PANORAMA

 

Kadetrinne

Ein Stahlträger wird zum Geschoss

29. Dezember 2011 | 06:50 Uhr | Von Frank Jung

In diesem Zustand machte die "Johanna" Zwischenstation im schwedischen Karlskrona. Foto: Bengt Pettersson

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Ein Loch am Bug des Frachters "Johanna" beschäftigt die Behörden. Irgendwas war in der Kadetrinne ins Schiff geschlagen. Eine Rakete? Die Ermittler gehen von etwas anderem aus.

Stralsund / Bad bramstedt. Wie erst am Mittwoch bekannt wurde, hatte die neunköpfige Crew des 121 Meter langen Containerschiffs beim morgendlichen Wachgang am 19. Dezember mit ungläubigen Blicken zwei Löcher entdeckt: Am Bug klaffte steuerbords eine Öffnung von über einem Meter Durchmesser. Auf dem Deck des Vorschiffs tat sich ein weiterer Krater ähnlicher Größe auf. "Ein Objekt hat uns einmal aufgespießt - und dann wieder losgelassen", bringt Heike Wagner, Sprecherin der Eigner-Reederei Vöge, den Ablauf auf den Punkt. Spätabends, schildert sie, "hatte  die Mannschaft zwar einen kräftigen Schlag gehört, es aber für ein Wellengeräusch gehalten wie es öfter vorkommt".

Eine Rekonstruktion des Geschehens durch die Wasser- und Schifffahrtsverwaltung (WSV) Stralsund und die Bundespolizeiinspektion See in Neustadt ergab: Es muss gegen 23.30 Uhr am Vorabend gewesen sein, als das Objekt die Bordwand mit äußerster Wucht durchschlagen hat. "Ein glatter, sauberer Durchschuss", urteilt Falko Emmeluth, nautischer Inspektor der Reederei. Hat ein Kriegsschiff unkontrolliert geübt und in dem meistbefahrenen Abschnitt der Ostsee einen Torpedo oder eine Rakete abgefeuert? Ging ein Meteorit nieder? Kann ein treibender Baumstamm derart zerstörerische Kräfte entfalten? Weit reichen die Spekulationen über die Ursache des unheimlichen Zwischenfalls. "Wir hatten zu dem Zeitpunkt keine Schiffe in See", winkt Jan Ströhmer vom Flottenkommando der Bundesmarine ab.

Tagelange Ursachenforschung

Nach einer tagelangen Suche mit Schiffen und Hubschraubern, der Auswertung von Schiffsverkehrsdaten und einer Besichtigung der Schäden, gab die WSV am Mittwoch eine Vermutung ab. Ermittlerin Ute Hammersdorfer spricht ausdrücklich von einer bisher nur "mutmaßlichen" Ursache, Gerd Wilcken, Sprecher der für Seeunfälle zuständigen Bundespolizeidirektion in Bad Bramstedt, betont: "Mangels Augenzeugen kann keiner 100-prozentig sagen, dass es dieses Ding gewesen ist - aber wenn man Zwei und Zwei zusammenzählt, bleiben kaum andere Möglichkeiten". Demnach halten die Behörden die losgeschlagene Stelze einer Arbeitsplattform für den Gegenstand, der die "Johanna" in der Nacht vom 18. auf den 19. Dezember mitten auf der Ostsee wie ein Geschoss durchbohrt hat.

Die 36 Meter lange Stange befand sich auf einer Plattform, mit der der dänische Schlepper "Westsund" einen Schwimmbagger aus der westlichen Ostsee nach Kopenhagen transportierte. Insgesamt vier Stütz-Stelzen gleichen Ausmaßes waren an Bord. Sie dienen dazu, den Bagger am Einsatzort zu stabilisieren. "Auf Grund widriger Witterungsbedingungen", erklärt Wilcken, habe sich eine Stelze offenbar aus ihrer Befestigung gelöst und sei daraufhin unkontrolliert durchs Meer getrieben.

Verlorene Stelze nicht gemeldet

Obwohl der Schlepper dazu verpflichtet gewesen wäre, unterließ er es laut Bundespolizei, den Verlust umgehend der Schiffsverkehrszentrale Warnemünde zu melden. Dort sei man von sich aus stutzig geworden, als man auf dem Bildschirm bemerkte, dass sich der Schlepper längere Zeit nicht von der Stelle bewegte. Erst auf Nachfrage vom Festland, ob es Probleme gebe, so Wilcken, habe die "Westsund" eingeräumt, dass eine Stelze über Bord gegangen sei.

