zur Navigation springen
Anzeige

Anzeige
Anzeige

Rocker

17. September 2014 | 19:33 Uhr

"Hells Angels"-Halle : Fehlschlag - keine Leiche in Altenholz

vom

Herber Rückschlag im Kampf gegen die Rockerkriminalität: Die Suche nach einer einbetonierten Leiche in einer Lagerhalle der "Hells Angels" in Altenholz blieb erfolglos.

Altenholz/Kiel | Vergebliche Leichensuche: Spezialisten der Kriminalpolizei trugen in fast siebenwöchiger akribischer Arbeit eine Lagerhalle in Altenholz bei Kiel Stück für Stück samt Fundament komplett ab. Doch am Dienstag mussten Landeskriminalamt und Kieler Staatsanwaltschaft eingestehen, keine Überreste des seit mehr als zwei Jahren vermissten, vermutlich ermordeten Türken Tekin Bicer gefunden zu haben. Angeblich sollte Bicers Leichnam dort einbetoniert sein, hatte ein Rocker-"Aussteiger" der Staatsanwaltschaft gesagt.
Sein Wissen beruhte jedoch nach eigenen Angaben nur auf Hörensagen.
Der Flop von Altenholz versetzt dem Kampf gegen die Rockerkriminalität im Norden einen schweren Rückschlag. Die Kieler Staatsanwaltschaft konnte nicht umhin, beim örtlichen Amtsgericht die Aufhebung von Haftbefehlen gegen die Beschuldigten im Ermittlungsverfahren Bicer zu beantragen. Damit kommen zwei "Hells Angels" erst einmal wieder auf freien Fuß, darunter ein polnischer Rocker und ein Gleichgesinnter aus Hamburg. Fünf Mitglieder der verbotenen Kieler Höllenengel waren bei einer Groß-Razzia gegen Rockerkriminalität am 24. Mai verhaftet worden, eine sechste Festnahme erfolgte am 5. Juni in Polen.
Oberstaatsanwältin betrachtet das Geschehen nicht als Pleite
Am Tag der Groß-Razzia begann die Spurensuche in der Lagerhalle. "So musste zunächst die gesamte Halle ausgeräumt, der schwere Betonboden mit Spezial- und Großgerät abgetragen, später die Hallenaußenwände entfernt und sämtliches Erdreich teilweise bis nahezu zwei Metern Tiefe nach archäologischem Vorbild akribisch durchsucht werden", teilten die Ermittler mit. Auch kamen Leichenspürhunde zum Einsatz, die laut Polizei an verschiedenen Stellen angezeigt hatten. "Seit heute steht für die Ermittlungsbehörden fest, dass sich eine Leiche oder sterbliche Überreste im fraglichen Bereich nicht befinden", hieß es am Dienstag.
Als Pleite betrachtet Oberstaatsanwältin Birgit Heß das Geschehen dennoch aber "auf keinen Fall". "Es ist eine bedeutsame Spur im Ermittlungsverfahren abgearbeitet und die zunächst bestandenen Verdachtsmomente sind ausgeräumt worden", sagte Heß. Es komme immer wieder vor, dass Zeugenaussagen sich nicht bestätigten oder Spuren nicht zielführend seien. "Die Staatsanwaltschaft setzt ihre Ermittlungen energisch fort, den Sachverhalt um Tekin Bicer endlich aufzuklären."
Behörden schützen Hauptbelastungszeugen
Noch sei unklar, was wirklich passierte und der vermutete Tod Bicers nicht nachgewiesen. Der 2010 in Kiel spurlos verschwundenen Türke - er war damals 47 Jahre alt - soll wegen Drogengeschäften mit den "Hells Angels" aneinandergeraten sein. Der Hauptbelastungszeuge der Staatsanwaltschaft hatte ausgesagt, Bicer sei in einem früheren Trafo-Häuschen von Hells Angels in Kiel gefoltert und erschossen worden. Die Leiche sei dann im Fundament der Lagerhalle in Altenholz versteckt worden. Grünes Licht für den Mord habe der einflussreiche Chef der Hells Angels in Hannover, Frank Hanebuth gegeben. Hanebuth hat dies energisch bestritten.
