PANORAMA

 

Opfer von K.o.-Tropfen

Ein Leben mit dem Filmriss

20. August 2012 | 08:00 Uhr | Von Niko Wasmund


Quälende Ungewissheit durch Erinnerungslücken: Der seelische Schmerz der K.o.-Tropfen-Opfers ist groß. Foto: Weißer Ring

Quälende Ungewissheit durch Erinnerungslücken: Der seelische Schmerz der K.o.-Tropfen-Opfers ist groß. Foto: Weißer Ring

Betroffene geben sich häufig eine Mitschuld, wenn sie Opfer von K.o.-Tropfen wurden. 70 bis 80 Prozent der Taten passieren im Freundeskreis.

Kiel. Das Beispiel aus einem Internet-Forum zum Thema K.o.-Tropfen ist charakteristisch. In ihrem Beitrag berichtet eine Teilnehmerin: "Ich habe in einer Diskothek jemand kennen gelernt, der mir ein Bier ausgab, das da schon etwas komisch schmeckte. Mir ist schwindlig geworden, dann hat der Kerl mich mit nach draußen genommen, und wir sind mit seinem Auto zu mir gefahren. Ich würde niemals zu jemandem, den ich nicht kenne, ins Auto steigen. Mein Wille war aber vollkommen ausgeschaltet. Dann habe ich wieder eine Erinnerung daran, das geschützter Sex stattgefunden hat, ich konnte mich körperlich nicht bewegen und bin dann erneut weggetreten. Als ich wieder zu mir kam, war er gerade dabei, mich zu betatschen und ich hatte richtige Angst, sagte zu ihm, er solle aufhören, aber er tat es nicht. Dann vergewaltigte er mich erneut. Am nächsten Tag ging es mir körperlich sehr schlecht, und das, was ich vorher erlebt hatte, war wie ein Traum."

Im Anschluss berichtet die Betroffene noch, dass sie die Geschehnisse zunächst verdrängt und eher als ihre eigene Schuld angesehen habe. Erst zwei Monate später habe sie Anzeige erstattet, ihr sei aber nicht geglaubt worden. Am Ende des Beitrags schreibt sie: "Das hat bei mir viel kaputt gemacht. Noch heute leide ich sehr darunter."

"So ein Kontrollverlust ist schwer zu verarbeiten"

Angela Hartmann kennt als Leiterin des Landesverbandes der Frauenberatungsstellen solche Schicksale. Typisch sei, dass die Frauen sich selbst als zumindest mitschuldig betrachten würden. "Das ist - neben der Scham und mangelnder Erinnerung an die Abläufe der Tat - einer der Gründe, weswegen viele Fälle nie ans Licht kommen", so Hartmann. Viele der Opfer würden sich nach einiger Zeit in Therapie begeben. "Die Betroffenen wissen einfach nicht, was mit ihnen passiert ist, so ein Kontrollverlust ist sehr schwer zu verarbeiten", erklärt sie. In der Behandlung könne oftmals nur versucht werden, die Rahmenbedingungen zu rekonstruieren und mögliche Abläufe durchzuspielen.

Im Übrigen sei es ein nur schwer zu bekämpfender Mythos, dass Verbrechen mit K.o.-Tropfen am häufigsten in Diskotheken und Bars vorkommen. "70 bis 80 Prozent der Taten passieren - ähnlich wie bei anderen sexuellen Übergriffen - im Freundes- und Bekanntenkreis." Verbote von K.o.-Tropfen hingegen hält Hartmann aufgrund deren Vielzahl für sinnlos.

In Deutschland verboten, doch leicht zu bekommen

"Zur Verwendung eignen sich im Prinzip Hunderte Substanzen", sagt Gertrud Rochholz, Toxikologin am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein. "Alles, was in der Medizin zur Beruhigung oder zur Bekämpfung von Schlaflosigkeit eingesetzt wird, lässt sich einzeln oder in Kombinationen als K.o.-Tropfen missbrauchen." Aus der Party- und Drogenszene bekannt ist GHB (Abkürzung für Gamma-Hydroxybuttersäure), zumeist als "Liquid Ecstasy" bezeichnet. GHB selbst ist zwar in Deutschland verboten, aber leicht abgewandelt in jeder Drogerie zu bekommen. "Das Problem ist: Die Substanzen sind nach sehr kurzer Zeit nicht mehr im Körper nachweisbar", so Rochholz. "Im Blut bereits nach vier bis acht Stunden, im Urin nach zwölf Stunden."

Dies sei der Grund, warum den vielen Verdachtsfällen nach seiner Kenntnis keine bewiesenen Taten gegenüber stehen, sagt Stefan Jung, Sprecher des Landeskriminalamts (LKA). Rochholz widerspricht: "Es werden zunehmend Fälle zur Anzeige gebracht, das Dunkelfeld erhellt sich allmählich", sagt sie.

Keine Grundlage für übertriebene Angst

Angela Hartmann wünscht sich diesbezüglich eine größere Sensibilisierung, nur durch Aufklärung könne man potenzielle Täter abschrecken. Als gutes Beispiel nennt sie eine vor einigen Jahren gestartete Kampagne der Landesregierung unter dem Motto "K.o-Tropfen - fiese Droge im Glas", bei der über Flyer und Postkarten Jugendliche gewarnt und Ärzte mit Kittelkarten zum Thema ausgestattet wurden. Genau an dieser Stelle müsse man ansetzen.

Günter Sontjer, Pressesprecher des Weißen Rings in Schleswig-Holstein, empfiehlt allen Partybesuchern und Discogängern, grundsätzlich immer auf das eigene Glas zu achten und keine Getränke von Fremden anzunehmen. LKA-Sprecher Stefan Jung warnt allerdings vor Panikmache: "Am besten feiert man im Kreis von Freunden. Wir dürfen aber keine übertriebene Angst schüren, dafür gibt es keine Grundlage."

Hier gibt es Hilfe:
Weißer Ring, bundesweites Opfertelefon: 116006
Adressen örtlicher Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe: www.frauenberatung-sh.de
Frauenhelpline: 070099911444 (Mo. bis Fr. von 15 bis 1 Uhr, Sa. und So. von 10 bis 1 Uhr) und unter www.helpline-sh.de


 
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