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Rocker

24. April 2014 | 07:50 Uhr

"Hells Angels"-Halle - Fehlschlag - keine Leiche in Altenholz

vom

Herber Rückschlag im Kampf gegen die Rockerkriminalität: Die Suche nach einer einbetonierten Leiche in einer Lagerhalle der "Hells Angels" in Altenholz blieb erfolglos.

Altenholz/Kiel | Vergebliche Leichensuche: Spezialisten der Kriminalpolizei trugen in fast siebenwöchiger akribischer Arbeit eine Lagerhalle in Altenholz bei Kiel Stück für Stück samt Fundament komplett ab. Doch am Dienstag mussten Landeskriminalamt und Kieler Staatsanwaltschaft eingestehen, keine Überreste des seit mehr als zwei Jahren vermissten, vermutlich ermordeten Türken Tekin Bicer gefunden zu haben. Angeblich sollte Bicers Leichnam dort einbetoniert sein, hatte ein Rocker-"Aussteiger" der Staatsanwaltschaft gesagt.
Sein Wissen beruhte jedoch nach eigenen Angaben nur auf Hörensagen.
Der Flop von Altenholz versetzt dem Kampf gegen die Rockerkriminalität im Norden einen schweren Rückschlag. Die Kieler Staatsanwaltschaft konnte nicht umhin, beim örtlichen Amtsgericht die Aufhebung von Haftbefehlen gegen die Beschuldigten im Ermittlungsverfahren Bicer zu beantragen. Damit kommen zwei "Hells Angels" erst einmal wieder auf freien Fuß, darunter ein polnischer Rocker und ein Gleichgesinnter aus Hamburg. Fünf Mitglieder der verbotenen Kieler Höllenengel waren bei einer Groß-Razzia gegen Rockerkriminalität am 24. Mai verhaftet worden, eine sechste Festnahme erfolgte am 5. Juni in Polen.
Oberstaatsanwältin betrachtet das Geschehen nicht als Pleite
Am Tag der Groß-Razzia begann die Spurensuche in der Lagerhalle. "So musste zunächst die gesamte Halle ausgeräumt, der schwere Betonboden mit Spezial- und Großgerät abgetragen, später die Hallenaußenwände entfernt und sämtliches Erdreich teilweise bis nahezu zwei Metern Tiefe nach archäologischem Vorbild akribisch durchsucht werden", teilten die Ermittler mit. Auch kamen Leichenspürhunde zum Einsatz, die laut Polizei an verschiedenen Stellen angezeigt hatten. "Seit heute steht für die Ermittlungsbehörden fest, dass sich eine Leiche oder sterbliche Überreste im fraglichen Bereich nicht befinden", hieß es am Dienstag.
Als Pleite betrachtet Oberstaatsanwältin Birgit Heß das Geschehen dennoch aber "auf keinen Fall". "Es ist eine bedeutsame Spur im Ermittlungsverfahren abgearbeitet und die zunächst bestandenen Verdachtsmomente sind ausgeräumt worden", sagte Heß. Es komme immer wieder vor, dass Zeugenaussagen sich nicht bestätigten oder Spuren nicht zielführend seien. "Die Staatsanwaltschaft setzt ihre Ermittlungen energisch fort, den Sachverhalt um Tekin Bicer endlich aufzuklären."
Behörden schützen Hauptbelastungszeugen
Noch sei unklar, was wirklich passierte und der vermutete Tod Bicers nicht nachgewiesen. Der 2010 in Kiel spurlos verschwundenen Türke - er war damals 47 Jahre alt - soll wegen Drogengeschäften mit den "Hells Angels" aneinandergeraten sein. Der Hauptbelastungszeuge der Staatsanwaltschaft hatte ausgesagt, Bicer sei in einem früheren Trafo-Häuschen von Hells Angels in Kiel gefoltert und erschossen worden. Die Leiche sei dann im Fundament der Lagerhalle in Altenholz versteckt worden. Grünes Licht für den Mord habe der einflussreiche Chef der Hells Angels in Hannover, Frank Hanebuth gegeben. Hanebuth hat dies energisch bestritten.
