PANORAMA

 

Sturmflut 1962

Bollwerke der Zukunft gegen steigenden Meeresspiegel

10. Februar 2012 | 08:22 Uhr | Von Wolfgang Blumenthal

Die Klimareserve: Künftig werden die Deiche mit einem breiten Profil angelegt (blau) und im Fall eines beschleunigten Meeresspiegelanstiegs kurzfristig erhöht (rot). Foto: MLUR

Die Zukunft ist nah: Der "Generalplans Küstenschutz" wird fortgeschrieben. Aber wie kann sich das Land zwischen den steigenden Meeren gegen künftige Sturmfluten wappnen?

Kiel. Einen Tag nach der Februarsturmflut von 1962 stand er als Zehnjähriger am angenagten Deich von Büsum. "Da war kein halber Meter mehr", erinnert sich Dietmar Wienholdt (59). "Diesen Anblick werde ich nie vergessen. Eine Stunde länger, und der Deich wäre gebrochen." Das Thema hat den gebürtigen Wesselburener (Kreis Dithmarschen) nie losgelassen. Inzwischen ist der Tiefbauingenieur Leiter der Abteilung für Küstenschutz des Landes Schleswig-Holstein. Zusammen mit seinen Mitarbeitern entwickelt er Konzepte, wie das Land zwischen den klimabedingt steigenden Meeren sich gegen künftige Sturmfluten wappnen kann.

Die Zukunft ist dabei ganz nah: Schon Mitte dieses Monats steht die Fortschreibung des "Generalplans Küstenschutz" an. Hintergrund: "Alle zehn Jahre gibt es eine Sicherheitsüberprüfung", erklärt Wienholdt. Dabei werde auch darauf geschaut: Sind die Deiche hoch genug? Entspricht das Profil noch dem neuesten Stand der Forschung? "Von den 110 Kilometern Landesschutzdeich aus dem Generalplan von 2001 entsprechen 65 Kilometer an der Nord- und Ostseeküste noch nicht den heutigen Anforderungen", so das Fazit des Küstenschützers.

 

Bislang galt: Die vorhandenen Deiche müssen der höchsten anzunehmenden Sturmflut, wie sie statistisch ein Mal in 100 Jahren sich ereignet, widerstehen. Dazu kommt der Wellenauflauf in stürmischer See, dem die Landesschutzdeiche mit einer seeseitigen Neigung von 1 : 8 begegnen. "Ganz obendrauf addierten wir noch einen 'Klimazuschlag' von 50 Zentimeter an der Nordseeküste sowie 30 Zentimeter an der Ostseeküste", erklärt Wienholdt. Hintergrund des Zuschlags war bislang die Prognose des UN-Klimarates, der von einem Meeresspiegelanstieg von 18 bis 59 Zentimeter bis zum Jahr 2100 ausgeht. "Doch mittlerweile gibt es weitere Szenarien, die einen höheren Anstieg voraussagen." Der Küstenschutz-Chef hält es daher für richtig, generell von einem Anstieg des Meeresspiegels zwischen 50 und 150 Zentimeter bis zum Ende dieses Jahrhunderts auszugehen.

Und genau darauf reagiere das Land: "Nur in die Höhe bauen - das geht nicht", sagt der Tiefbauingenieur. Künftig sollen die Deiche an der Nordseeküste noch breiter gebaut werden, die seeseitige Neigung soll vom Fuß bis zur Krone durchgängig 1 : 10 betragen, um den Wellen noch weniger Angriffspotential zu liefern. "Die Methode kostet drei Millionen statt zwei Millionen Euro pro Kilometer, sie lässt uns aber bauliche Spielräume übrig", sagt Wienholdt. Grundsätzlich höher als im Generalplan 2001 vorgesehen werden die Deiche zwar nicht. Aber eben breiter - auch an der Deichkrone. Und die könne im Fall eines beschleunigten Meeresspiegelanstiegs für "nur" 300 000 Euro pro Kilometer noch einmal um einen Meter erhöht werden. Zusammen mit dem "Klimazuschlag" ergebe dies eine Reserve für einen Meeresspiegelanstieg um 1,50 Meter. Das neue Deichprofil werde erstmals auf Nordstrand angewandt. Der Baubeginn ist für Ende 2012 geplant.

