PANORAMA
Bewohner in Angst
Neonazis bedrohen alternative Wohngemeinschaft
Kiel. Eigentlich könnten die 36 Bewohner der alternativen Wohngenossenschaft auf dem Gelände der alten Dampfziegelei in Kiel das Leben aus vollen Zügen genießen. Nach dreijährigen Verhandlungen mit Banken und Handwerkern sind die 15 Wohnungen ihres Projekts fertig gestellt. Doch die Freude wird getrübt durch Übergriffe aus der Neonazi-Szene.
Rechte haben die Gemeinschaft seit Monaten ins Visier genommen. Als am Sonnabend Gäste der Wohnsiedlung vom Einkauf im benachbarten Supermarkt zurückkehrten, wurden sie von einer schwarzgekleideten zehnköpfigen Neonazigruppe empfangen. Genossenschaftsmitglied Dr. Michael Stalder berichtet: "Sie waren mit Knüppeln und Baseball-Schlägern bewaffnet. Glücklicherweise konnten unsere Gäste flüchten."
Kritik an Polizei
Doch damit nicht genug: Kurz vor Mitternacht standen die Rechten auf der Zufahrt zum Wohnprojekt und versuchten ein Auto zu stoppen. "Wir hatten richtig Angst", berichtet Niels Cordruwisch und übt Kritik an der Polizei: "Als ich beim zuständigen Revier anrief und von den aggressiven Nazis erzählte, sagte man mir zunächst, man werde umgehend eine Streife schicken. 15 Minuten später hieß es, es sei kein Wagen frei, es werde keine Polizei kommen." Tatsächlich seien die Beamten erst nach über einer Stunde gekommen. "In dieser Zeit hätte Schlimmes passieren können." Die Polizei bestätigte gestern den Notruf, man sei je bereits nach 24 Minuten vor Ort gewesen, habe aber keine Verdachtsmomente für eine Straftat gesehen. Doch das Innenministerium ist alarmiert: "Wir beobachten die zunehmenden Aktivitäten der rechten Szene in Kiel mit Sorge", sagte Sprecher Ove Rahlf.
Katja Sträßner von der Wohngemeinschaft bleibt verunsichert: "Offensichtlich genügt schon unsere etwas ungewöhnliche Wohnform, um ins Visier dieser Leute zu geraten." Aus heiterem Himmel seien bereits im April 2008 Scheiben eingeschmissen worden. Anschließend habe sich die faschistische "Aktionsgruppe Kiel" im Internet mit der Tat gebrüstet. "Seit einigen Wochen sehen wir hier verstärkt Leute mit Nazisymbolen auf der Kleidung", berichtet sie. "Sie markieren ein von ihnen beanspruchtes Revier mit einer Flut von Aufklebern. Darauf wird eine "National befreite Zone" gefordert und gegen Minderheiten gehetzt.
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