HAMBURG

 

Markus Schreiber im Portrait

Der "Sheriff" von Hamburg-Mitte

10. Februar 2012 | 15:00 Uhr | Von Markus Klemm, dpa

Markus Schreiber war zehn Jahre Leiter des Hamburger Bezirksamts Mitte. Jetzt ist er zurückgetreten. Foto: dpa

Der Druck war letztlich doch zu hoch. Nach dem dritten Todesfall unter seiner politischen Verantwortung Bezirksamtschef Markus Schreiber nicht mehr zu halten.

Hamburg. Er hat es wohl schon geahnt. Bereits am 1. Februar tat Markus Schreiber, was man grundsätzlich nicht tut, wenn man politisch massiv unter Druck steht, seinen Job aber unbedingt behalten will: Er sprach über einen möglichen Nachfolger. Dem 51 Jahre alten Sozialdemokraten muss schon damals klar gewesen sein, dass er nach der tödlichen Methadon-Vergiftung der elfjährigen Chantal als Bezirksamtsleiter von Hamburg-Mitte nicht mehr zu halten ist. Schließlich war es nicht das erste Mal, dass das ihm unterstelle Jugendamt tödliche Fehler begangen hatte.

So war die 16-jährigen Deutsch-Afghanin Morsal 2008 von ihrem Bruder erstochen worden, weil sich das Mädchen nach Ansicht der Familie zu sehr dem westlichen Lebensstil angepasst hatte. Die Behörden kannten die Gefahr, machten aber nichts. 2009 war die erst neun Monate alte Lara Mia völlig abgemagert gestorben - obwohl sie in der Obhut des Jugendamts war. Und nun Chantal. Jedes Mal betonte Schreiber, dass er sich persönlich nichts habe zuschulden kommen lassen - eine Aussage, die juristisch zwar richtig sein mag, politisch jedoch untragbar ist, wie nun auch Schreiber offensichtlich selbst mit seinem Rücktritt erkannt hat.

"Regierungsstil" nicht unumstritten

Der in Hamburg-Winterhude geborene Sohn eines Pastors war zehn Jahre Bezirksamtschef in Mitte, zuständig für rund 283.000 Einwohner und Herr über 19 Stadtteile, die von der vornehmen Hafencity, über die Problemviertel Billstedt und Wilhelmsburg bis hin zur Nordseeinsel Neuwerk und dem Kiez auf St. Pauli reichen. Sein "Regierungsstil" war dabei nicht unumstritten. Während die einen Schreiber als einen integren, hilfsbereiten, tüchtigen und charakterfesten Mann beschreiben, gerierte er sich für andere als unsensibler "Sheriff", der gerne über das Ziel hinausschoss.

Beispiele gab es mehrere: So wollte Schreiber 2005 mit Geldbußen von bis zu 15.000 Euro gegen Inlineskater und Skateboarder vorgehen, die verbotenerweise auf dem mit Millionenaufwand sanierten Jungfernstieg fuhren. Oder aber er empörte 2010 die Künstler im Hamburger Gängeviertel, weil er dort Häuser mit der Begründung schließen ließ, dass ein Aufenthalt dort zu gefährlich sei. Dabei hatten die Künstler die Gebäude, um die sich die Stadt und der Bezirk Mitte jahrzehntelang nicht gekümmert hatten, mit viel ehrenamtlichem Engagement vor dem Verfall bewahrt.

Stets aufs Gesetz berufen

Schreiber, der vor seinem Amtsantritt Gymnasiallehrer für Mathematik, Chemie und Erziehungswissenschaften war, berief sich bei seinen Aktionen stets auf das Gesetz, erklärte, dass er im Grunde nur ausführendes Organ sei und handeln müsse. Unter anderem mit dieser Begründung setzte der Vater einer Tochter auch die Räumung des Zomia-Bauwagenplatzes in Wilhelmsburg durch - was Kritiker als übertrieben empfanden, weil das als Industriegebiet ausgewiesene Grundstück am Ernst-August-Kanal von niemandem sonst beansprucht wurde.

Weit über die Grenzen Hamburgs hinaus bekannt wurde Schreiber jedoch erst im vergangenen Jahr mit seiner Aktion gegen Obdachlose. Weil der passionierte Hobbyfotograf verhindern wollte, dass diese weiter unter einer Brücke unweit des Hafens übernachteten, ließ er dort kurzerhand für rund 18.000 Euro einen Zaun aufstellen - und musste ihn nach zahlreichen, teils wütenden Protesten aus allen Parteien nach nur neun Tagen wieder abbauen lassen.


 

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