Die Sonderkommission "Rocker" des schleswig-holsteinischen Landeskriminalamtes schätzte den Zeugen als glaubwürdig ein. Viele Angaben hätten sich als richtig erwiesen, sagte ein führender Soko-Beamter kürzlich vor Gericht im Prozess gegen den "Aussteiger". Der hoffte wegen seiner Aussagebereitschaft auf ein mildes Urteil in seinem eigenen Verfahren - unter anderem wegen schwerer Körperverletzung und Menschenhandels zum Zweck der sexuellen Ausbeutung. Statt möglicher zehn Jahre erhielt der Ex-Rocker eine Haftstrafe von vier Jahren und vier Monaten. Die Behörden schützen den Mann, der wegen möglicher Racheakte als sehr gefährdet gilt.
Mafiöse Strukturen
Rockerkriminalität wurde lange verharmlost, das Klischee der Easy Riders auf ihren Motorrädern überlagerte oft die Realität. Mafiöse Strukturen bescheinigte die Polizei den "Hells Angels" und ihren Kontrahenten, den Bandidos. Waffenhandel, Drogendelikte, Menschenhandel, Zuhälterei, Erpressung und schwere Körperverletzung gelten als typische Straftaten.
Bei der Großrazzia am 24. Mai durchsuchten rund 1200 Polizisten insgesamt 89 Bordelle, Gaststätten und Wohnungen vor allem in Schleswig-Holstein, aber auch in Hamburg und Niedersachsen. GSG 9-Spezialkräfte seilten sich vom Hubschrauber über Hanebuths Anwesen ab. Insgesamt leitete die Staatsanwaltschaft Kiel im Kampf gegen die Rockerkriminalität fast 200 Ermittlungsverfahren ein oder führt solche Verfahren. Auch in Berlin und Brandenburg gab es kürzlich große Polizeieinsätze gegen Rocker. Mit angekündigten Selbstauflösungen haben inzwischen einige Hells Angels-Vereine, so etwa auch in Hannover, reagiert. Neugründungen der Vereine schließen Experten nicht aus.
Erste Ermittlungserfolge gegen Rockerkriminalität
Neben der vergeblichen Leichensuche in Altenholz hat die Kieler Staatsanwaltschaft am Dienstag auch erste Ermittlungserfolge gegen die Rockerkriminalität mitgeteilt. Am 24. Mai waren im Rahmen einer Groß-Razzia insgesamt 89 Bordelle, Gaststätten und Wohungen vor allem in Schleswig-Holstein, aber auch in Hamburg und Niedersachsen durchsucht worden. Dabei hatten die Einsatzkräfte Waffen, Geld der "Hells Angels" sowie zahlreiche Unterlagen beschlagnahmt.
Den Ermittlungen zufolge soll es eine "Rückerpressung" gegeben haben: Ein Angeklagter hatte in einem Prozess im Jahre 2010 sich bereiterklärt, einem drangsalierten Opfer 5000 Euro Schmerzensgeld zu zahlen. Dies Geld sei zurückerpresst worden. Diese Angaben des Hauptbelastungszeugen der Staatsanwaltschaft, eines Ex-Rockers, hätten sich "mit hinreichender Sicherheit bestätigt", teilten die Kieler Staatsanwaltschaft und das Landeskriminalamt mit. Im Juni seien Anklagen gegen Beschuldigte wegen räuberischer Erpressung erhoben worden.
"Erheblich vorangeschritten" seien auch die Ermittlungen in einer mutmaßlichen Serie von Versicherungsbetrug. So soll ein Beschuldigter mit einem damaligen Mitarbeiter einer Versicherung Schadensfälle fingiert haben, "um sich so eine fortlaufende Einnahmequelle zu verschaffen". Inzwischen stehe auch fest, dass bei der Groß-Razzia viele illegale Waffen beschlagnahmt worden seien.

