PANORAMA
Schleswiger Dom
So sinnlich hat es im Dom noch nie geschwungen
Schleswig. "Fühlen Sie mal - wie sinnlich." Liebevoll, wie über die zarte Haut einer Frau streicht Kantor Rainer Selle über das neue, wunderbar weich geschliffene Fichten-Gehäuse "seiner" Orgel. Neun Monate blieben die 3500 Pfeifen der imposanten Marcussen-Orgel im Schleswiger Dom stumm. Intensiv wurden die vom Schimmelpilz befallenen, verschlissenen Registerzüge gepflegt, erneuert und teilweise auch anders angeordnet. 1000 weitere Pfeifen galt es in das nun 4500 Pfeifen zählende, raumgreifende Instrument zu integrieren, dieses als harmonisches Ganzes danach komplett neu zu intonieren.
All das ist nun vollbracht. Erstmals wird die neue große Domorgel in ihrer Klangpracht am Abend des 13. Juni bei einem Fest zu hören sein, das ein Dankeschön für die Unterstützer der 440.000 Euro teuren Sanierung und Erweiterung sein soll. Doch gespielt wird das neobarocke Schmuckstück schon seit einigen Wochen - meistens spät abends oder nachts. Denn von keinem der sanierten oder neuen Register kann Rainer Selle die Finger lassen. Die nun möglichen Klangfacetten zu spielen und zu spüren, den imposanten Dom mit nie gekannten himmlischen Schwebungen auszufüllen - diese Versuchungen machen für den Organisten aus Leidenschaft so manche Nacht zum Tag.
Kleinste Pfeife hat einen Durchmesser von fünf Millimetern
Auch für die Aufnahme einer CD wurden kürzlich einige Nachtschichten eingelegt. "Um die Musik nicht durch den tagsüber vorbeifahrenden Verkehr zu stören", erklärt der Organist. Alle der nun 65 Register können miteinander kombiniert werden - zu insgesamt 30.000 Klangmischungen. "Die werde ich in zehn Jahren noch nicht alle ausprobiert haben", sagt er.
Dombesucher, die von unten auf die Orgelempore schauen, können kaum sehen, wofür die große Summe investiert worden ist. Denn weder das neue Gehäuse, das hinter dem alten, in weiß und Gold gehalten Körper entstanden ist, noch der neue, durch ein viertes Manual ergänzte, mit High-Tech ausgestattete Spieltisch sind von dort zu sehen. Zu hören und zu spüren ist die neue Orgelherrlichkeit aber weit über die mächtigen Dommauern hinaus. Das tiefe "C ", die mit sechs Metern größte Pfeife, bringt sogar die Fenster in der Küsterei nebenan zum Schwingen. Die kleinste, im Brustwerk angeordnete Pfeife hat dagegen einen Durchmesser von gerade mal fünf Millimetern.
100.000 Euro von einem anonymen Spender
Warum klingt die neue Orgel so viel stimmiger, romantischer und auch kräftiger? "Die Pfeifen haben mehr Luft zum Atmen bekommen", sagt der Kantor. Dennoch verleugnet das Instrument seinen ursprünglichen Charakter nicht. Die schmalen, verdichteten Klänge der Marcussen-Orgel sind weiterhin spielbar. "Es ist gelungen, den Marcussen-Klang zu veredeln und ihn mit dem neuen Schwellwerk perfekt zu verschmelzen - eine hervorragende Arbeit", schwärmt Selle. Zudem wurde ein Störfaktor - der offene Prinzipal 16 - vom Hauptwerk ins Pedal verlegt. Der neue Lebensraum, das Plus an Luft fürs Pfeifenwerk ermöglicht nun eine Klangstärke, die mit voller Präsenz bis in die vorderen Sitzreihen vordringt.
Der entscheidende Impuls für die Sanierung ging von einem anonymen Spender aus. 100.000 Euro stellte dieser zur Verfügung, unter der Bedingung, dass die Kirche denselben Betrag beisteuert. Trotz weiterer kleinerer und größerer Spenden gibt es eine Finanzierungslücke von gut 80.000 Euro. 800 der 1000 neuen Pfeifen suchen noch einen Paten. Selle und Dompastor Jochen Weber hoffen, dass vor dem Spenderfest am 13. Juni noch möglichst viele Patenschaften für das so prominente Instrument geschlossen werden. Beide haben einen großen Wunsch: Die neue Klangvielfalt soll nicht nur viele Besucher, sondern auch neue Konzertanten zum Dombesuch verführen.
Freut sich Selle nach dem Sanierungsstress schon auf seinen Urlaub? "Den brauche ich nicht - ich habe doch die Orgel", sagt er spontan. Und ihre 30.000 Farbmischungen werden die schon jetzt innige Beziehung zwischen den beiden noch lange bereichern.
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