"Erhaltet die zweite Deichlinie!"

Küstenschutz bedeute aber nicht nur Deiche bauen, sagt Wienholdt. Vielmehr gehöre auch das Beobachten der Veränderungen in der Natur dazu. Zum Beispiel: "Wenn das Meer steigt, wie weit kann das Wattenmeer mitwachsen?" Die Fluten sorgen für Ablagerungen im Wattenmeer - ein Vorgang, den sich Menschen seit langem für die Gewinnung von Deichvorland zunutze machen. Der Effekt: Der Wellenschlag wird bereits im Vorland gebremst.

Das Anwachsen von Sedimentflächen spielt ebenso für die Halligen eine Rolle: Die Eilande im Wattemeer sind ebenfalls Teil der Überlegungen eines künftigen Schutzkonzeptes, das derzeit unter dem Namen "Halligen 2050" entwickelt wird. Und schließlich hält Dietmar Wienholdt auch dies für einen wesentlichen Bestandteil des Küstenschutzes: "Erhaltet die zweite Deichlinie!"

"Baut nicht weiter in jene Gebiete, die gefährdet sind"

Die derzeitigen Sicherungsanstrengungen seien zumindest so nachhaltig, "dass in den nächsten 100 Jahren den kommenden Generationen Zeit gegeben wird, um rechtzeitig auf neue Entwicklungen des Klimawandels reagieren zu können", glaubt der Tiefbauingenieur. Auch neuere Bautechniken stimmen ihn dabei optimistisch. So könnten selbst auf weichem Untergrund mit "textilummantelten Sandsäulen" noch massigere Bollwerke gegen das Meer entstehen.

Dennoch - mit Blick auf die ferne Zukunft will Dietmar Wienholdt nicht zuletzt auch dies einmal deutlich machen: "Es kann nicht sein, dass man sich stets nur auf das Land verlässt und dabei jede eigene Verantwortung zurücknimmt." Soll heißen: Man dürfe nicht ständig über die Klimawandel reden, sondern müssen auch selbst danach handeln. "Baut nicht weiter in jene Gebiete, die gefährdet sind", lautet daher auch der Appell obersten Küstenschützers des Landes.

Hochwasser- und Sturmflutinformation Schleswig-Holstein im Internet: hsi.schleswig-holstein.de


 

Leserkommentare

 
UDO DAMERAU 10.02.2012 11:18
"Hintergrund des Zuschlags war bislang die Prognose des UN-Klimarates, der von einem Meeresspiegelanstieg von 18 bis 59 Zentimeter bis zum Jahr 2100 ausgeht."

Andererseits im Weiteren:
"´Doch mittlerweile gibt es weitere Szenarien, die einen höheren Anstieg voraussagen.´ Der Küstenschutz-Chef hält es daher für richtig, generell von einem Anstieg des Meeresspiegels zwischen 50 und 150 Zentimeter bis zum Ende dieses Jahrhunderts auszugehen."

´Scenarien´, also Ergebnisse aus Modellrechnungen (des PIK in Potsdam, Prof. Rahmstorf), keine realen Messdatendaten.

Das IPCC, der ´Politiker-Steuerungs-Klima-Rat´ geht heute dagegen nur noch von über 30 cm (ebenfalls Scenarien) aus.
www.youtube.com/watch (bei 0:55 Meeresspiegelanstieg)

Leute vor Ort, die zudem etwas davon verstehen, sprechen allerdings von einem seit Jahren abnehmenden Anstiegstrend, sogar von nahezu Stillstand des Anstiegs:

Oberdeichrichter Wildfang, (Ostfriesenzeitung, Dez.2009):
unzensiertinformiert.de/2011/02/prof-dr-werner-kirstein-prof-dr-klaus-landfried-wo-bleibt-der-klimawandel/ (bei 33:33)

Pegel Norderney und Cuxhaven:
www.youtube.com/watch

HELMUT ERB 10.02.2012 11:50
Ein bißchen Angst muß sein

Die Landesregierung tut viel für den Küstenschutz. Das ist eine gute Nachricht.
Und doch versucht der Autor des Artikels, Ängste zu fördern. Denn es könnte immer schlimmer kommen, als man denkt.

