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Chronik 1989

Die Wende - der Lauf der Ereignisse

17. Juni 2009 | 09:44 Uhr | Von sh:z

Nichts gibt mitunter einen besseren Einblick in das Geschehen als die Wiedergabe der Fakten. In unserer Chronik zeichnen wir das Jahr 1989 nach:

1. Januar: In der DDR tritt eine neue Reiseverordnug in Kraft, die den Bürgern erweiterte Möglichkeiten für Privatreisen in den Westen sowie zur Ausreise gibt.

9.-11. Januar: Muster für das Jahr 1989: Die Flucht von 20 DDR-Bürgern in die Ständige Vertretung der Bundesrepublik in Ost-Berlin endet mit der Zusicherung der Ausreise.

19. Januar: DDR-Staats- und Parteichef Erich Honecker verkündet: "Die Mauer wird in 50 und auch in 100 Jahren noch stehen, wenn die dazu vorhandenen Gründe nicht beseitigt sind."

28. Januar: In Polen einigen sich die Gewerkschaft Solidarnosc und die Warschauer Regierung auf Verhandlungen am Runden Tisch.

6. Februar: In Warschau kommen erstmals 57 Vertreter von Regierung, Opposition und katholischer Kirche am Runden Tisch zusammen. Am selben Tag  erschießen DDR-Grenzsoldaten den 20-jährigen Chris Gueffroy bei dem Versuch, von Ost- nach West-Berlin zu flüchten.

11. Februar: Die Kommunistische Partei Ungarns verzichtet auf ihr in der Verfassung festgeschriebenes Machtmonopol.

12. Februar: Der deutsch-deutsche Kulturaustausch trägt Früchte. Erstmals werden 220 Werke des in Wedel geborenen und später in Mecklenburg-Vorpommern lebenden Künstlers Ernst Barlach aus Ost und West zusammengetragen. Die Ausstellung wird im Landesmuseum in Schleswig  gezeigt.

15. Februar: Die letzten sowjetischen Truppen, die seit 1979 Afghanistan besetzt hielten, ziehen ab.

23. Februar: In Belgrad beschließt das Parlament der jugoslawischen Teilrepublik Serbien eine Verfassungsänderung: Die Autonomie der serbischen Provinzen Kosovo und Vojvodina wird stark beschnitten. In der Folge kommt es in beiden Gebieten zu ethnisch motivierten Protesten gegen die Regierung in Belgrad. Die Auseinandersetzungen sind erste Vorboten der Jugoslawien-Kriege zu Beginn der 90er Jahre.

6. März: In Wien beginnen west-östliche Verhandlungen über konventionelle Rüstung in Europa. Teilnehmer sind die 35 Staaten der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE).

18. März: Der gestürzte Moskauer Parteichef und Politbüro-Kandidat Boris Jelzin kündigt vor 10.000 Zuhörern in Moskau die Fortsetzung seines Kampfes für radikale Reformen an.

23.-29. März: Proteste und gewaltsame Ausschreitungen im Kosovo mit mehr als 20 Toten, Feiern in Belgrad. Hintergrund sind von Serbien durchgesetzte Verfassungsänderungen, die die Autonomie des Kosovo innerhalb Jugoslawiens stark eingeschränken.

25. März: In Riga, der Hauptstadt der Sowjetrepublik Lettland, gedenken 300.000 Menschen mit einem Schweigemarsch der Opfer der stalinistischen Deportationen nach dem Weltkrieg.

26. März: Bei den Wahlen zum sowjetischen Volksdeputiertenkongress können sich die Bürger erstmals zwischen mehreren Kandidaten entscheiden. KPdSU-Chef Michail Gorbatschow erhofft sich davon eine neue Machtbasis. Der Kongress wählt ihn später zum Staatspräsidenten.

1. April: In der DDR tritt eine neue Reiseverordnung in Kraft, die es Ehepartnern erstmals ermöglicht, angeheiratete Verwandte im Westen gemeinsam zu besuchen. Hamburg und Kiel werden in den kleinen Grenzverkehr einbezogen.

3. April: Generaloberst Fritz Streletz informiert führende Militärs über die von SED-Staats- und Parteichef Erich Honecker mündlich ergangene Aufhebung des Schießbefehls für die DDR-Grenztruppen.

5. April: In Polen unterzeichnen Regierung und Opposition am Runden Tisch einen "Gesellschaftsvertrag" über politische und wirtschaftliche Reformen.

