PANORAMA

 

Konzept gegen Schaulustige

Gaffer sollen zu Helfern werden

23. März 2010 | Von Eckard Gehm

14. November 2009: Der ausgebrannte Ford von Kira M. (22). Sie erlag im Krankenhaus ihren schweren Verletzungen. Foto: rtn

Am Unfallort wird nicht geholfen, sondern die Handy-Kamera gezückt. Innenminister Klaus Schlie will das Problem der Gaffer lösen.

Kiel. Verletzte sind der nackten Neugierde ausgeliefert. Das berichten immer mehr Polizisten und Feuerwehrleute.

Innenminister Klaus Schlie (CDU) hat am Montag einen neuen Anlauf genommen, um das Problem der "Gaffer am Einsatzort" zu lösen. Dazu traf er sich mit Experten von Polizei, Feuerwehr, Justiz, Medizin und Medien in der Fachhochschule für Verwaltung und Dienstleistung in Altenholz bei Kiel.

Gaffer verweigerten Hilfe

Im November 2009 hatte Schlie gefordert, Gaffer mit Schockfotos von Unfallopfern zu konfrontieren, damit sie merkten, dass es "um das Leben von Menschen geht". Anlass war ein Unfall auf der A 1, bei dem ein betrunkener Geisterfahrer (35) mit seinem BMW in den Ford Ka einer jungen Frau (22) raste. Sie wurde eingeklemmt, ihr Auto fing Feuer. Etliche Schaulustige sahen zu, verweigerten Helfern ein Taschenmesser und einen Feuerlöscher. Die Frau starb im Krankenhaus.

Für seine Schocktherapie-Idee wurde der Innenminister scharf kritisiert. Am Montag sagte er: "Es war eine spontane Äußerung, so etwas muss erlaubt sein. Und sie hat eine Diskussion über die Unmoral des Gaffens angestoßen."

Phänomen Gaffen

Aber warum gaffen Menschen? Prof. Monika Frommel, Direktorin des Instituts für Kriminologie an der Universität Kiel, erklärte: "Der Mensch ist neugierig. Leider wird sein innerer Reflex zu helfen gehemmt, je mehr andere Unbeteiligte anwesend sind. Es herrscht die Meinung vor, dass es in unserer Gesellschaft Spezialisten gibt, denen man das Helfen überlassen kann."

Und so gaffen Vater, Mutter, Kind. Dr. Ralf Kirchhoff, Amtsleiter der Berufsfeuerwehr Kiel, schilderte einen Fall, bei dem ein Junge von den Zwillingsreifen eines Lasters überrollt wurde. "Es war ein schrecklicher Anblick, unsere Männer bekamen danach professionelle Hilfe. Die Gaffer, darunter etliche Kinder, bleiben mit möglichen posttraumatischen Belastungsstörungen allein."

Schaulustige schämen sich

Dabei schämen sich Gaffer durchaus. shz-Reporter Peter Wüst berichtete: "Wenn ich an einer Unfallstelle Schaulustige filme, die 500 Euro mit einem Bild-Leserfoto verdienen wollen, drehen sie sich weg. Sie möchten nicht erkannt werden." Doch genau das könnte bald bei allen Unfällen möglich sein. Die Polizei denkt über den Einsatz von Rundumsicht-Videokameras auf Streifenwagen nach. "So könnten Gaffer identifiziert werden", verriet Polizeidirektor Joachim Gutt.

Vorerst setzt der Innenminister jedoch auf Einsicht: "Wir brauchen eine langfristige Änderung des Verhaltens, damit Gaffer zu Helfern werden." Schärfere Gesetze soll es nicht geben. Schon jetzt dürften Retter Platzverweise erteilen, könne unterlassene Hilfeleistung bestraft werden. Schlie will die Automobilclubs, den Fahrlehrerverband und Schulen bei der Entwicklung von Konzepten einbinden. Die Idee von Schockbildern hat er dabei nicht ganz aufgegeben: "In Fahrschulen können sie Überzeugungsarbeit leisten."


 

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