SCHLESWIG-HOLSTEIN

 

Sinkende Preise

Obstbauern leiden unter Kampfpreisen

27. Juli 2010 | Von Tanja Nissen

Apfel ist nicht gleich Apfel - die Qualität des Obstes wird unter anderem durch Größe und Farbe bestimmt. Foto: obs/Äpfel aus Deutschland

Landwirte sprechen von Preisvorgaben durch den Handel. Doch der Handelsverband weist Vorwürfe zurück: Niedrigpreise lägen am Überangebot.

Kiel. Vergangenen Herbst hat Thorsten Alberts (Name von der Redaktion geändert) einen Teil seiner Apfelernte weggeschmissen - oder die Äpfel gleich an den Bäumen hängen lassen. 100 Tonnen Obst sind ihm dadurch verloren gegangen. Das sind etwa drei von insgesamt 45 Hektar, die der Landwirt aus dem nördlichen Hamburger Randgebiet bewirtschaftet. Hätte er die Äpfel verkauft, hätte er einen noch größeren Verlust hinnehmen müssen. Denn der Obstbauer hätte angesichts der schlechten Erzeugerpreise nicht einmal seine Produktionskosten rausbekommen. Wie vielen anderen Landwirten machen auch ihm unter anderem die Spätfolgen der Wirtschaftskrise zu schaffen. Die Erzeugerpreise sind eingebrochen. Und die Lebensmittelbranche - die derzeit selbst von einem starken Wettbewerb bestimmt wird - nutzt das aus. Erst vor kurzem hatte es Klagen von Hamburger Gemüsebauern gegeben, die unter Preisvorgaben des Handels leiden. "Die vielen großen Ketten bekämpfen sich untereinander - und wir haben darunter zu leiden", sagt Alberts.

Nach Informationen des Statistischen Bundesamtes sind die Erzeugerpreise für landwirtschaftliche Produkte 2009 im Vergleich zum Vorjahr um 15 Prozent gesunken. Alberts sagt, er persönlich habe noch heftigere Einbußen hinnehmen müssen. Es gebe derzeit einfach ein Überangebot an Äpfeln auf dem deutschen Markt. Die Entwicklung des Preises für Most zum Beispiel sei dramatisch gewesen. Gab es vor der Krise sechs bis sieben Cent für ein Kilo Mostäpfel, so waren es nachher nur noch drei. Einer der Gründe: Es sei viel Most importiert worden. Andere Landwirte berichten, dass durch die niedrigen Frachtraten für Containerschiffe unter anderem viel Most aus Japan gekommen ist. Das habe die regionalen Preise verdorben.

36 Cent pro Kilo

Ein aktuelles Beispiel: Die Notierung für ein Kilo Jonagorette Handelsklasse I Legeware - also für die höchste Qualitätsstufe - liegt beispielsweise bei 36 Cent pro Kilo. Die Handelsketten wollen zwar Handelsklasse I, aber nicht unbedingt Legeware und bieten 28 Cent. Die Produktionskosten der Obstbauern aus der Region von Thorsten Alberts liegen seiner Aussage zufolge bei 35 Cent pro Kilo.

"Unser Betrieb wäre nicht mehr da, wenn wir nur an Handelsketten und Discounter verkaufen würden", sagt Alberts. Er verkauft 80 Prozent seines Obstes an andere Großabnehmer - wie Großküchen oder Krankenhäuser. Er hat sich ein eigenes Vertriebsnetz aufgebaut. Er weiß, dass die Lebensmittelindustrie in der besseren Position ist. Der Handel bestimme die Preise. Das laufe zum Beispiel so, dass eine Handelskette oder ein Discounter beschließe, Angebotswochen zu machen. Da werde ein Kilo Äpfel dann im Supermarkt beispielsweise für 1,45 Euro angeboten. Daran müssen dann der Obstbauer, ein Zwischenhändler und die Handelskette verdienen. Und: Händler und Lebensmittelketten ziehen ihre Gewinnspannen ab, der Obstbauer bekomme, was übrig bleibt. "Wenn genug Ware auf dem Markt ist, muss man nicht handeln", sagt Alberts. Aus seiner Sicht gibt es in Europa aber keine Überproduktion. Vielmehr seien Märkte durch die Wirtschaftskrise völlig eingebrochen.

Überangebot an Äpfeln

Auch Wilfried Plüschau, der Vorsitzende der Landesfachgruppe Obstbau und Mitglied des Gartenbauausschusses der Landwirtschaftskammer ist, kennt den internationalen Obstmarkt gut. Dass es in Europa derzeit ein Überangebot an Äpfeln gibt, hat für ihn diverse Gründe. 2008 habe es nur eine kleine Apfelernte gegeben, 2009 dagegen wieder eine größere. Durch die Krise seien aber auch viele Äpfel aus Drittländern nach Deutschland importiert worden - weil der Preis hier zeitweise noch vergleichsweise attraktiv gewesen sei. Dritter Faktor: Der Export deutscher Äpfel nach Russland sei durch die Krise eingebrochen, weil es kaum noch Versicherungen gab, die die Geschäfte deutscher Exporteure versichern wollten. Von einem Preisdiktat will Plüschau nicht reden. Den Preis bestimmen Angebot und Nachfrage. Jeder nutze seine Möglichkeiten, sagt er. Plüschau geht sogar noch einen Schritt weiter: "Die Ketten haben uns im letzten Jahr viel geholfen, weil sie uns durch Aktionen, an denen sie selber gar nicht viel verdient haben, geholfen haben, Äpfel loszuwerden." Plüschau geht davon aus, dass sich die Lage mit der neuen Ernte entspannen wird.

Auch beim Hauptverband des Deutschen Einzelhandels (HDE), will man von Preisvorgaben oder gar einem Preisdiktat nichts wissen. Auf dem europäischen Markt gebe es aktuell ein Überangebot an Äpfeln, dann sinke der Preis, sagte HDE-Sprecherin Ulrike Hörchens. Zudem gebe es immer starke saisonale Schwankungen bei Obst und Gemüse. Man dürfe die Preisentwicklung nicht nur punktuell sehen. Auch wies Hörchens noch einmal darauf hin, dass der Einzelhandel 80 Prozent seiner Frischwaren aus deutscher Produktion beziehe, bei Obst und Gemüse seien es 50 Prozent.

Nach Informationen des Bauernverbandes in Schleswig-Holstein gab es im Jahr 2000 noch 12.300 landwirtschaftliche Betriebe ab einer Größe von 20 Hektar. 2010 waren es nur noch 9800, darunter sind viele Höfe mit Milchvieh aber auch andere.


 

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