KULTUR
"Axolotl Roadkill"
Zwischen literarischer Sensation und sensationslüsterndem Geschreibe
Besser hätte es für den Ullstein-Verlag gar nicht laufen können. Kurz vor Weihnachten versenden die Berliner ein tiefschwarzes Buch mit dem kryptischen Titel "Axolotl Roadkill". Beigelegt ist eine ebenso schwarze Pressemappe, in der die Redaktionen eingestimmt werden auf eine 17-jährige Autorin, die "Einblick in die Gefühle und Gedanken einer auf sich selbst gestellten, "wohlstandsverwahrlosten Jugend" gibt. "Jung", "begabt", "tabulos" sind die Schlüsselworte, mit denen auf das "beeindruckende Debüt" eingestimmt wird. Mit weiteren Schlagworten ("Unmittelbarkeit, Sprachkraft und analytische Klarsicht") will die Ullstein-Presseabteilung den Wert des Buches unterstreichen. Ansonsten "Frohe Weihnachten" und "bitte nicht vor dem 28. Januar rezensieren".
Doch die langen Festtage ließen wohl manchen Profi-Leser den 200-Seiten-Roman schnell konsumieren - und zum Telefon greifen, um einen Interviewtermin mit Helene Hegemann zu bekommen. Der Frau, die ihre Erstleser mit einem "literarischen Kugelblitz" getroffen hatte, wie die "Zeit" in einem ganzseitigen Artikel das "heftige Romandebüt" hymnisch betitelte. Das war am 21. Januar. Der Verlag beeilte sich, die Sperrfrist für die Besprechung sofort aufzuheben und die Druckpressen neu zu starten für die 2. Auflage. Denn zwei Tage später kam die Süddeutsche Zeitung ebenfalls mit einer ganzen Seite über die "schüchterne junge Frau", die ein Buch geschrieben hat, "das einen überfährt. Schnell, hart, geradeaus und praktisch ohne zu bremsen". Das Blatt weiß auch schon, dass dies ein Buch ist, das "in hohem Maße Aufsehen erregen wird", und fragt sich warum. "Weil die Autorin 17 Jahre alt ist? Weil sie vorher schon einen Film in eigener Regie gedreht hat? Weil sie ihre Mutter verloren hat, als sie 13 war? Weil die Mutter als saufendes, kotzendes Wrack in diesem Roman erscheint? Weil Hegemann von der Schönheit des Heroins erzählt und den Darkrooms der Berliner Klubs und der Leere und Verzweiflung, welche die Jugend nun mal befällt, wenn sie jung ist? Weil sie die neue Charlotte Roche ist? Weil Journalisten Rudeltiere sind?"
Eine "Baby-Variante der Feuchtgebiete"?
Letztere sind jedenfalls elektrisiert, wollen mehr über Helene Hegemann und die Wahrheit hinter dem Roman wissen, in dem die Heldin Mifti heißt, 16 Jahre alt ist und von ihrer Mutter bis zu deren frühen Tod gehasst wurde. Ein junges Mädchen, das nicht funktionieren will, den permanenten Exzess wählt: harte Drogen, anonymen Sex, Tabubrüche, Mordfantasien. "Ein Roman, vor dem sich jeder, der über dreißig ist, hüten sollte", schreibt Maxim Biller in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, die der "Revolte gegen die Welt der Erwachsenen" vor knapp einer Woche auch eine ganze Seite spendierte. Biller ("100 Zeilen Hass"), der sich selbst nur zu gern als literarische Lichtgestalt und rebellischen Autor sieht, ist zwar auch schon einige Jahre über die Dreißig hinaus (er wird 56!), doch bei einem, der von sich sagt, "ich bin zuständig für große, unvergessliche Literatur", spielt das Alter keine Rolle. So einer stellt nur klar, warum er "Axolotl Roadkill" für eine Sensation hält: "Dieser Roman ist gemein, traurig, pervers, kitschig, blutrünstig, die Personen, die darin vorkommen, sind unsympathisch bis zum Erbrechen und vor lauter Jugend und Verzweiflung schöner als jeder Normalleser, dem die zivilisierte Buchhändlerin von nebenan diesen gefährlichen schwarzen Band als Baby-Variante der Feuchtgebiete empfehlen wird."
Danke, Herr Biller! Aber warum ist eigentlich ein "perverser" Roman nur abschreckend für Menschen über dreißig Jahre? Was hypet an einer Lektüre, in der man Sätze liest wie diesen: "Du kannst nicht nur Auberginen in Arschlöcher versenken, du kannst auch versuchen, vier Metallspitzen in das Fleisch unter den Kiefer einer Unbekannten zu rammen"? Wenige Zeilen vorher klingt es in diesem dialogreichen, von schroffen Szenenwechseln bestimmten Roman wie im Soziologieseminar: "Je verantwortlicher ein Kind für sein soziopathisches Elternteil ist, desto souveräner kann es mit seiner juristischen Schuldfähigkeit umgehen."
Tabubrüche in der Langeweile der "Wohlstandsverwahrlosung"
Hegemann hat in der Tat einen rasanten Roman geschrieben, einen, dessen verbale Radikalität und literarische Kunstfertigkeit gefangen nimmt, dessen kalkulierter Tabubruch aber auch durchschaubar ist. Man liest dabei immer das jugendliche Alter der Autorin, ihre Herkunft aus der intellektuellen Szene Berlins (ihr Vater Carl Hegemann ist prominenter Dramaturg) mit. Für den durchschlagenden Erfolg des Buches ist all dies mit-, aber sicher nicht nur entscheidend. Entscheidend dürfte auch die Lust der Leser - und vor allem der Rezensenten - sein, die (Selbst-)Zerstörungsszenarien, die "Wohlstandsverwahrlosung" in sprachgewaltigen Bildern serviert zu bekommen.
Dabei ist es nicht die Neuauflage der armen Kinder vom Bahnhof Zoo, sondern es sind die Sprösslinge aus dem bürgerlich-intellektuellen Milieu, die hier in ihrem psychischen Elend gezeigt werden. Vielleicht liegt darin ein wesentlicher Teil der Faszination dieses Schauerstücks. Es ist kein neues Phänomen, dass gerade jene literarischen Werke Erfolg haben, die als radikal gelesen werden, als Schocker und heiß ersehnte Tabubrüche. Weil dann (endlich) wieder hitzige Erregung in der langweiligen Luxuswelt der "Wohlstandsverwahrlosten" aufkommt.
Helene Hegemann wird demnächst unter anderem bei Harald Schmidt, der NDR-Talkshow "3 nach 9" und diversen Kultur-Magazinen zu sehen sein. Der Verlag gab gestern auf Anfrage bekannt, dass die 3. Auflage gedruckt wird. In Zahlen bedeutet das 70.000 Bücher - knapp eine Woche nach Erscheinen.