8. April: Am Grenzübergang Chausseestraße beendet der letzte bekanntgewordene Schusswaffengebrauch an der Berliner Mauer den Fluchtversuch von zwei Jugendlichen.
In der georgischen Hauptstadt Tiflis kommt es zu nationalistischen Unruhen. Demonstranten fordern den Austritt Georgiens aus der UdSSR.

17. April: Die polnische Gewerkschaft Solidarnosc wird nach jahrelanger Untergrundarbeit wieder legalisiert.

22. April: In Peking demonstrieren Studenten für das Recht, die Staats- und Parteiführung kritisieren zu dürfen.

30. April: Die britische Premierministerin Margaret Thatcher trifft in Bonn Bundeskanzler Helmut Kohl. Sie warnt vor einem Machtzuwachs Deutschlands.

2. Mai: Ungarn beginnt mit dem Abbau der Grenzbefestigungen zu Österreich.

7. Mai: Bei den Kommunalwahlen in der DDR entfallen nach offiziellen Angaben 98,8 Prozent der Stimmen auf die Kandidaten der Einheitslisten. Von Oppositionellen werden allerdings zum ersten Mal Kontrollen vorgenommen. Sie stellen  vielerorts Wahlfälschungen fest  und machen diese öffentlich.

15. Mai: Nach 30 Jahren findet zum ersten Mal ein sowjetisch-chinesischer Gipfel statt. Der Besuch von Kremlchef Michail Gorbatschow in Peking wird von Studentenprotesten begleitet. Die Demonstranten fordern die Übernahme der Perestroika durch China.

18. Mai: Der Oberste Sowjet in Litauen erklärt das Land für unabhängig. Der Zusammenhalt des Vielvölkerreiches UdSSR wird immer brüchiger.

25. Mai: In der UdSSR wird Parteichef Michail Gorbatschow vom neu geschaffenen Kongress der Volksdeputierten zum Präsidenten gewählt.

4. Juni: In Peking richtet das chinesische Militär ein Blutbad unter Studenten an, die seit Wochen auf dem Platz des Himmlischen Friedens für mehr Demokratie demonstrieren.  Dem Massaker schließt sich eine Verfolgungswelle an.

4. Juni: Bei den polnischen Parlamentswahlen sind erstmals Oppositionsparteien zugelassen. In der Abstimmung erringen sie sämtliche frei gewählten Mandate. 65 Prozent der Sitze bleiben allerdings den Kommunisten vorbehalten. Dennoch ebnet die Wahl den Weg für die erste nichtkommunistische Regierung unter Tadeusz Mazowiecki.

8. Juni: In einer Stellungnahme bewertet die DDR-Volkskammer das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking als "Niederschlagung einer Konterrevolution" und zeigt Verständnis für den Einsatz des Militärs.

12. bis 15. Juni: Der sowjetische Staats- und Parteichef Gorbatschow wird bei seinem Staatsbesuch in Bonn von der Bevölkerung mit großem Jubel empfangen. Vor seinem Abflug erklärt er: "Die Mauer kann wieder verschwinden, wenn die Voraussetzungen entfallen, die sie hervorgebracht haben."

13. Juni: In Ungarn nehmen Vertreter der Regierung und der Opposition Gespräche am Runden Tisch auf.

27. Juni: In einem symbolischen Akt zerschneiden der ungarische Außenminister Gyula Horn und sein Wiener Kollege Alois Mock bei Sopron den Stacheldrahtzaun an der gemeinsamen Grenze. In der DDR löst dies einen Flüchtlingsstrom nach Ungarn aus.

7. Juli: Der sowjetische Staatschef Michail Gorbatschow rückt von der sogenannten Breschnew-Doktrin  ab und gesteht jedem sozialistischen Staat seine eigene Entwicklung zu.

17. Juli: Ungarn beginnt mit dem systematischen Abbau seiner Grenzanlagen.

19. Juli: In Polen wird der Chef der Kommunistischen Partei, General Wojciech Jaruzelski, aufgrund eines Kompromisses mit der Opposition zum Staatspräsidenten gewählt.

27. Juli: Laut Beschluss des Obersten Sowjet in Moskau erhalten die drei baltischen Sowjetrepubliken Estland, Lettland und Litauen ab 1990 weitgehende wirtschaftliche Autonomie.