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von Matthias Hoenig, dpa
erstellt am 12.Jul.2012 | 08:32 Uhr

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01. | Andreas Kreuz | 12.07.2012 | 05:14 Uhr
...

Dass das eine Nullnummer werden musste und nur ein paar Burger- oder Haustierüberreste gefunden werden würden, war schlichtweg jedem klar - selbst der Polizei! Jedoch beharrte man aus politischen Überlegungen darauf, "das Ding bis zum Ende durch(zu)ziehen".
Das, was durch immerhin 89 vorgenommene - mitunter schwerste - Eingriffe in Persönlichkeitsrechte an sog. "Beweismaterial" gefunden wurde, entbehrt bei genauer Betrachtung nicht nur einer gewissen Komik - es ist schlichtweg populistisch, lachhaft und sowieso überzogen!
Über die (Hinter-/Beweg-)Gründe, die für gewisse Kreise in diesem System diesbezüglich eine Rolle spielen, kann man nur mutmaßen (was hier zu weit führt).

Fakt bleibt für mich (jeden Tag auf's neue!): Ein "nicht legales" Aufbäumen, gegen nicht legitime Zustände, ist für mich kein Vergehen/Verbrechen! (Erweitert zu beachten: Art. 20 Abs 4 GG.)

02. | Pietatis | 11.07.2012 | 19:05 Uhr
@AXEL FRITZ SPETH

Auch OK muss man beweisen können. Und hier wurde einem Verbrecher Haftreduzierung für Anschuldigungen zugebilligt, die nun trotz gigantischem Aufwand nicht nachweisbar sind. Meine Sympathien für die HA sind ansonsten sehr begrenzt, aber ein Rechtsstaat kann nicht einfach Leben zerstören und handfestes vorweisen zu können. Das ist vielmehr ein Beispiel für Despotie!

Auch von den 200 Ermittlungsverfahren liest man jedes mal - nie aber von den Einstellungen. Wie bei der NSU, wo auch schon mehrere wild Beschuldigte wieder laufen gelassen werden mussten, da ausser einer Bekanntschaft (zumeist Zeltplatz) nichts Beweisbares vorgelegen hat. Wenn der Staat einen aber auf dem Kicker hat, schein selbst ein gemeinsamer Grillabend Grund genug für monatelange U-Haft zu sein, während bei messerstechenden Wiederholungstätern oftmals kein ausreichender Haftgrund vorliegt.

03. | Stefan Greve | 11.07.2012 | 15:08 Uhr
Schade

für die Hetzer und Verleumder das noch nach Faktenlage geurteilt wird und nicht nach Hörensagen!Ansonsten ist das schon komisch, ein Drogendealer, auf den ein Kopfgeld ausgesetzt sein soll, verschwindet und ist angeblich tot. Der geneigte Mensch kann sich seine Gedanken machen. Was die, ach sovielen, Ermittlungsverfahren und Anklagen angeht wäre es sehr interessant mal zu erfahren wievele davon wirklich zu einer Verurteilung führen!
Im übrigen finde ich es keineswegs als verherrlichend gleiche Recht auch für Rocker zu fordern
schönen Tag . . .

04. | Axel Fritz Speth | 11.07.2012 | 13:56 Uhr
Fehlschlag?

Mag ja sein, dass für dpa rund 200 Ermittlungsverfahren zu viel sind, um den Durchblick zu bewahren.
Hier ist lediglich ein Teilaspekt abgeklärt worden und vorhandene Spuren eines früheren menschlichen Wesens konnten nicht nachgewiesen werden. Dafür sind erste Anklagen in anderen Aspekten der rund 200 Ermittlungsverfahren erhoben worden. Wo ist das ein Fehlschlag.
Natürlich sind die Besserwisser und /oder "Verherrlicher" der HA als Teil der organisierten Kriminalität wieder obenauf, vielleicht ist es wirklich zu schwierig bei rund 200 Ermittlungsverfahren den Durchblick zu bewahren.
Auch ich denke, dass Leistungserschleicher und das Finanzamt betrügende Menschen, gleich welcher Herkunft, zu bestrafen sind. Mit den zusätzlichen Ersparnissen bzw. Einnahmen könnte man deutschen Mitbürgern vielleicht auch Kurse zur Verbesserung der deutschen Sprache in Wort und Schrift anbieten.

05. | Wir sind das Volk | 10.07.2012 | 23:00 Uhr
Weis nicht mehr wo gelesen, aber

erinnere mich, zuletzt war der Vermisste in sozusagend "freiheitsberaubender" Begleitung von 4 (türkischen) Hellsangels gesehen worden.

