PANORAMA
Fahrtest im Jetzt und Damals
High-Tech gegen den Verkehrstod
Boksee. Wie klingt ein Motor, der fast 55 Jahre und eine unbekannte Menge an Kilometern hinter sich hat? Er klingt so: "Renn-teren-tenn-ten-ten".
Maria Scharrenberg drückt im Leerlauf vorsichtig aufs Gaspedal. Die 39-jährige Angestellte aus Kiel sitzt in einem "Auto Union" der Marke DKW, Baujahr 1956, und bricht zu einer kleinen Zeitreise auf. Der Verband des Kraftfahrzeug-Gewerbes Schleswig-Holstein (1200 Autohäuser, Werkstätten, Tankstellen, 14 100 Mitarbeiter) stellt auf dem ADAC-Gelände in Boksee bei Kiel die modernsten Assistenzsysteme vor - und der rhabarberrote Zweitakter mit dem weißem Dach und fehlenden Kopfstützen ist der trutschige Kontrast zu den Boliden der Marken Porsche, Audi oder Mercedes.
"Das ist wie ein schöner Heimatfilm"
"Ist er nicht süß?", sagt Maria Scharrenberg und legt den ersten Gang ein. Die Schaltung ist ein langer Stift rechts vom Lenkrad und hakelig. Im Innenraum duftet es nach Gummi, Öl und dem Atem der Nachkriegszeit. Das dünne weiße Lenkrad sieht zerbrechlich aus, die Sitze wirken wie Pritschen. Das Schloss der Fahrertür lässt sich mit einer kleinen Metallklappe vor Regen schützen. Pfiffig! "So schöne Autos gibt es heute kaum noch", schwärmt Maria Scharrenberg und sieht sich um. "Man hat das Gefühl, zu fahren. Man hat noch den Bezug zur Straße. Das ist für mich wie ein schöner Heimatfilm. Wie eine Landpartie mit Erdbeerkuchen und Schlagsahne." Töff-töff-töff ... das wackere Wägelchen dreht auf dem Bokseer Testparcours seine Runden.
Zehn Minuten später der Umstieg ins luxuriöse Jetzt. Maria Scharrenberg nimmt Platz in einem Porsche Cayenne S. Weiß, breit, edel. 103 000 Euro teuer und 2,2 Tonnen schwer. Lederausstattung. Unter der Haube rumort ein V8-Aggregat mit 400 PS, sein Geräusch ist eine Kampfansage. Einer von vielen Sicherheitshelfern an Bord des Allrad-Riesen ist ein Spurwechselassistent. Ein elektronisches Auge überwacht den Bereich rechts und links hinter dem Geländewagen. Befindet sich ein anderes Auto im toten Winkel oder nähert sich schnell von hinten, leuchtet eine LED-Anzeige in der Innenseite des entsprechenden Außenspiegels. "Der Cayenne ist sportlicher Luxus, man sitzt so schön hoch und komfortabel", sagt Maria Scharrenberg, die sich einen Porsche vor allem für lange Autobahnfahrten vorstellen kann. "Es ist schon sexy, schneller als 200 zu fahren."
"Deutschlands bester Beifahrer"
Der würdevolle Oldtimer und der wuchtige Offroader stehen für zwei Epochen der Verkehrssicherheit. Einst waren Jahr für Jahr mehr als tausend Tote auf Schleswig-Holsteins Straßen zu beklagen, im vergangenen Jahr waren es nur noch 139. Beim Kfz-Verband Schleswig-Holstein will man diese Zahl durch immer bessere Fahrhilfen weiter senken. "Wir möchten jeden Käufer eines Neufahrzeugs ermutigen, sich aktiv nach Fahrerassistenzsystemen zu erkundigen", sagt Geschäftsführer Bernd Schweitzer. Sie seien "Deutschlands bester Beifahrer". Auch Lothar Lamb, Präsident der Landesverkehrswacht, fordert die Autofahrer auf, dem Aspekt Sicherheit mehr Relevanz bei der Wahl eines Gefährts einzuräumen. "Ich wünsche mir, dass es bei Verkaufsgesprächen künftig häufiger um solche Assistenten und weniger um getönte Scheiben oder Soundsysteme geht."
Würde Maria Scharrenberg ein neues Auto kaufen, fiele ihre Wahl weder auf Porsche noch auf ein Liebhaberstück. Sie bezeichnet sich selbst als "Kind von Volkswagen". Privat fährt die Kielerin einen Golf III und denkt derzeit nicht daran, ihn für einen neueren herzugeben.
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