1. August: Die Zeitungen und Zeitschriften des Axel Springer-Verlages verzichten ab sofort auf die höchst umstrittenen Anführungszeichen bei der Nennung der DDR. Auf Anweisung des im September 1985 gestorbenen Verlegers Axel Springer hatte damit der provisorische Charakter des zweiten deutschen Staates verdeutlicht werden sollen.

13. August: Die Bonner Botschaft in Budapest muss wegen Überfüllung geschlossen werden. Von dort wollen 180 DDR-Bürger ausreisen.

14. August: DDR-Staats- und Parteichef Erich Honecker erklärt in einer Rede: „Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf.“

19. August: Im westungarischen Sopron kommt es zur größten Massenflucht von DDR-Bürgern seit dem Mauerbau. Etwa 900 Menschen nutzen das „Paneuropäische Picknick“ zur Flucht über die grüne Grenze nach Österreich.

22. August: Die Botschaft der BRD in Prag wird wegen Überfüllung geschlossen.

23. August: Zwei Millionen Menschen demonstrieren mit einer Kette zwischen Vilnius und Tallinn für die Unabhängigkeit der baltischen Staaten.

24. August: In Polen wird Tadeusz Mazowiecki zum ersten nichtkommunistischen Regierungschef eines Warschauer-Pakt-Staates gewählt.

3. September: In der Lübecker Bucht erreicht der letzte DDR-Bürger, der eine Flucht über die Ostsee riskiert, nach 20 Stunden westdeutsches Festland.

4. September: Auftakt zu den "Montagsdemos": An das Friedensgebet in der Leipziger Nikolaikirche schließt sich eine Demonstration für „offene Grenzen, Versammlungsfreiheit und Vereinigungsfreiheit“ an. 

10. September: In Ost-Berlin wird der Gründungsaufruf der Bürgerrechts-Initiative Neues Forum veröffentlicht.

10./11. September: Ungarn öffnet in der Nacht ohne Absprache mit der SED-Führung seine Grenzen für DDR-Ausreisewillige. 

22. September:  Angesichts von immer mehr Demonstrationen im Land fordert DDR-Staats- und Parteichef Erich Honecker in einem Fernschreiben an die SED-Bezirksleitungen, „feindliche Aktionen“ im Keim zu und die „Organisatoren konterrevolutionären Tätigkeit“ zu isolieren.

30. September: In der Prager Botschaft eröffnet Außenminister Hans-Dietrich Genscher den mittlerweile fast 7000 Flüchtlingen, dass ihnen die SED-Führung die Ausreise über DDR-Territorium in die Bundesrepublik zugesagt habe. Auch die rund 800 Botschaftsflüchtlinge in Warschau erhalten die Genehmigung, mit  der DDR-Reichsbahn nach Westen auszureisen.

4. Oktober: In Prag beginnt die Ausreise von weiteren etwa 7600 DDR-Bürgern in Sonderzügen über das DDR-Gebiet. Am Dresdner Hauptbahnhof versuchen rund 5000 Menschen, sich Zugang zu den Flüchtlingszügen zu verschaffen. Die Sicherheitskräfte gehen mit Schlagstöcken und Wasserwerfern vor. Aus dem Widerstand entwickeln sich die schwersten gewaltsamen Auseinandersetzungen in der DDR seit dem 17. Juni 1953.

7. Oktober: Mit einer Militärparade feiert die SED-Führung in Ost-Berlin das 40-jährige Bestehen der DDR. Unter den Gästen ist auch der sowjetische Staatschef Michail Gorbatschow. Er mahnt die SED-Führung: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“

9. Oktober: "Tag der Entscheidung" in Leipzig: Im Anschluss an das Montagsgebet in der Nikolaikirche demonstrieren erstmals über 70000 Menschen für politische Reformen. Das befürchtete Blutbad bleibt aus. In den folgenden Tagen zeigt sich die DDR-Führung dialogbereit.

16. Oktober: An der bislang größten Demonstration in der DDR seit dem Aufstand vom 17. Juni 1953 beteiligen sich in Leipzig 120000 Menschen.

18. Oktober: Das SED-Zentralkomitee tagt. Staats- und Parteichef Erich Honecker wird „auf eigenen Wunsch“ von allen Ämtern entbunden. Nachfolger wird Egon Krenz, der in einer TV-Ansprache  eine „Wende“ ankündigt.