Wer das genau war, dürfte ja zu ermitteln sein. Und dann die einfache Frage, ob diese 4 Herren was mit jener Halle zu tun hatten. Und wenn nicht, und wenn die Vergrabung unter einem Bauwerk ansonsten eine sichere These ist, dann wäre eine Untersuchung von Bauten von jenen Kreisen wohl der nächste Schritt.

Allerdings kann ich mir nicht vorstellen, dass dort man wo man lebt, arbeitet oder betet, dass man dort eine Leiche verbuddelt.

Solche Beweise wie die einer Leiche, die läßt man doch bestimmt im Irgendwo verschwinden, falls es überhaupt eine Leiche gibt.

06. | Helmut Johannsen | 10.07.2012 | 21:43 Uhr
naja, Beton wird wohl mit im Spiel gewesen sein...

vermutlich wurden dem Opfer riesengroße Schuhe aus dem vom Hallenbau übrig gebliebenen Beton angefertigt. Und seitdem dümpelt er wahrscheinlich irgendwo damit auf dem Grund der Kieler Förde herum! Warum nicht diese Version?

07. | XANTHIPPE v. PUHVOGEL | 10.07.2012 | 20:35 Uhr
Rocker kommen frei

"HA" gleich "Rocker"? Wie es beliebt. Egal - ja, "die" sollte man loswerden, genau so, wie andere mafiöse Strukturen in diesem Land. Dazu gehört im weiteren Sinne auch die "Politik". Deren Selbstherrlichkeit und Volksferne ist doch schon fast sprichwörtlich.

"Der Blaumilchkanal" beschreibt übrigens die Poltik auch in diesem Land äußerst treffend!!!

08. | Heidmann karl | 10.07.2012 | 20:18 Uhr
Die Lagerhalle am Rande der Stadt

Diese Groteske erinnert an den Film
" Der Blaumilchkanal" nach einer Satire von e.Kishon.
Und die Soko "Abriss" wird am Nasenring durch die Manege geführt.

09. | Pietatis | 10.07.2012 | 19:56 Uhr
Rechtsstaat

Wie fühlen sich nun Staatsanwälte, Richter und Politiker, die aufgrund solcher Aussagen die Strafe gesenkt und Vereinsverbote ausgesprochen haben?

Vermutlich weiterhin im Recht. Man muss sich den Rechtsstaat halt nur so hinbiegen, dass er passt.... oder er bricht!

10. | B. Bödecker | 10.07.2012 | 18:20 Uhr
War klar

um zur Defamierung beizutragen.Was nicht passt, muss akribisch untersucht werden,um die alle loszuwerden.
DEer Staat sollte sich mal lieber um Leute kümmern, die von wo angereist kommen, hier Scheinfirmen gründen, um Wohng/Hartz 4 kassieren z können.Damit wäre em Steuerzahler geholfen.Und Fokus darauf gesetzt werden.Je mehr Geld gespart werden kann in unserem Staat, desto besser für Unsere Leute.Polizei,Sanitäter, KKhäuser etc.

11. | Hans Albers | 10.07.2012 | 16:29 Uhr
Außer Spesen...

nichts gewesen. Irgendwie auch ein wenig amüsant. Hat wirklich jemand geglaubt, ein nicht Hells Angel, egal wieweit er als Stricher Drecksarbeiten verrichten durfte, wäre denn wenn es so gewesen sein sollte, über derartiges informiert gewesen? Wozu? Um im Nachhinein eben diese Informationen nutzen zu können und die Bruderschaft zum Fall zu bringen? Es gilt das Gesetz des Schweigens, da weiht man nicht einfach irgendwelche Lümmel in Internes ein, geht gar nicht. Aber was das wieder alles kostet, gekostet hat, und wer es wohl zu bezahlen hat, ich glaub es nicht. Aber eines Glaube ich ganz sicher, hier wurde jemand gezielt verarscht und der Kampf gegen organisierte Rockerkriminalität ist noch lange nicht gewonnen. Die Hells Angels geben sich nicht geschlagen und vor allem geben sie nicht auf. Ich schätze hier ist gerade ein System dabei sich zu übernehmen, vielleicht sogar bis zum Leistenbruch. Und immer schön aufpassen im Dunkeln....

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