LANDESPOLITIK

 

Feinstaubbelastung

Die Luft wird schmutziger

07. Februar 2012 | 07:30 Uhr | Von Frank Jung

Umweltzonen sollen dazu beitragen, dass weniger Schadstoffe in die Luft gelangen. Foto: dpa

Das dürfte den Streit um Sinn und Unsinn von Umweltzonen weiter befeuern: Die Feinstaubbelastungen in deutschen Städten sind weiter gestiegen.

Kiel / Dessau. Die Feinstaubbelastung in Deutschland ist im vergangenen Jahr erneut gestiegen - auch in Schleswig-Holstein. Im nördlichsten Bundesland wurde 2011 im dritten Jahr in Folge eine Zunahme registriert. Das erklärte der Referent für Luftqualität im Kieler Umweltministerium, Dr. Dirk Jürgens, am Montag gegenüberdem sh:z. Insbesondere die lang andauernde Hochdruckwetterlage im letzten November mit einem dafür charakteristischen geringen Luftaustausch habe dazu beigetragen - "sonst wäre die Entwicklung in der jüngsten Jahresstatistik gar nicht so signifikant".

Allerdings wurden die von der EU festgelegten Grenzwerte in Schleswig-Holstein 2011 nicht überschritten. Das wäre erst dann der Fall, wenn an mehr als 35 Tagen eines Jahres über 50 Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter Luft registriert würden. So weit kam es im oft windigen und industriearmen Norden nicht. Am schlechtesten schnitt mit 30 Tagen jenseits von 50 Mikrogramm die Mess-Station in der Kieler Bahnhofstraße ab (nahe der Hörn Richtung Auf- und Abfahrt zur B 76). Darauf folgen Lauenburg (26) und die Lübecker Burgstraße (25 Tage). In der Cuxhavener Straße in Brunsbüttel waren es 24, an der Lindenstraße in Itzehoe 22 und am Deutschen Haus in Flensburg 18.

EU-Grenzwert liegt bei einem Jahresmittel von 40 Mikrogramm

Zum Vergleich: 2010 wurden an einzelnen Mess-Stationen im nördlichsten Bundesland maximal 20, 2009 maximal zehn und 2008 höchstens fünf Tage jenseits von 50 Mikrogramm gemessen. Jürgens leitet daraus jedoch keinen Trend ab, sondern sieht meteorologische Zufälle als Ursache.

Die gesetzlichen Höchstwerte wurden in Schleswig-Holstein jedoch bei der Stickstoffdioxid-Konzentration durchbrochen. Der EU-Grenzwert liegt bei einem Jahresmittel von 40 Mikrogramm. Überschritten wurde er 2011 nach Angaben des Umweltministeriums an der Kieler Bahnhofstraße (52 Tage), der Itzehoer Lindenstraße (47), in Ratzeburg (44), in Norderstedt (44) und in Pinneberg (41). In Kiel, Itzehoe und Ratzeburg existieren bereits Luftreinhaltepläne, in denen Schritte zum Gegensteuern diskutiert werden. In Ratzeburg sind das Pläne für eine Umgehungsstraße, in Kiel und Itzehoe Gedanken, wie sich der Verkehr verflüssigen lässt. Dafür kommen andere Ampelschaltungen oder Einbahnstraßen in Frage. Hauptziel sei es, so Jürgens, das besonders schadstoffreiche An- und Abfahren aus Straßenabschnitten mit besonders hoher Bebauung herauszuholen.

"Monströser Verwaltungsaufwand"

Nach der am Montag vom Dessauer Bundesumweltamt vorgelegten Statistik für 2011 wurden in Städten und Ballungsräumen die Grenzwerte für Feinstaub und Stickstoffdioxid bei fast jeder zweiten Messstation überschritten. Beim Feinstaub lagen 42 Prozent der verkehrsnahen Messstationen über dem Grenzwert, beim Stickstoffdioxid lagen 57 Prozent der Stationen in Städten darüber.

Um die Entwicklung umzukehren, tritt Bundesumweltamts-Präsident Jochen Flasbarth für weitere Umweltzonen ein, bei denen Innenstädte nur schadstoffarmen Autos offenstehen. Flasbarth wies aber auch auf die Verbrennungs-Prozesse in Industrie und Haushalten hin - etwa bei Öfen -, auf deren Konto ein Großteil der erhöhten Konzentrationen gehe. Daher gibt es seit 2010 Grenzwerte für Heizungsanlagen, die mit Holzscheiten, Kohle oder Pellets gefeuert werden.

