PANORAMA
Geruchs- und Geschmacks-Seminar
So schmeckt der Sommer
Erfolgreiche Suche nach duftenden Zwergen: Seminarleiter Manfred Gohr mit den Kindern im Bohmstedter Wald. Fotos: Dewanger
Line läuft den schattigen Pfad entlang - fröhlich und so schnell, dass die Erwachsenen kaum mithalten können. Die Wangen der Fünfjährigen glühen himbeerrot, auch deshalb, weil dieser Nachmittag sehr aufregend ist. Eine Schnitzeljagd im Wald, bei der man naschen darf!
Das Mädchen biegt nach links ab und steuert auf eine Lichtung zu. Ida (5), Sune (2) und Hannah (4) folgen ihr. Das quietschvergnügte Quartett ist im Bohmstedter Wald (Kreis Nordfriesland) auf der Suche nach Geruchs- und Kostproben, die Manfred Gohr im Unterholz versteckt hat. Einige Proben hängen in Stoff verhüllt an Bäumen. Gohr, von Hauptberuf Koch, betreibt seit 2006 nebenbei die Geruchs- und Geschmacksschule Nordfriesland. Im Sommer veranstaltet der 54-jährige Bohmstedter unter anderem lecker-spaßige Seminare für Eltern, die den Geschmackssinn ihrer Kinder spielerisch schulen wollen.
"Durch die vielen Fertigprodukte leidet die Sensorik der Kinder", sagt Gohr, selbst Vater zweier Töchter. "So früh wie möglich sollten sie deshalb natürliche Lebensmittel wie Obst, Gemüse und Kräuter kennen lernen. Dafür möchte ich sie und ihre Eltern sensibilisieren."
"Riecht wie Kaugummi, ist aber garantiert natürlich!"
Jetzt stehen Line und die anderen Kinder vor einem kleinen Wald aus Farnen. Unter den Blättern hat Gohr selbstgebastelte Stoffzwerge versteckt - mit einem intensiv duftenden Kraut ausgestopfte Beutel aus Putzlappen. Gohr erzählt ein Märchen. Er habe ein Gewisper gehört, da hinten, bei den Farnen, dort habe sich was bewegt. "Geht mal nach sechs kleinen Männchen suchen!" Die Kinder eilen davon. Nach einer knappen Minute ruft Ida: "Ich hab’ einen!" Stolz trägt sie den Fund zu Gohr. Auch die anderen Zwerge bleiben nicht lange verborgen. Wonach die Beutel denn duften, möchte Gohr wissen. Ida schnüffelt und weiß keine Antwort. "Das ist Minze", klärt der Seminarleiter sie auf. "Riecht zwar wie Kaugummi, ist aber garantiert natürlich." An anderer Stelle finden die Kinder Kirschen und dürfen sie auch probieren. Auch Blaubeeren, Aprikosen und ein Stück Ingwer zählen zur Schnitzeljagd-Beute. Eine Pirsch, an die sich die Kinder lange er innern werden - da ist sich Gohr sicher. Der Erlebnisparcours unter Bäumen trainiert seiner Ansicht nach eine Fähigkeit, die in Zeiten von Fastfood oft auf der Strecke bleibt. Denn: Wer von Geschmack spricht, meint viel mehr als die Leistung von Zunge und Gaumen allein, nämlich das komplexe Zusammenspiel aller Sinne.
Auf den Bohmstedter Wald übertragen heißt das: Wer Minze einmal unter Farnen gefunden hat, wird die ausgesprochen aromatischen Blätter im Supermarkt schneller als Minze erkennen, weil ein konkretes Erlebnis damit verknüpft ist. Und wer Ingwer jemals unter Ästen erstöbert hat, ist dem herb schmeckenden Gewächs in späteren Jahren womöglich weniger abgeneigt. "Je häufiger Kinder etwas riechen, desto eher akzeptieren sie es", sagt Gohr, der auch den Eltern etwas beibringen will. "Wir erreichen so alle, die nicht zur Ernährungsberatung gehen würden."
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