CAMPUS
Talentdiagnostik
Zum Handball-Ass per Knopfdruck
Haben den Durchblick bei der Sichtung von Talenten: Nele Schlapkohl (r.) spielt Hilke Zastrow Situationen auf der 3-D-Brille vor – sie muss sich für einen Spielzug entscheiden. Foto: Dewanger
Flensburg. Es ist ein wenig wie in Günther Jauchs beliebter Quizsendung. Doch winken hier keine Millionen - sondern im besten Fall ein Vertrag als Profi-Handballer.
Das Institut für Bewegungswissenschaften und Sport (IBUS) an der Universität Flensburg hat einen Messplatz entwickelt, der Trainer bei der Suche nach Handballtalenten unterstützen soll. Mit modernster 3-D-Technik werden Spielszenen an die Leinwand geworfen, die abrupt stoppen. Was tut der Spieler nun? Selbst werfen? An den Kreis passen? Oder den Außen ins Spiel bringen? Möglichst schnell - ohne Telefon- oder Publikumsjoker - muss er sich für eine Variante entscheiden und diese in eine kleine Konsole eintippen. Sichtungstrainer auf Landes- und Bundesebene sollen dadurch potenzielle Talente noch besser erkennen können.
"Gute Entscheidungen sind schnelle Entscheidungen", sagt Nele Schlapkohl (31), Professorin am IBUS und Mitentwicklerin der Talentdiagnostik, des sogenannten Motion-Labs für Handball talente. Die Auswertung der Schnelligkeit und der Qualität der Entscheidung sollen Aufschlüsse über das taktische Verständnis liefern. Das Spielverständnis mache gerade in einer Zeit, in der die Sportler auf athletischem Top-Niveau agieren, den Unterschied aus. "Bei dem hohen Spieltempo, den offenen Deckungsvarianten ist schnelles Handeln ständig nötig, kann ein Fehlpass entscheidend sein", erklärt Schlapkohl. Zudem wird das taktische Wissen überprüft, indem ein Video eine kurze Spielszene zeigt, die der Spieler anschließend nachstellen muss. Zuletzt wird auch die Spielerfahrung abgefragt. Schlapkohl: "Schließlich ist es wichtig zu wissen, ob ein Spieler schon nach einem halben Jahr oder nach beispielsweise fünf Jahren ein bestimmtes taktisches Leistungsniveau erreicht hat."
Die Sportprofessorin betont, dass der Messplatz das übliche Sichtungsverfahren nicht ersetzt. "Es zeigte sich aber, dass es gerade auf Landes- und Bundesebene eine sinnvolle Ergänzung ist, da hier die Trainer nicht täglich mit den Spielern in Kontakt stehen und sie nicht so gut kennen, das Motion-Lab hilft dann schnell zu vergleichbaren Ergebnissen", Schlapkohl. Trainer können 25 Spieler gleichzeitig testen. Und wenn ein Nachwuchstalent bei einem Sichtungstermin mal einen schlechten Tag hatte, kann es hier möglicherweise Punkte sammeln.
Der Messplatz wurde in enger Zusammenarbeit mit den Trainern verschiedener Ebenen entwickelt. So hat auch Klaus Gärtner, Jugendkoordinator der SG Flensburg-Handewitt, geholfen, die Spielszenen zu erstellen und die Entscheidungen zu bewerten. Finanziert wurde das Projekt vom Bundesinstitut für Sportwissenschaften.
Doch nicht nur junge Talente, sondern auch gestandene Handballer können vom Motion-Lab profitieren. Parallel zur Weiterentwicklung der Talentdiagnostik arbeitet Promotionsstudentin Hilke Zastrow (30) daran, das System fürs Training nutzbar zu machen.
Mit Hilfe einer 3-D-Brille können Spieler mit Spielszenen, die dem Gegner entsprechen, zu Hause anschauen - und seine Entscheidungen treffen. "Die Nationalmannschaft sieht sich ja nur selten. Mit der neuen Technik können sie aber jederzeit und überall neue Taktiken einstudieren", erläutert Zastrow. Oder man denke an verletzte Spieler, oder an lange Auswärtsfahrten.
Für den Trainer bietet der Einsatz des Motion-Labs die Möglichkeit, seine Spieler besser einzuschätzen, kann erkennen, dass sein Mittelmann den Kreisläufer nie anspielt, oder der Halblinke keinen Blick für den Außen hat. Im Training kann er das dann gezielt abstellen. Aber auch hier gilt: Die Technik ersetzt nicht das Training in der Halle. "Aber durch den Einsatz bleibt mehr Zeit für andere Dinge", sagt Zastrow.
Ähnliche Systeme sind aus Sicht von Schlapkohl und Zastrow auch in anderen Ballsportarten umsetzbar. Derzeit werde an der Uni gerade an einem Messplatz für Basketball getestet.
Die Ergebnisse des Projekts werden in Kürze im Verlag Flensburg University Press unter dem Titel "Motion Lab for talents" veröffentlicht.
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