24. Oktober: Die Volkskammer wählt SED-Chef Egon Krenz bei 26 Gegenstimmen und 26 Enthaltungen zum Staatsratsvorsitzenden.

30. Oktober: Erneut beteiligen sich Hunderttausende in Leipzig an der wöchentlichen Montagsdemonstration. Das DDR-Fernsehen berichtet erstmals in einer Live-Sendung.

4. November: Die Ost-Berliner Innenstadt erlebt die größte nicht-staatliche Demonstration in der DDR-Geschichte mit nahezu einer Million Teilnehmern.

6. November: DDR-Medien veröffentlichen den Entwurf eines Reisegesetzes. Danach kann jeder Bürger der DDR für maximal 30 Tage pro Jahr ins Ausland reisen, sofern er dies beantragt und eine Genehmigung erhält. Der Entwurf stößt auf heftige öffentliche Kritik. Am Abend kommt es zur bislang größten Protestwelle im Land. In Leipzig beteiligen sich über 200.000 Menschen an der Montagsdemonstration.

9. November: Der Sprecher des SED-Zentralkomitees, Günter Schabowski, teilt auf einer Pressekonferenz mit, dass der DDR-Ministerrat eine Reiseregelung beschlossen habe, die eine kurzfristige Erteilung von Visa ohne Voraussetzungen vorsieht. Noch am selben Abend strömen Tausende in Ost-Berlin zu den Grenzübergängen, die schließlich geöffnet werden. Die Mauer ist gefallen.

10. November: In West-Berlin feiern Hunderttausende den Fall der Mauer.

13. November: Nach Abberufung des amtierenden Ministerrates wählt die Volkskammer den SED-Bezirkschef von Dresden, Hans Modrow, der als „Reformkommunist“ gilt, zum neuen Ministerpräsidenten.

17. November: "Samtene Revolution" in der Tschechoslowakei: Studenten und Schauspieler streiken, in Prag kommt es zu Massendemonstrationen.

19. November: Trotz reger Reisewelle und in Aussicht gestellter Reformen kommt es überall in der DDR zu Demonstrationen und Protesten. In Dresden fordern 70000 Menschen freie Wahlen und das Ende der SED-Herrschaft.

22. November: Die SED-Führung erklärt sich auf Drängen der Opposition zu Gesprächen über die Zukunft des Landes an einem zentralen Runden Tisch bereit. Das erste Treffen wird für den 7. Dezember anberaumt.

28. November: Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) schlägt im Bundestag in Bonn in einem Zehn-Punkte-Programm zur Überwindung der deutschen Teilung die Bildung einer deutsch-deutschen Konföderation vor.

1. Dezember: Die Volkskammer in Ost-Berlin beschließt, die „führende Rolle“ der SED aus der Verfassung der DDR zu streichen.

4. Dezember: In Erfurt dringen aufgebrachte Menschen in die ehemalige Dienststelle des Ministeriums für Staatssicherheit ein, um zu verhindern, dass Stasi-Akten als Beweismaterial vernichtet werden.

6. Dezember: Egon Krenz tritt als DDR-Staatsratsvorsitzender zurück.

7. Dezember: Im Ost-Berliner Dietrich-Bonhoeffer-Haus tritt der Zentrale Runde Tisch der DDR zu seiner ersten Sitzung zusammen. Das Gremium mit Vertretern der Opposition, der SED und der Blockparteien entwickelt sich zu einer Art Nebenregierung.

8. Dezember: Die SED kommt  in Ost-Berlin zu einem Sonderparteitag zusammen. Nach kontroverser Debatte lehnen die Delegierten die Auflösung der Partei ab und wählen Gregor Gysi zum Parteivorsitzenden. Die SED benennt sich wenig später in PDS um.

19. Dezember: Bundeskanzler Helmut Kohl trifft zu Gesprächen mit DDR-Ministerpräsident Hans Modrow in Dresden zusammen. Kohl wird vor der Ruine der Frauenkirche von der Bevölkerung umjubelt.

22. Dezember: In Berlin wird das Brandenburger Tor für Fußgänger geöffnet.

25. Dezember: In Rumänien wird der Diktator Ceausescu mit seiner Frau von einem Militärtribunal zum Tode verurteilt und sofort hingerichtet.

