SCHLESWIG-HOLSTEIN
Die Wirrnisse und Nöte des Erwachsenwerdens
Hamburg. Die Frage muss angesichts von Spielort und Zeitpunkt schon erlaubt sein: Gehört ein Projekt mit 14 Jugendlichen im Alter zwischen 14 und 19 Jahren und 14 älteren Menschen, die das Alter von 65 bereits überschritten haben, wirklich ins Deutsche Schauspielhaus? Noch dazu als Saisoneröffnung für das größte deutschsprachige Sprechtheater?
Nein, möchte man da antworten. Selbst wenn solche Projekte notwendig und ambitioniert sind, sie sind nicht geeignet, die Spielzeit eines subventionierten Staatstheaters dieser Größenordnung einzuläuten.
Laien-Ensemble kann überzeugen
Und dennoch hat es der Schauspieler und Regisseur Daniel Wahl mit seinem Laien-Ensemble geschafft, mit einer durch und durch überzeugenden und berührenden Inszenierung von "Frühlings Erwachen" eine eigene Kunstform auf die Bühne zu bringen. Das mag nicht zuletzt an der Wahl des Stoffes gelegen haben. Wedekinds Kindertragödie aus dem Jahr 1891 erzählt von den Wirrnissen und Nöten des Erwachsenwerdens, das mit der verklemmten Sexualität der Erwachsenen und der fehlenden Aufklärung der Jugendlichen unweigerlich in die Katastrophe führt. Das gut 100 Jahre alte Stück collagiert Wahl mit Szenen aus dem 1995 entstandenen Film "Kids" von Larry Clark sowie mit Gedanken seiner jungen und alten Akteure. In dieser durchdachten Vermischung wird die Verlorenheit und Hilflosigkeit der Jugendlichen gestern und heute genauso deutlich wie deren Todesnähe. Da gibt es zum Beispiel eine HIV-positive Jenny. Sie lebt in einer Welt mit ständiger sexueller Reizüberflutung durch Musikvideos und Filme, die auch die obszöne Sprache und das brutale Gehabe ihrer Freunde prägen. Die Grenzen von Moral, Scham und Respekt haben sich verschoben, wenn nicht gar aufgelöst.
Zwischen Schlägern und Machos
Während Wedekinds Wendla Melchior noch überreden muss, sie zu schlagen, damit sie einmal erfährt, wie das ist, prügeln die Jugendlichen aus "Kids" grund- und hemmungslos auf den alten Melchior ein. Während dem schüchternen Moritz sexuelle Fantasien noch Höllenqualen bereiten, brüsten sich die Jungs aus "Kids" damit, welches Mädchen sie als nächstes flachlegen. Wahl zieht die Verbindung zwischen der Jugend damals und der von heute, indem er die drei Protagonisten aus Wedekinds Drama, Moritz, Melchior und Wendla, mit jungen und alten Spielern doppelt besetzt. So kann er nicht nur deren bekannte Geschichte erzählen, sondern auch, was aus ihnen hätte werden können und wie sie heute denken würden. Und gerade weil alle diese Darsteller so viel mit dem, was sie erzählen, zu tun haben, wirkt diese Inszenierung so glaubwürdig, vielleicht sogar glaubwürdiger als mit professionellen Schauspielern.
Kein Wunder, dass das mit vielen Schüler durchsetzte Publikum konzentriert die 70-minütige Vorstellung verfolgte und Regisseur und Ensemble zu Recht mit viel Beifall belohnte.
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