So sieht es die Landesregierung: Im letzten Jahrhundert stieg der Meeresspiegel an Schleswig-Holsteins Küsten um 15 cm an. Eine Beschleunigung ist nicht feststellbar.
Woher also kommt die Vermutung, es könnte bis 2100 durchaus ein Anstieg von über einem Meter entstehen?

Die Landesregierung geht davon aus, daß das Wattenmeer durch Sedimentablagerungen mitwächst und einen Anstieg des Meeresspiegels von 50 cm in einem Jahrhundert ohne Schaden ausgleichen kann. Das weiß selbstverständlich auch der oberste Küstenschützer. Warum wird es hier nicht erwähnt?

Bemerkenswert ist die Empfehlung, künftig nicht mehr in gefährdeten Gebieten zu bauen. Damit gäbe es in den See- und Flußmarschen des Landes keine Neubaugebiete, keine neuen Gewerbe- und Industriegebiete, keine neuen Schulen oder Krankenhäuser. Ob Ministerpräsident, Landräte und Bürgermeister mit dieser Perspektive einverstanden sind? Der Autor erkennt jedenfalls keine Brisanz. Sonst hätte er doch nachgefragt.

DR. JUERGEN SOECHTIG 10.02.2012 13:34
PIK

.
Mojn Herr Damerau, ich habe Sie schon vermißt. Unser berühmt, berüchtiges Potsdamer Institut erfindet immer neuen Blödsinn. Die Abkürzun für dieses Institut spricht Bände:

P Panik
I im
K Klima

Was haben Greenpeace und PIK gemeinsam? Mit Panikmache wird Geld gescheffelt.

Den Malediven wurde schon vor Jahren der Untergang vorhergesagt. Blöd nur, daß es die immer noch gibt. Das Panik-Institut stand mit seiner Prognose in der ersten Reihe. Die Vorhersage ist nachweislich falsch. Der Meeres-Spiegel ist nicht gestiegen und die Inseln stehen immer noch über Wasser. Hat das PIK jetzt den "Kaffeesatz" gewechselt oder warum sollen wir den jetzigen Pronosen mehr Glauben schenken als einem Wünschelrutengänger im Clownskostüm?

UDO DAMERAU 10.02.2012 14:13
"...die Inseln stehen immer noch über Wasser."

Oben bereits einmal erwähnt:
unzensiertinformiert.de/2011/02/prof-dr-werner-kirstein-prof-dr-klaus-landfried-wo-bleibt-der-klimawandel/
In diesem Vortrag erklärt Professor Kirstein u.a., warum die Inseln mal größer und mal kleiner sind, sodar ihren geografischen Ort verändern: Plattentektonik!

Und auch Dipl.-Meteorologe Klaus-Eckart Puls weist auf die gleiche Ursache hin; außerdem erwähnt er, daß der Meeresspiegel dort mit wechselnden Windrichtungen schwankt. Die Ostsee tuts ebenso, obwohl viel kleiner, und niemand behauptet, dass ihr Niveau steigt, wenn in Flensburg die Hafenstraße unter Wasser steht.
www.youtube.com/watch

"Mit Panikmache wird Geld gescheffelt."
Würde z.B. Prof. Schellnhuber zugeben, dass CO2 einen nur minimalen Einfluss auf Wetter / Klima / Meeresspeigel hat, wär´s aus, mit der Klimafolgenforschung, denn ohne Mittel von unserer Regierung ...

Warum Wolfgang Blumenthal, der Verfasser, das nicht recherchiert, und die Zahlen von Dietmar Wienholdt relativiert hat, wird wohl unbeantwortet bleiben.
Einseitige Meinungsmache und Angstverbreitung scheint mittlerweise journalistische Pflicht zu sein.



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