29. Dezember: Der Schriftsteller Vaclav Havel wird einstimmig zum neuen Staatspräsidenten der Tschechoslowakei gewählt.

31. Dezember: In Berlin feiern Hunderttausende eine rauschende „Silvesternacht der Einheit“.


 

Leserkommentare

 
MANFRED KISS 20.03.2009 15:48
Zeitenwende

Vom 20.-23.10.1989 besuchten meine Frau und ich zusammen mit einem befreundeten Ehepaar Freunde in Prag.Während einer Stadtbesichtigung kamen wir auch zur Deutschen Botschaft und unterhielten uns mit DDR-Flüchtlingen,die uns über ihr Schicksal (abenteuerliche Flucht etc.) berichteten.Uns wurden Telefonnummern von Verwandten durch den Zaun gegeben,die wir nach unserer Rückkehr in die BRD anrufen sollten,um mitzuteilen,dass sie es geschafft hatten. Danach gingen wir zu Fuß durch die Innenstadt Prag und wurden plötzlich von 2 jungen Frauen im sächsischen Dialekt angesprochen, sie wären mit ihren Männern, die sich versteckt hielten, aus der DDR geflohen und wollten in die Deutsche Botschaft. Sie machten einen äußerst ängstlichen Eindruck auf uns und fragten uns, wo denn die Botschaft sei und ob sie geöffnet hätte und ob sie von Polizisten kontrolliert werde. Wir beschrieben ihnen den Weg und gaben ihnen bereitwillig die erbetenen Auskünfte.
Den ganzen Tag beschlich uns das schlechte Gewissen,hier nicht genügend geholfen zu haben. Hätten wir Ihnen nicht mehr helfen müssen, indem wir mit Ihnen den Weg zur Botschaft gemeinsam gegangen wären ? Die Angst in ihren Augen war unübersehbar gewesen. Aber . . . wir waren ja Touristen, wollten von der schönen Stadt etwas sehen - kannten ja auch die Freiheit aus dem Westen und konnten uns schwer in deren Lage versetzen.
Als wir am Abend desselben Tages zu unserem Hotel zurückkamen, wurden wir vor dem Hotel von einem jungen Mann angesprochen, ob wir aus dem Westen seien (sah man offensichtlich an unserer Kleidung) und ob wir wüssten, wo die Deutsche Botschaft sei. Er war aus der DDR geflohen, käme aus Stralsund, war mit dem Zug in den Süden der DDR gefahren und hatte dort in einer Jugendherberge übernachtet. Dann sei er zu Fuß nachts - nur mit Kompass - durch die Wälder in Richtung Prag gelaufen. Wir nahmen ihn zunächst mit in unser Hotel, telefonierten mit der Deutschen Botschaft, um zu erfahren, ob sie noch geöffnet habe und DDR-Flüchtlinge aufnehme. Danach bestellten wir eine Taxe und fuhren mit dem Flüchtling (Name ist mir bekannt) durch das nächtliche Prag bis auf ca. 500 m an die Botschaft heran. Mit gewaltigen Herzklopfen näherten wir uns der Deutschen Botschaft, an vielen Polizisten/Soldaten - die versteckt in Häusernischen- bzw. Hauseingängen standen - vorbei, um ja nicht kontrolliert zu werden. Wir hatten nur das Ziel, den jungen Mann in die Botschaft zu bringen. Endlich hatten wir den Haupteingang erreicht, klingelten und übergaben den Flüchtling dem Botschaftspersonal. Nachdem er seinen DDR-Pass vorzeigte sagte der Botschafts- angehörige "Jetzt sind Sie zu Hause Herr S.". Wir verabschiedeten uns von ihm mit herzlicher Umarmung, kamen zu unseren Frauen (die verständlicherweise verängstigt im Hotel auf unsere Rückkehr warteten) zurück und haben dann bei einigen Pilsener Urquell unsere gute Tat gefeiert.
Vor allen Dingen aber haben wir an diesem jungen Mann das wiedergutgemacht, was wir mittags bei den beiden jungen Frauen versäumt hatten.
In derselben Nacht schrieb der DDR-Flüchtling in der Botschaft noch 2 Briefe - einen an seine im Westen wohnende Schwester, die zuvor aus der DDR geflüchtet war und einen an uns. In seiner Aufregung verwechselte er aber die Umschläge und somit erhielten wir den Brief an seine Schwester und erfuhren auch die Hintergründe seiner Flucht. In einem Telefonat bedankte er sich aber nochmals dafür, dass wir ihm spontan geholfen hatten.
Dies war für uns das einprägsamste Erlebnis der "Wende-Zeit".



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