimmt. "Um es deutlich zu sagen: Wir sind angewiesen auf die Tafel, auf kostenlose Lebensmittel und Klamotten aus der Kleiderkiste." Aber auch Beate Mertel beschwert sich nicht. Sie stellt die Situation sachlich dar: "Wir sparen, wo wir können. Michaela trägt die Kleidung ihrer großen Schwestern auf. Marken-Krams gibt es nicht, kennen wir nicht einmal. Die Kleine ist jetzt mit dem zwölf Jahre alten Schulranzen ihrer Geschwister unterwegs. Musikunterricht oder Sportverein gibt es nicht und Ferien haben wir noch nie gemacht."
Gerechtigkeit heißt Sportverein
Und wie steht es mit Klassenfahrten? Die, räumt Beate Mertel ein, gibt es. Auch sie will ihren Kindern Ausgrenzung ersparen. Was erwartet sie vom Gericht in Karlsruhe, das heute über die Hartz-IV-Regelsätze für Kinder entscheidet? "Gerechtigkeit. " Gerechtigkeit - heißt das mehr Geld? "Nein. Das heißt, dass ich erwarte, dass die Sätze den Bedürfnissen der Kinder entsprechen." Sie sollen eine Zukunft haben, die Möglichkeit gesund und gut ausgebildet in ihr Leben zu starten, auszubrechen aus der Hartz-IV-Welt. "Und auch ihre Kindheit ein bisschen genießen können", findet Karen Kovacs aus Niebüll. Zum Beispiel im Sportverein. Auf dem Land ein absolutes Muss, um dazuzugehören.
Die 40-Jährige wohnt mit ihrem Lebensgefährten zusammen in einer Patchwork-Familie: Drei Kinder stammen von ihr, eines hat er aus erster Ehe mitgebracht. Und obwohl er Vollzeit arbeitet, reicht das Geld nicht aus. "Simon (12) und Lucian (15) bekommen seit Jahren staatliche Zuwendungen", berichtet die Mutter. Doch weil der Lebensgefährte Geld in die Bedarfsgemeinschaft bringe, werde "von dieser Hilfe alles mögliche abgezogen". So bleibt am Ende kaum Geld für ein neues Paar Bolzer, für die Teilnahme an einem Zeltlager oder Fahrten zum leiblichen Vater. Alles Dinge, die Jungs brauchen. "Und jedenfalls die Kindergelderhöhung hätte man uns lassen können." So aber habe sie das Gefühl, dass die ganze Familie für die Berufstätigkeit "beinahe bestraft" würde. Ein Anreiz zu arbeiten sei das nicht gerade.
Was erhofft sich Karen Kovacs vom heutigen Richterspruch? "Dass künftig jedenfalls die das Kindergeld bekommen, die es am nötigsten brauchen." Die Kinder aus Hartz-IV -Familien.
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