Die Sonderkommission "Rocker" des schleswig-holsteinischen Landeskriminalamtes schätzte den Zeugen als glaubwürdig ein. Viele Angaben hätten sich als richtig erwiesen, sagte ein führender Soko-Beamter kürzlich vor Gericht im Prozess gegen den "Aussteiger". Der hoffte wegen seiner Aussagebereitschaft auf ein mildes Urteil in seinem eigenen Verfahren - unter anderem wegen schwerer Körperverletzung und Menschenhandels zum Zweck der sexuellen Ausbeutung. Statt möglicher zehn Jahre erhielt der Ex-Rocker eine Haftstrafe von vier Jahren und vier Monaten. Die Behörden schützen den Mann, der wegen möglicher Racheakte als sehr gefährdet gilt.
Mafiöse Strukturen
Rockerkriminalität wurde lange verharmlost, das Klischee der Easy Riders auf ihren Motorrädern überlagerte oft die Realität. Mafiöse Strukturen bescheinigte die Polizei den "Hells Angels" und ihren Kontrahenten, den Bandidos. Waffenhandel, Drogendelikte, Menschenhandel, Zuhälterei, Erpressung und schwere Körperverletzung gelten als typische Straftaten.
Bei der Großrazzia am 24. Mai durchsuchten rund 1200 Polizisten insgesamt 89 Bordelle, Gaststätten und Wohnungen vor allem in Schleswig-Holstein, aber auch in Hamburg und Niedersachsen. GSG 9-Spezialkräfte seilten sich vom Hubschrauber über Hanebuths Anwesen ab. Insgesamt leitete die Staatsanwaltschaft Kiel im Kampf gegen die Rockerkriminalität fast 200 Ermittlungsverfahren ein oder führt solche Verfahren. Auch in Berlin und Brandenburg gab es kürzlich große Polizeieinsätze gegen Rocker. Mit angekündigten Selbstauflösungen haben inzwischen einige Hells Angels-Vereine, so etwa auch in Hannover, reagiert. Neugründungen der Vereine schließen Experten nicht aus.
Erste Ermittlungserfolge gegen Rockerkriminalität
Neben der vergeblichen Leichensuche in Altenholz hat die Kieler Staatsanwaltschaft am Dienstag auch erste Ermittlungserfolge gegen die Rockerkriminalität mitgeteilt. Am 24. Mai waren im Rahmen einer Groß-Razzia insgesamt 89 Bordelle, Gaststätten und Wohungen vor allem in Schleswig-Holstein, aber auch in Hamburg und Niedersachsen durchsucht worden. Dabei hatten die Einsatzkräfte Waffen, Geld der "Hells Angels" sowie zahlreiche Unterlagen beschlagnahmt.
Den Ermittlungen zufolge soll es eine "Rückerpressung" gegeben haben: Ein Angeklagter hatte in einem Prozess im Jahre 2010 sich bereiterklärt, einem drangsalierten Opfer 5000 Euro Schmerzensgeld zu zahlen. Dies Geld sei zurückerpresst worden. Diese Angaben des Hauptbelastungszeugen der Staatsanwaltschaft, eines Ex-Rockers, hätten sich "mit hinreichender Sicherheit bestätigt", teilten die Kieler Staatsanwaltschaft und das Landeskriminalamt mit. Im Juni seien Anklagen gegen Beschuldigte wegen räuberischer Erpressung erhoben worden.
"Erheblich vorangeschritten" seien auch die Ermittlungen in einer mutmaßlichen Serie von Versicherungsbetrug. So soll ein Beschuldigter mit einem damaligen Mitarbeiter einer Versicherung Schadensfälle fingiert haben, "um sich so eine fortlaufende Einnahmequelle zu verschaffen". Inzwischen stehe auch fest, dass bei der Groß-Razzia viele illegale Waffen beschlagnahmt worden seien.

Anzeige
Anzeige
zur Startseite

von
erstellt am 12.Jul.2012 | 08:32 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige

Nachrichtenticker