Der ADAC-Vizepräsident für Verkehr, der Schleswiger Rechtsanwalt Ulrich Becker, hält den Nutzen von Umweltzonen für quasi gleich Null. Auf Autos entfalle nur ein Anteil von neun Prozent an der Feinstaubbelastung, so Becker. Umweltzonen hätten den Kommunen lediglich "einen monströsen Verwaltungsaufwand beschert und vielen Autofahrern existenzielle Nachteile gebracht".

Umweltzonen: Für eine geringere Feinstaubbelastung
Umweltzonen sollen dazu beitragen, dass weniger Schadstoffe in die Luft gelangen. Seit dem 1. Januar 2005 gelten europaweit Grenzwerte für Feinstaub. Umweltzonen gibt es in drei Stufen: Rot bedeutet, dass es nur für wenige Autos Einschränkungen gibt. In der zweiten Stufe dürfen nur Autos einfahren, die mindestens eine gelbe Plakette haben. Mit der 3. Stufe (grüne Plakette) dürfen nur Pkw mit geringem Schadstoffausstoß in die Städte. So sind laut Umweltbundesamt (UBA) bis zu zehn Prozent Minderung bei den Feinstaubbelastungen möglich. Wer gegen die Vorschriften verstößt, muss mit 40 Euro Strafe und einem Punkt in Flensburg rechnen. Allerdings fallen die Kontrollen unterschiedlich streng aus – Berlin etwa gilt als besonders streng. Bisher gibt es laut UBA 54 Umweltzonen in Deutschland, davon keine in Schleswig-Holstein und Hamburg.


 

Leserkommentare

 
KARL-HEINZ LENZ 07.02.2012 09:48
Aktionismus

Die Umweltzonen sind doch nur dem lächerlichen Aktionismus von Rot und Grün entsprungen, sie fördern die Bürokratie, den Schilderwald und kosten uns Geld. Sonst zu nichts nütze, wie eben so vieles was bei denen entspringt. Ab Mai werden wir es in SH vermutlich am eigenen Leibe erleben und dann will es wieder keiner gewesen sein, der die gewählt hat. Kalle von kalleskoppel.de

GROSSES W PUNKT 07.02.2012 11:07
nur in Deutschland Überschreitungen ?

wenn es EU-weite Vorgaben gibt, wie sieht es denn in den anderen Ländern aus ? Gerade z.b. in den ehemaligen Super-Dreckschleudern im ex-Ostblock ?
Und um welche Partikel handelt es sich überwiegend beim Feinstaub ? Das muss sich doch feststellen lassen, ob es natürlicher Erosionsstaub, Produkte aus Verbrennung von mineralischen oder pflanzlichen Stoffen etc. sind ???

Und mehr Straßengrün oder begrünte Fassaden in den Städten würden nicht nur Sauerstoff produzieren, sie würden auch jede Menge Staub rausfiltern.

Ansonsten schliesse ich mich der Meinung von Kalle an. Schwachsinniger Aktionismus. Baut lieber die Nahverkehrszonen der Bahn endlich und gut aus !!! Siehe: Tornesch und Uetersen. Riesiges Einzugsgebiet und quasi abgehängt vom Bahnverkehr für die Pendler.
Mannomann, Bananenrepublik das hier !

HANS STEIN 07.02.2012 12:45
Lkw

Was ist eigentlich mit den alten Lkw. Wenn die fahren, ziehen sie eine große Dieselfahne hinter sich. Manchmal könnte man meinen, dass die mit Altöl fahren, so schlimm. Unterliegen Lkw nicht den gleichen Bestimmungen?

HELMUT ERB 07.02.2012 13:10
Alles wird schlechter

Alles wird gemessen. Ozon, Schwefeldioxid, Stickstoffmonoxid, Stickstoffdioxid, Benzol und manches mehr.

Das gefährlichste Gas wird jedoch nicht gemessen. Keiner interessiert sich für den Klimakiller Kohlenstoffdioxid, die größte Gefahr für die Menschheit. Oder werden die Ergebnisse geheimgehalten? Sollen die Menschen über das wahre Ausmaß der Katastrophe im unklaren gehalten werden?

Darf niemand wissen, daß der CO2-Gehalt im Winter steigt und im Frühling fällt, daß er nachts höher ist als tags? Soll der Stromkunde nicht erfahren, um wieviel ppm der CO2-Anstieg dank der Ökoindustrialisierung gebremst wurde?

Immerhin arbeiten viele Städte und Kreise an einer CO2-freien Zukunft. Schleswig-Holstein wird CO2-freie Zone. Alles wird besser. Vielleicht.



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