WIRTSCHAFT

 

"Charter der Vielfalt"

Migranten immer wichtiger für Firmen

31. August 2010 | Von Tanja Nissen

Niederegger setzt auf kulturelle Vielfalt: 125 der gut 700 Mitarbeiter haben einen Migrationshintergrund. So wie Emrah Baycuman (li.), 19, der einen türkischen Vater hat und bei dem Traditionsunternehmen gerade eine Ausbildung zum Fachlageristen macht. Kollege Christoph Modop, 21, dagegen hat peruanische Wurzeln und macht im Rahmen seines Studiums ein Praktikum in der Firma. "Da ich hier im Exportbereich gelandet bin, hatte ich durch meine Zweisprachigkeit eher Vorteile", sagt er. Foto: Staudt

Migranten sind angesichts des drohenden Fachkräftemangels zunehmend gefragt. Unternehmen in Schleswig-Holstein unterzeichnen "Charta der Vielfalt".

Kiel. Die Botschaft ist eindeutig: Migranten rücken angesichts des drohenden Fachkräftemangels immer stärker in den Fokus der Wirtschaft. Jetzt haben weitere Firmen in Schleswig-Holstein die "Charta der Vielfalt" unterzeichnet. Sie bekräftigen damit, dass sie die Einstellung von Mitarbeitern unterschiedlichen Alters, Geschlechts und unterschiedlicher Herkunft bewusst fördern wollen. Die bundesweite Initiative wurde bereits 2006 von großen Konzernen unter Schirmherrschaft von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) gestartet. Nach Informationen der Koordinationsstelle ist die Zahl der Unternehmen - die Teil dieses Netzwerkes sind - aber besonders in den vergangen Monaten stark angestiegen. Sie liegt inzwischen bei über 800.

In Schleswig-Holstein gehören nach dem Medizin- und Sicherheitstechnik-Hersteller Dräger, dem Flüchtlingsrat Schleswig-Holstein und der Campbell’s Germany GmbH jetzt auch der Elmshorner Einwandererbund, der Verkehrsverbund Hamburg-Holstein/ Pinneberger Verkehrsgesellschaft, der Paritätische Landesverband Schleswig-Holstein und nicht zuletzt das Lübecker Traditionshaus Niederegger zu den Unterzeichnern der Charta.

Zu den Gründen sagte Niederegger-Firmeninhaber Holger Strait: Als Exporteur in 40 Länder der Welt und Einkäufer von Rohstoffen rund um den Globus werde im Unternehmen längst eine Vielfalt gelebt. Der Betrieb sei zwar traditionell, aber weltoffen. Von den 700 Beschäftigten der Firma hätten 50 keinen deutschen Pass, 75 Mitarbeiter hätten inzwischen die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen. Vielfalt werde bei Niederegger als Chance gesehen, so Strait.

"Wenn wir uns die demographische Entwicklung ansehen, ist absehbar, dass die Zahl der Erwerbspersonen in Schleswig-Holstein bis 2025 um 70 000 zurückgeht", sagt Hans Joachim Beckers, Geschäftsführer der IHK zu Kiel. "Auf der anderen Seite haben wir einen wachsenden Anteil an Personen mit Migrationshintergrund, weil wir ein Zuwanderungsland sind." Von bundesweit rund 82 Millionen Menschen haben 15,6 Millionen einen Migrationshintergrund. Bei den unter Fünfjährigen betrage der Anteil über 34 Prozent, so Beckers. Das zeige, dass man sich schon unter quantitativen Gesichtspunkten Gedanken über Integration machen müsse. Leider gebe es trotz mancher Erfolge noch viel zu tun, sagt Beckers.

Handlungsbedarf sieht auch Rita Panesar von der Beratungs- und Koordinierungsstelle zur beruflichen Qualifizierung von jungen Migranten in Hamburg (BQM). Die Gründe, warum es für viele junge Migranten schwer ist, eine Lehrstelle zu finden, sind vielfältig. Sie reichen von fehlenden Sprachkenntnissen über einen schlechten Schulabschluss bis hin zu kulturellen Verständigungsschwierigkeiten, so Panesar. Zudem wüssten junge Migranten häufig nicht, was die Firmen von ihnen erwarten. Und: Die Einstellungstests vieler Betriebe seien nicht "kultursensibel". Durch sie würden zum Beispiel nicht interkulturelle Fähigkeiten - wie besondere Sprachkenntnisse von Bewerbern - deutlich. Die BQM hat unter anderem interkulturelle Einstellungsverfahren entwickelt. Zu ihren Aufgaben gehört auch die Vermittlung junger Migranten in Betriebe sowie Fortbildungen für Lehrer und andere Multiplikatoren.




 

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