Ärzte-Honorare
Kassensturz: Ärzte vor Pleitewelle
Kampfbereit: Kinderarzt Johannes Kandzora und seine Kollegen in Neumünster kündigen Widerstand an. Foto: Höfer
Neumünster. Johannes Kandzora hat es schriftlich: Von der Honorarerhöhung um bundesweit 2,7 Milliarden Euro kommt in Schleswig-Holstein kaum etwas an. Jedenfalls nicht bei den meisten der 90 niedergelassenen Ärzte, die dem Praxisnetz Neumünster angehören. Dem Kinderarzt und Vorsitzenden des Zusammenschlusses liegen erste Ergebnisse einer Umfrage vor. Das Ergebnis ist ernüchternd: 21 von 25 Praxen, die ihre Zahlen bisher zurückschickten, müssen sich auf ein zum Teil dramatisches Minus einstellen. Einigen droht das Aus. "Der durchschnittliche Umsatzrückgang im ersten Quartal 2009 liegt bei acht Prozent, in einigen Fällen bis zu 30 Prozent", sagt Kandzora. "Diese Reform verdient den Namen nicht." Man werde das alles nicht einfach hinnehmen, sagt der Kinderarzt. "Jedenfalls nicht kampflos."
"Unhaltbare Zustände"
Auch anderswo im Land ist die Wut groß. Einer der Widerständler ist der Itzehoer Orthopäde Tobias Jäger. "Wenn ich mit dem Widerspruch nicht durchkomme, muss ich Mitte des Jahres Insolvenz anmelden", sagt der Facharzt. Netto fehlen ihm in seiner Gemeinschaftspraxis mit sieben Angestellten und drei Lehrlingen durch die Kürzung in diesem Jahr 180.000 Euro - 30 Prozent seines Umsatzes. "Selbst wenn ich alles Personal entlasse und auf meinen Verdienst komplett verzichte, reichen zum Beispiel fünf Euro für eine Röntgenaufnahme nicht aus, um die laufenden Kosten für das Gerät zu decken", so Jäger. Auf die Verhandlungsführer bei der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) in Bad Segeberg, die ihm die Honorarreform "mit gravierenden Verwerfungen" beschert haben, ist Jäger nicht gut zu sprechen. Dort herrschten "unhaltbare Zustände, weshalb ich auch ein Amtsenthebungsverfahren für den Vorstand beantragt habe".
Frust statt Friede auch bei Hausarzt Carsten Heinemeier aus Schafflund (Kreis Schleswig-Flensburg): Anders als Jäger hat der Allgemeinmediziner bereits die Reißleine gezogen und zum 1. Januar schweren Herzens zwei seiner Mitarbeiterinnen gekündigt. Gestern erhielt eine dritte die Entlassungspapiere. Nach seinen Berechnungen wird das Gesamthonorar für seine Praxis mit einem Assistenzarzt und acht Mitarbeitern von 161.312 Euro im Vorjahresquartal auf 96.800 Euro in diesem Quartal gekürzt. Mit einem Widerspruch gegen den Bescheid der Ärztekammer will er sich nicht zufrieden geben. Deshalb hat er inzwischen mit seinem Anwalt Klage eingereicht. Begründung: die kontinuierliche Versorgung der Versicherten sei nicht mehr sichergestellt.
"Ich habe noch bis Anfang Mai Luft, dann muss ich zum Insolvenzrichter"
Grund für das Desaster: Mit der Reform wurden die bisherige Abrechnungen einzelner Tätigkeiten durch niedrigere Pauschalen ersetzt, die regionalen Strukturverträge abgeschafft und Fallzahlen, für die es Geld gibt, nach oben begrenzt. Zwar kann Heinemeier auch künftig mehr Patienten behandeln, als von der KV festgelegt - nur geht das dann auf eigene Rechnung. So wird bei Heinemeier der Fallwert für die komplette zweite Hälfte seiner Patientenzahl gekürzt: Für die ersten 200 um 25 Prozent, für die nächsten 300 um 50 Prozent und für alle weiteren um 75 Prozent. "Ich habe noch bis Anfang Mai Luft, dann muss ich zum Insolvenzrichter", erklärt Heinemeier. Schließlich könne er als selbstständiger Unternehmer sonst bei sich abzeichnender Zahlungsunfähigkeit wegen Insolvenzverschleppung belangt werden.
Für die 2450 gesetzlichen Versicherten und 370 Privatpatienten pro Quartal wäre das eine Katastrophe. Die benachbarten Praxen haben bereits schriftlich mitgeteilt, dass sie Heinemeiers Klientel nicht übernehmen können.
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