Mittwoch Mittag wurde eine Hälfte des stählernen Gegenstands auf dem 20 Meter tiefen Grund der Kadetrinne geortet. Möglich machte dies die sonst bei der Wracksuche verwendete, hochauflösende Sonartechnik eines Vermessungsschiffs des Bundesamts für Seeschifffahrt und Hydrographie in Rostock. Die Behörden gehen davon aus, dass das Stahl-Element nun keine Gefahr mehr für die Schifffahrt darstellt.

Viele offene Fragen

Warum ist es nicht sofort gesunken, sondern konnte längere Zeit im Wasser treiben? War es hohl? "Das ist eine interessante Frage, die es noch zu klären gilt", sagt WSV-Ermittlerin Hammersdorfer. Und nicht die einzige. Auch, ob die "Westsund"-Verantwortlichen gegen Sicherungspflichten verstoßen haben und gegenüber dem Eigner der "Johanna", der Stader Reederei Vöge, Schadensersatz zu leisten haben - "das müssen die weiteren Ermittlungen ergeben", sagen Hammersdorfer und Wilcken. Die Federführung haben die deutschen Institutionen jetzt mit ihren bisherigen Erkenntnissen an die britischen Behörden abgegegeben. So sieht es das Seerecht vor, weil die "Johanna" unter dem Union Jack fährt.

Zur Schadenshöhe mochte Reederei-Sprecherin Heike Wagner keine Angaben machen. Zunächst war die "Johanna" zu einem Werftaufenthalt im südschwedischen Karlskrona gezwungen, um die Löcher provisorisch zu schließen. Im Januar, so Wagner, muss das Containerschiff dann für eine endgültige Instandsetzung noch einmal ins Trockendock. Zwischenzeitlich konnte die "Johanna" nach dem Zwischenstopp in Karlskrona ihre Fahrt ins westfinnische Kokkola fortsetzen, wo sie auch derzeit noch liegt.

Maßnahmen für Meeresschutz gefordert

Die Kadetrinne ist mit mehr als 60.000 Schiffspassagen pro Jahr einer der am stärksten frequentierten Seewege Europas. An die 10.000 davon entfallen auf Tanker. Entsprechend groß ist angesichts des Loch-Unfalls und ständiger anderer Schwimmbagger-Transporte die Sorge bei Ingo Ludwichowski, Geschäftsführer des Naturschutzbundes (Nabu) Schleswig-Holstein: "Für den Meeresschutz wird man Maßnahmen ergreifen müssen, damit so eine Gefährdung wie in diesem Fall nicht wieder vorkommt."

Wilcken hingegen bezweifelt, "dass man so etwas mit letzter Sicherheit verhindern kann". Hammersdorfer unterstreicht: "So etwas ist noch nie passiert. Es ist wirklich ein besonderer Fall."


 

Leserkommentare

 
HARALD SCHMIDT-GOERTZ 29.12.2011 12:10
Unsinnige Spekulationen

"Hat ein Kriegsschiff unkontrolliert geübt und in dem meistbefahrenen Abschnitt der Ostsee einen Torpedo oder eine Rakete abgefeuert?"

Nein, hat es nicht.

Hätte ein Kriegsschiff einen Torpedo "abgefeuert", so hätte das Schiff kein drei Meter über der Wasseroberfläche befindliches Loch im Rumpf, denn Torpedos bewegen sich unter der Wasseroberfläche fort und springen nicht Delphinen gleich daraus heraus. Wäre jener Torpedo explodiert, so wäre die JOHANNA ohnehin versenkt worden, sofern es sich nicht um einen kleinen U-Jagd-Torpedo gehandelt hätte.

Hätte es sich um eine "Rakete" (angesichts der Tatsache, dass die Verwendung von ungelenkten, selbstgetriebenen Waffensystemen in der Seekriegsführung nicht mehr gebräuchlich ist, wahrscheinlicher ein Flugkörper, also eine "Lenkrakete") gehandelt, so wäre 1.) mit einer Explosion zu rechnen gewesen, deren Folgen weitaus verheerender gewesen wären und 2.) selbst im Falle eines Telemetrieflugkörpers ein sehr viel größeres Loch zu erwarten gewesen.

Ich wünschte, die Journalisten des Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlages informierten sich vor dem Verfassen von Artikeln, anstatt mit unsinnigen Spekulationen Soldaten zu verdächtigen, derlei Schäden angerichtet zu haben.

Gleiches gilt für jenen Herrn Emmeluth, der durch die Verwendung des Begriffes "Durchschuss" den Spekulationen Vorschub leistet. Möge der Herr sich auf nautische Sachverhalte beschränken, vielleicht ist ihm ja in der Sache mehr Erfolg beschieden.



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